Zweibrücken Wenn das Geld nicht reicht

Etwa jeder neunte Zweibrücker hat nicht genug Geld, um Monat für Monat seine laufenden Kosten zu bezahlen.
Etwa jeder neunte Zweibrücker hat nicht genug Geld, um Monat für Monat seine laufenden Kosten zu bezahlen.

Einer von neun Zweibrückern hat, statistisch betrachtet, nicht genug Geld, um Monat für Monat seine laufenden Kosten zu bezahlen. Was man tun kann, weiß die Schuldnerberatung.

In Zweibrücken waren im vergangenen Jahr weniger Menschen verschuldet als noch zwei Jahre zuvor. Die Überschuldungsquote sank von 12,6 Prozent im Jahr 2020 auf 10,7 Prozent im Jahr 2022. Rein rechnerisch bedeutet dies bei rund 34.000 Einwohnern, dass nicht mehr rund jeder Achte, sondern etwa jeder Neunte verschuldet ist. Diese Zahlen liefert der Schuldner-Atlas, der alljährlich von den Wirtschaftsforschern von Creditreform erstellt wird. In der Praxis aber warten Betroffene bis zu einem Jahr auf einen Termin bei der städtischen Schuldnerberatung. Die RHEINPFALZ hat nachgefragt.

Wann spricht man von „Überschuldung“?
Überschuldet ist man, wenn mit seinem Einkommen über einen längeren Zeitraum und nach Abzug der Lebenshaltungskosten nicht mehr seine (Raten-)Verpflichtungen bezahlen kann.

Was sind in Zweibrücken die Hauptgründe dafür, dass Menschen in eine finanzielle Schieflage geraten?
Auslöser von Überschuldung sind sowohl individuelle Faktoren wie zum Beispiel Trennung, Scheidung, Arbeitslosigkeit, geringes Bildungsniveau, lange und/oder schwerwiegende (Sucht-)Erkrankungen, Rentenbeginn, unerwarteter Tod des Partners mit einhergehendem Einkommensverlust oder dass man eigentlich das Erbe ausschlagen müsste, wenn ein Partner oder ein Elternteil mit Schulden stirbt, das Erbe aber doch annimmt, etwa aus Scham. Aber auch volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Faktoren wie zum Beispiel Leiharbeit, befristete Arbeitsverhältnisse, beschönigende Werbung in Verbindung mit fehlenden Informationen über Konsequenzen bei Zahlungsverzug können zu hohen Schulden führen.

Bitten mehr Männer oder mehr Frauen um Hilfe?
Geringfügig mehr Männer als Frauen wurden 2022 in der Beratungsstelle unterstützt.

Sind eher Jüngere oder Ältere überschuldet?
Rund die Hälfte der Ratsuchenden ist unter 40 Jahre alt, die andere Hälfte darüber.

Wie hoch sind die Menschen im Schnitt verschuldet?
Pro Haushalt liegt bei uns im Jahr 2022 eine durchschnittliche Schuldenhöhe von rund 30.000 Euro vor.

Wir wird den Menschen geholfen?
Die Schuldnerberatung ist ein Hilfsangebot, um möglichst nachhaltig erneute Verschuldung zu vermeiden. Gerade soziale Schuldnerberatung hat vor allem zum Ziel, den Betroffenen ein menschenwürdiges Auskommen oder Einkommen zu sichern. Aufgabe ist, die ratsuchenden Schuldner aufgrund finanziell prekärer Situationen zu unterstützen, soziale Krisen zu bewältigen und/oder abzumildern und dadurch wieder positive Perspektiven für ihr weiteres Leben entwickeln zu können. Hier gilt der Grundsatz für die soziale Schuldnerberatung: Existenzsicherung geht vor Schuldenregulierung.

Welche Schritte gehen die Schuldnerberater mit den Ratsuchenden?
Zuerst wird gemeinsam mit den Betroffenen versucht, einen Überblick über ihre aktuelle Lebens- und Finanzsituation zu bekommen. Daraus ergeben oder entwickeln sich dann die weiteren Schritte zu einer Existenzsicherung und anschließenden Schuldenregulierung. Man findet möglichst alle Gläubiger, stellt deren Forderungen auf und macht ihnen ein Regulierungsangebot – in dem die Gläubiger auch gebeten werden können, auf ihre Forderung zu verzichten, wenn der Schuldner nichts zahlen kann. Wenn keine Einigung über das vorgeschlagene Regulierungsangebot gefunden werden kann, dann kann danach – als letztes Mittel der Schuldenregulierung – eine Privatinsolvenz beantragt werden. Vor einem Antrag auf Privatinsolvenz hat aber zwingend immer der außergerichtliche Regulierungsversuch stattzufinden.

Wie viele Sitzungen braucht man dafür?
Eine Beratungs- und Unterstützungsbegleitung der Betroffenen kann bis zu mehreren Jahren andauern. Schuldner können sich aber nicht nur in der akuten Krisensituation an die Schuldnerberatung wenden, sondern auch schon im Vorfeld, bei Hinweisen, dass eine finanzielle Krise bevorsteht.

Haben Menschen überhaupt eine Chance, aus einem Überschuldungs-Teufelskreis wieder herauszukommen?
Die deutliche Antwort der Schuldnerberatung: „Ja, absolut.“ Entweder über eine außergerichtliche Schuldenregulierung oder auch über eine Privatinsolvenz. Allerdings benötigten die Betroffenen hierfür auch immer etwas Geduld und Ausdauer. Ebenfalls notwendig sei auch eine Auseinandersetzung mit den Ursachen, die zu einer Überschuldung führten. Hier müsse „allerdings noch mal deutlich gesagt werden, dass die meisten Betroffenen unverschuldet in eine Überschuldung geraten sind und nur eine Minderheit aufgrund zum Beispiel unwirtschaftlicher Haushaltsführung“.

Laut Statistik waren 2022 weniger Zweibrücker überschuldet als 2020. Hat man das bei der städtischen Schuldnerberatung überhaupt gespürt? Sind weniger Leute gekommen?
Die Beratungsstelle sagt, sie habe keinen Rückgang der Beratungsanfragen wahrgenommen. Im Jahr 2022 hatte die Schuldnerberatungsstelle 187 laufende Beratungsfälle (in 2021 waren es 202). In 2022 kamen 139 neue Fälle in die konkrete Fallbearbeitung hinzu (in 2021 waren es 115) und abgeschlossen wurden 119 (in 2021 waren es 142).

Liegt die Wartezeit auf einen Termin weiterhin bei bis zu einem Jahr? Wie viele Leute arbeiten bei der städtischen Schuldnerberatung?
Ja, die Wartezeit liegt, zumindest für alle Ratsuchenden, die berufstätig sind und über Arbeitseinkommen verfügen oder in Altersrente sind wie auch für Bezieher von Arbeitslosengeld I und Grundsicherung für nicht arbeitsfähige Personen weiterhin bei rund 12 Monaten. Für Bezieher von Arbeitslosengeld II und (frühere) Kleinstselbstständige ist die Wartezeit im Durchschnitt etwas kürzer. Für jede der genannten Personengruppen ist ein Sachbearbeiter zuständig. Die Schuldnerberatungsstelle ist mit zwei Vollzeitstellen besetzt. Sie hätte gerne weiteres Personal, und tatsächlich hat das Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung einen Zuschuss für eine weitere halbe Stelle ab Januar 2022 bewilligt. Allerdings muss auch die Stadt einen Teil dazuzahlen, was wegen der Haushaltslage bisher nicht möglich war.

Ist aufgrund der hohen Inflation wieder mit einem Anstieg bei der Überschuldung zu rechnen?
Corona und die Folgen wie Kurzarbeit, Arbeitsplatzverlust , aber auch von (Kleinst-)Selbstständigkeit führten 2021 zu mehr Anfragen als im Jahr davor. Ab Mitte 2022 folgten mehr Anfragen im Zusammenhang mit den gestiegenen Energiekosten und zu den staatlichen Hilfen. Dass es viele unterschiedliche staatliche Kompensationsmaßnahmen gab und weil nach und nach ständig neue finanzielle Unterstützung für unterschiedliche Personengruppen beschlossen wurden, „war die Beratung der Ratsuchenden zeitintensiv, da auch wir als Beratungskräfte uns ständig über diese neuen Hilfen informieren mussten“, schreibt die Schuldnerberatung.

Wie hoch ist die Überschuldungsquote andernorts?
Deutschlandweit lag die Überschuldungsquote im Jahr 2022 bei 8,5 Prozent. Das ist der niedrigste Stand in den letzten vier Jahren. Auch Rheinland-Pfalz verzeichnete – ebenso wie alle anderen Bundesländer – einen Rückgang: Im Jahr 2022 betrug die Überschuldungsquote in ganz Rheinland-Pfalz 8,7 Prozent. Am wenigsten Schulden haben die Menschen in Bayern und Baden-Württemberg; Sachsen-Anhalt und Bremen sind die Schlusslichter im Ländervergleich. Bei den Städten belegte Pirmasens mit einer Überschuldungsquote von 16,9 Prozent im Jahr 2022 den drittletzten Platz. Schuldenhochburg war Bremerhaven mit einer Überschuldungsquote von 19,7 Prozent; auf Platz zwei folgte Gelsenkirchen mit einer Quote von 16,9 Prozent. In der Südwestpfalz lag die Überschuldungsquote im vergangenen Jahr bei 7,1 Prozent. Die Forscher von Creditreform sehen die Corona-Pandemie als Ursache für den Rückgang: Zum einen gab es Corona-Hilfsprogramme, zum anderen waren die Möglichkeiten, Geld auszugeben, durch die pandemiebedingten Einschränkungen begrenzt. Außerdem waren die Menschen auch vorsichtiger mit ihren Ausgaben.

Info

Die Schuldnerberatungsstelle in der Poststraße 40 ist montags bis freitags von 8 bis 12 Uhr geöffnet, donnerstags auch von 14 bis 16 Uhr. Die Berater erreicht man unter Telefon 06332 871-519 und -532 oder per Mail an schuldnerberater@zweibruecken.de. Die Beratung ist kostenlos.

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