Zweibrücken Warum immer mehr Arzneien nicht mehr lieferbar sind

Nach wie vor sind viele Medikamente nur schwer zu bekommen.
Nach wie vor sind viele Medikamente nur schwer zu bekommen.

Lieferengpässe bei Medikamenten sind zur ernsten Herausforderung geworden. Wie die Apotheken in Zweibrücken und der Südwestpfalz mit dem Mangel umgehen.

Fiebersaft fürs kranke Kind? Die rezeptpflichtige Spezial-Hautcreme für Opas wehes Bein? „Tut uns leid, das ist im Moment leider aus“: Wer nach dem Arztbesuch das verschriebene Medikament besorgen möchte, bekommt in diesen Wochen in der Apotheke sehr oft diese unbefriedigende Auskunft.

„Wir müssen unseren Kunden immer wieder sagen, dass dieses oder jenes Medikament nicht verfügbar ist“, ärgert sich Arno Wagner, der die Rats-Apotheke in der Zweibrücker Poststraße führt. „Mit den Lieferengpässen ist es jetzt noch schlimmer, als es vor ein paar Jahren schon war.“ Betroffen seien Medikamente jeglicher Art. „Querbeet – von Antibiotika bis zu Mitteln für Diabetiker“, sagt Wagner. „Das ist einfach nur lästig. Und die Politik ignoriert das komplett.“

Preiskampf der Produzenten

Die Politik? Hat Gesundheitsminister Karl Lauterbach nicht erst vor Kurzem ein „Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz“ auf den Weg gebracht? „Das nützt doch alles nichts, wenn die vorgeschriebenen Verkaufspreise in Deutschland so niedrig angesetzt sind, dass die internationalen Hersteller ihre Medikamenten lieber in andere Länder ausliefern, wo sie mehr Geld für ihre Ware bekommen“, argumentiert Arno Wagner. Denn die Produzenten bekämen zum Beispiel in Österreich für einen bestimmten Saft zehn Euro pro Packung, in Deutschland aber nur drei. Der Zweibrücker Apotheker weiß auch von einer „Riesen-Rabattschlacht“, die der Pharma-Konzern Eli Lilly zurzeit mit einem führenden Großhändler ausfechte. Letzterer versorge unter anderem die Zweibrücker Rats-Apotheke mit Nachschub. „Im Kampf um Abnahmepreise wird der Großhändler von Lilly jetzt einfach nicht mehr beliefert. Für uns bedeutet das, dass wir unsere Ware direkt beim Produzenten bestellen müssen. Deshalb treffen viele Medikamente statt nach zwei oder drei Stunden jetzt erst nach drei Tagen in unserer Apotheke ein.“ Der Zweibrücker spricht von „Machtkämpfen hinter den Kulissen, bei denen Lauterbachs Gesetze überhaupt nichts nützen“.

Für die Lieferengpässe auf dem Arzneimittelmarkt gebe es viel mehr Ursachen als die eine landläufige Erklärung, dass große Teile der Produktion nach China und Indien ausgelagert wurden, was der Versorgung des hiesigen Markts jetzt auf die Füße falle. „All die vielen Einzelprobleme sind nur Puzzleteile, die zusammen erst die ganze Misere ergeben“, ist sich Wagner sicher. Der Apotheker weiß von einem Pharma-Anbieter, „der im Moment zwar genug Rohstoffe und auch Gläser zum Abfüllen seiner Arzneien hat. Aber er kriegt derzeit die Kartonagen nicht geliefert, die er für die Umverpackung braucht.“

Kommen zuerst die Großstadt-Apotheken dran?

„Absolut nicht zu kriegen“ sei aktuell die gebräuchliche 150-Stück-Packung des Neuroleptikums Quetiapin. Daher ist Wagner darauf angewiesen, die größere 400er-Packung zu ordern und daraus die Tabletten unter den Patienten aufzuteilen. „Genauso ist es mit dem Cholesterinsenker Atorvastatin. Weil die 40-Milligramm-Dosis nicht erhältlich ist, verordnet der Arzt die 80-Gramm-Version. Die Patienten müssen deshalb jetzt die halbe Tablette schlucken.“

Ihm und seinen Kollegen beschere der Mangelzustand „viel mehr Arbeit und Aufwand“, klagt Wagner. Wenig hilfreich sei die pauschale Empfehlung an die Apotheken, sich mit raren Medikamenten zu bevorraten: „Das machen wir doch alle. Aber es ist doch logisch, dass der Markt dann erst recht ruckzuck abgegrast ist.“ Ohnehin würden meist „zuerst die Apotheken in Großstädten wie Berlin beliefert. Wir auf dem Land müssen dann zusehen, was für uns übrig bleibt.“ Aus marktwirtschaftlicher Sicht halte er es ja für erklärbar, „dass die Versandapotheken hofiert werden. Wenn ich als Produzent denen 50.000 Pakete auf einen Schlag verkaufen kann, dann ist das für mich lukrativer als die zehn Pakete, die an die kleine Apotheke in Zweibrücken gehen.“

Mehr Arbeit und Zeitaufwand

Vom verknappten Angebot auf dem Zuliefermarkt für Medikamente kann auch Nicole Fisch ein Liedchen singen. Sie leitet die Hieronymus-Bock-Apotheke in der Hornbacher Hauptstraße. „Trotz aller Schwierigkeiten kriegen wir es aber immer noch ganz gut hin, unsere Kunden zu versorgen. Wir sind sehr fleißig und haben bis jetzt noch immer eine Lösung gefunden.“ Diese sieht oft so aus, dass auch die Hieronymus-Bock-Apotheke auf andere Dosierungen und Packungsgrößen ausweicht, die am Markt noch zu haben sind – so, wie es auch Arno Wagner beschreibt. Fisch bestätigt, dass die 20- und 40-Milligramm-Dosen des Cholesterinsenkers Atorvastatin nicht verfügbar seien. „Deshalb ordern wir die 80-Milligramm-Version und vierteln die für unsere Kunden.“

„Wer zu uns kommt, wird versorgt“, beteuert die Hornbacher Apothekerin. Dieses Versprechen, so räumt sie aber ein, müsse ihr Unternehmen „mit einem immensen Zeitaufwand und vielen Telefonaten mit den Großhandel und Herstellern“ erkaufen. „Das Ganze ist schon sehr, sehr aufwendig geworden.“

Veränderte Situation lässt staunen

Nicole Fisch sieht die Wurzel des Problems in den komplizierten, weltwelt verzweigten Lieferketten. „Viele Hilfsstoffe, die man hier zum Tablettenpressen braucht, kommen von weither aus dem Ausland. Und manchmal scheitert der Versand daran, dass den Herstellern die benötigten Packmittel ausgegangen sind.“

„Nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir es in Deutschland doch auch geschafft, alles selbst zu produzieren“, sagt Fisch. „Deshalb bin ich immer wieder erstaunt, wie sehr die Situation sich heute verändert hat.“

Das Nardini bezieht seine Medikamente aus Saarbrücken.
Das Nardini bezieht seine Medikamente aus Saarbrücken.

Nardini-Klinikum: Versorgung noch gesichert

„Bei uns bekommt im Moment noch jeder Patient, was er braucht“, beschreibt Pflegedirektor Thomas Frank die Situation am Zweibrücker Nardini-Klinikum. „Hier im Haus können wir die Arzneimittelversorgung noch sicherstellen.“
Mit den Medikamenten für seine Patienten werde das katholische Zweibrücker Krankenhaus vom Saarbrücker Winterberg-Klinikum beliefert. „Von dort bekommen wir regelmäßig eine Liste mit Medikamenten, die gerade nicht verfügbar sind“, berichtet Frank. Zu Engpässen könne es „quer durch alle Wirkstoffgruppen“ kommen – von Antibiotika über Schmerz- und Diabetesmittel bis hin zu Blutdrucksenkern. „Wenn es in einem Bereich knapp wird, müssen wir versuchen, die Versorgung über die Umstellung auf andere Medikamente zu handhaben. Das ist uns bis jetzt noch immer gelungen“, sagt der Pflegedirektor. „Man muss aber schon feststellen, dass dies in den vergangenen Jahren für uns immer aufwendiger geworden ist.“
Dass die Globalisierung bei der Produktion – sprich, die Herstellung der Arzneien in asiatischen Ländern wie Indien und China – zur Verknappung und Lieferengpässen beiträgt, mag Thomas Frank nicht ausschließen. „Schwierigkeiten treten aber auch beim Nachschub mit Medikamenten auf, die hier bei uns in Deutschland produziert werden“, weiß der Pflegedirektor etwa von Logistikproblemen bei den einheimischen Herstellern.

x