Südwestpfalz
Was Frauen wollen – um mehr arbeiten zu können
„Händeringend“ – dieses Wort fällt oft, wenn jemand beschreibt, wie sehr derzeit in manchen Branchen Arbeitskräfte gesucht werden. Und egal, mit wem man spricht, ob Arbeitgeber, Berufsschullehrer oder Arbeitsamt, jeder sagt: „Händeringend“ sei keine Floskel, die man so daher sagt, weil sie jeder benutzt. Dass an manchen Stellen Arbeitskräfte fehlen, merkt man bereits im Alltag. Wenn ein Geschäft aus Nachwuchsmangel schließt. Wenn der Zug ausfällt. Wenn das Schwimmbad zubleibt. Oder der Kindergarten. Und die Zahlen sagen: Wir sind erst am Anfang.
Laut Arbeitsagentur geht in den nächsten zehn Jahren ein Viertel der 170.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Westpfalz in Ruhestand. 43.000 Menschen, die heute über 55 Jahre alt sind. Vor allem Fachkräfte. Selbst wenn jeder junge Westpfälzer eine Ausbildung macht, hier bleibt und hier arbeitet, wird das nicht reichen, um die Lücke zu füllen.
Frauen bilden die „stille Reserve“
Die Arbeitsagentur sucht deshalb selbst nach Möglichkeiten, den Fachkräftemangel nicht zu groß werden zu lassen. Dabei geht es nicht nur darum, wie viele Personen überhaupt da sind. Wichtig ist, wie viele von ihnen tatsächlich arbeiten und in welchem Umfang sie das tun wollen. Und hier gibt es etwas, was die Arbeitsagentur als „stille Reserve“ bezeichnet: Menschen, die Teilzeit arbeiten. Dazu zählen deutlich mehr Frauen als Männer. Das hat Ursachen, wie die Arbeitsagentur aufzählt: „Eine Kita, die schon mittags zumacht. Ein Arbeitgeber, der das Homeoffice verweigert. Ein Ehepartner, der nicht bereit ist, Kinderkrankentage zu nehmen: Es gibt viele Gründe, die Menschen – und insbesondere Mütter – mit kleinen Kindern davon abhalten, in dem Stundenumfang zu arbeiten, den sie sich eigentlich wünschen.“ Bundesweit gilt: Würde jede Mutter mit einem Kind unter 18 Jahren, die derzeit weniger als 28 Wochenstunden arbeitet, um eine Stunde aufstocken, würde das 71.000 Vollzeitstellen entsprechen.
Für die Westpfalz gibt es eine solche Rechnung nicht, aber hier gilt für die sozialversicherungspflichtigen Jobs – also ohne Beamte, Selbstständige, Schüler und Studenten: 53 Prozent der Frauen arbeiten in Teilzeit. Bei den Männern sind es nur 12 Prozent. Wobei Nadja Schäfer sagt: „Alles, was vom Üblichen abweicht, ist ne Teilzeitstelle.“ Sie ist die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt bei der Arbeitsagentur in der Westpfalz. Ihr Ziel: dass Männer und Frauen Job und Familie gemeinsam planen und meistern. „Machen wir’s fair“, heißt die Broschüre, die sie zum Gespräch mitbringt und in der ihr Foto und ihre Kontaktdaten abgedruckt sind.
Oft nicht fair verteilt
Denn die Kinderbetreuung und die Teilzeitarbeit sind eben nicht fair verteilt, sondern sehr oft reine Frauensache. Und das obwohl die Mädchen die Jungen bei den Schulabschlüssen mittlerweile überholt haben. Wenn Nadja Schäfer in Schulen unterwegs ist, erfährt sie: „Die Mädels fühlen sich gleichberechtigt.“ Doch dann wählen die jungen Frauen Berufe, die schlechter bezahlt sind, und wenn das Kind da ist, bleiben sie wegen des Geldes zuhause und nicht der Mann. Nur im Akademikerbereich seien die Paare „am ehesten bereit, das traditionelle Frauenbild aufzuweichen“, sagt Nadja Schäfer.
Die Arbeitgeber in der Region seien mittlerweile sehr offen und hörten zu, aber auch das restliche Umfeld müsse stimmen: „Wir sind noch weit weg von den Rahmenbedingungen, wie wir sie bräuchten.“ Ein Beispiel: die Kinderbetreuung. „Ich wüsste keine Kita, die Randzeitenbetreuung bietet“, sagt Schäfer. Dabei spiele eine zuverlässige Kinderbetreuung „eine Riesenrolle“. Und selbst wenn jemand einen Ganztagsplatz hat, gebe es „noch viel zu viel Notbetreuung“, was wieder kurzfristige Probleme schaffe. Da helfe es manchmal schon, wenn das dem Arbeitgeber bewusst ist und man ohne schlechtes Gewissen umplanen kann. Eine Frau als Chef sei übrigens kein Garant dafür, dass man auf Verständnis stößt: „Frau ist gleich familienfreundlich, das ist zu pauschal gedacht.“
Doppelbelastung: Kind und Pflege
Auf die Großeltern als Betreuer zu setzen, gehe auch nicht immer: „Die Omas sind mittlerweile in der Regel auch berufstätig.“ Und auf viele Frauen komme ganz oft sogar noch eine Doppelbelastung zu: Sie übernehmen oft auch die Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen.
„Es gibt auch viele, die einfach Angst haben, ob sie dem auch gerecht werden können, was der Markt verlangt“, weiß Nadja Schäfer. Was sie aber oft hört: „Ich würde gerne mehr arbeiten, aber das und das und das verhindert’s noch.“ Das und das und das: Dazu zählen unflexible Arbeitszeiten, mangelnde Unterstützung des Arbeitgebers, Lohnunterschiede, eine unfair aufgeteilte Sorge für die Kinder. Würde man all diese Hürden abbauen, ließe sich laut Arbeitsagentur ein enormes Potenzial ausschöpfen. Andrea Nahles, die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit drückte es zum Weltfrauentag so aus: „Zweifelsohne ist das Arbeitskräftepotenzial von Frauen auf dem Arbeitsmarkt ein unverzichtbarer Hebel zur Fachkräftesicherung.“
„Die Rahmenbedingungen müssen stimmen“
Wie groß das Potenzial in der Westpfalz ist, zeigen die Zahlen: 30.000 bis 40.000 Frauen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen könnten. Das plus Frauen, die derzeit in Teilzeit arbeiten und aufstocken – alleine damit ließe sich die Lücke der nächsten zehn Jahre schließen. Die Probleme sind bekannt, aber damit noch lange nicht gebannt. Nicht zum ersten Mal sagt Nadja Schäfer im Gespräch: „Die Rahmenbedingungen müssen stimmen.“