Die Wochenend-Meinung Wer Klima-Demos hasst, hat Angst und ein schlechtes Gewissen
Es war nur eine kleine Meldung im September, aber unsere Leser haben darauf so heftig reagiert wie selten. Die Zweibrücker Schüler streiken wieder an einem Freitagmittag fürs Klima. Dafür werden sie angefeindet und mit Häme und Spott übergossen: „Dummbratzentreff“, „Die Rotzlöffel schwänzen wieder die Schule“, „Dumm, dümmer, Friday for Future ...!!“. Die Ferien seien ja wieder vorbei. Die hätten noch nie was gearbeitet. Sie sollten lieber in die Schule gehen. Erst mal ihre Handys abgeben. Würden alle Urlaub auf dem Kreuzfahrtschiff machen oder mit dem Flugzeug. Kämen mit dem Auto in die Schule und zur Demo. Sollten erst mal auf Laptops und Kleider aus dem Ausland verzichten und nur noch regionales Obst und Gemüse essen.
Es gibt durchaus Punkte, die man bei den Klimastreiks kritisieren kann. Ja: Manche Jugendliche schwänzen die Schule. Ja: Kämen sie an einem Samstag oder am Nachmittag, wäre es glaubwürdiger. Ja: Auch die Demonstranten tun Dinge, die nicht komplett mit dem vereinbar sind, wofür sie sich einsetzen.
Erwachsene beschimpfen Jugendliche als „Dummbratzen“
Aber was bringt erwachsene Menschen dazu, 15-, 16-, 17-Jährige derart zu beschimpfen? Wie würden Sie reagieren, wenn auf der Straße ein 45-Jähriger Ihre Tochter einfach so eine „Dummbratze“ nennen würde? Ich glaube: Zum einen haben die Kritiker irgendwo doch ein schlechtes Gewissen. Denn das Anliegen der Klima-Demonstranten ist ja nicht verkehrt. Sie setzen sich für eine bessere Umwelt und eine bessere Zukunft für uns alle ein. Selbst wer dem nicht zustimmt, könnte sich das Anliegen ja einfach am Allerwertesten vorbeigehen lassen. Über andere Demonstrationen verreißen sich die Leute ja auch nicht so das Maul. Aber es ist nun mal unangenehm, wenn man daran erinnert wird, dass man ja sein Verhalten ändern könnte. Erst recht, wenn man das gar nicht möchte.
Und hier kommt ein zweiter Punkt dazu, warum der Hass so groß ist: die Angst, die Klima-Kids könnten mit ihren Demos tatsächlich etwas bewirken. Die Angst, dass man dann irgendwann gezwungen ist, sein Verhalten zu ändern. Dass man auf Annehmlichkeiten verzichten muss. Deshalb schlug ja vor der Bundestagswahl auch der Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock so viel Hass entgegen – bis hin zu gezielten Falschmeldungen, die ungeprüft auf Whatsapp geteilt wurden: Es ging da nicht drum, dass man dieser Politik nicht zustimmt. Die Freien Wähler, die Tierschutzpartei oder die Piraten waren den meisten ja schlicht egal. Es herrschte Angst, die Grünen könnten tatsächlich zur stärksten Partei werden.
Was sollen die ganzen Vorwürfe?
Und was sollen eigentlich die Vorwürfe, die sich die Freitags-Demonstranten gefallen lassen müssen? Natürlich ist wieder Schule. Die Demos sind ja auch als Schulstreik gedacht. Einem Busfahrer werfe ich auch nicht vor, dass er sich zum Streiken nicht seinen freien Sonntag aussucht. Jede Wette: Würden die Schüler an einem Freitagmittag gegen hohe Gaspreise auf die Straße gehen, würden die Hasser ihnen nicht vorwerfen, dass sie die Schule schwänzen. Dann hieße es: „Seht her, sogar die Jugend hat’s kapiert und steht auf.“ Natürlich haben die Schüler noch keinen richtigen Beruf. Aber wenn Erzieherinnen demonstrieren, werfe ich der Auszubildenden auch nicht vor, sie solle erst mal zehn Jahre unter den jetzigen Bedingungen arbeiten, bevor sie sich beschwert. Und natürlich leben nicht alle Demonstranten so, wie sie es in ihren Forderungen verlangen. Aber wenn ein Lasterfahrer für mehr Lohn demonstriert, entgegne ich ihm auch nicht, dass er erst mal mit dem Rauchen aufhören soll, bevor er mehr Geld will. Und eine Krankenschwester darf für mehr Freizeit und bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie demonstrieren, ohne dass sie dann jede gewonnene Minute mit ihren Kindern verbringen muss. Und letztendlich haben die Klima-Kids genauso das Recht zu demonstrieren, wie alle anderen auch.