Kolumne
Vom Reden und vom Schweigen
Es gibt sprachliche Auswüchse, über die möchte man im Laufe seines Lebens am liebsten den Mantel des Schweigens ausbreiten. Ich war in den achtziger Jahren jugendlich. Und Jugend geht ja angeblich kreativ mit Sprache um. Rückblickend war das, was wir so gesagt haben, aber entschieden nicht kreativ, sondern ziemlich peinlich. Wir sagten auf jeden Fall damals ganz schlimme Sachen. Wir sagten „zum Bleistift“, statt „zum Beispiel“. Ich schwöre, wir fanden’s lustig. Wenn uns jemand besuchte und wir zeigten, wo die Garderobe ist, sagten wir „Hänge dich auf und dann folge mir unauffällig“. Wenn wir was toll fanden, sagten wir: „Ich schnall ab!“ Auch „geil“ fand damals seinen Weg in unsere Sprache. Das hat sich zäh gehalten. Nur regt sich heute niemand mehr darüber auf. Damals gab es noch Eltern, die das verbieten wollten.
Schwer beleidigend – und auch echt nicht in Ordnung – sagten damals (Achtung!) nur „Dünnbrettbohrer“: „Du Spast!“ oder auch „Du Spasti!“ Wer cool sein wollte – und „cool“ war damals tatsächlich DAS Wort überhaupt, kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, dass es das nicht schon immer gab, der sagte zu allen möglichen Dingen einfach nur „das Teil“. Zeitweise habe ich fast alle Substantive damit ersetzt. War das wirklich cool? Heute nur noch schwer vorstellbar. „Ich krieg’ die Krise“, war damals auch neu. Damit konnte man „voll das Drama“ zum Ausdruck bringen. Ich bin fast vor Lachen umgefallen, als mein vierjähriger Neffe vor Kurzem sagte: „Ich krieg’ die Krise, Luise…“
Zitate sind oft mit angeblichen Urhebern versehen
Neben tradierten Sprichwörtern haben sich online unzählige Sinnsprüche verbreitet. Gerne werden sie auch auf Postkarten, Wandposter oder sogenannte Wand-Tattoos gedruckt. Unerschrockene Geister lassen sich das auch auf die Haut tätowieren. Wenn ich so Sachen lesen muss, möchte ich anfangen zu weinen. Der schlimmste aller sprachlichen Verbrecher ist: „Träume nicht dein Leben. Lebe deinen Traum!“ Huuurrrgghhh…. Warum kann man sowas nicht bei Strafe verbieten? Oder: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende!“ Wer hat das gesagt? Wer hat sich das ausgedacht? Wer traut sich, sowas zu behaupten? Wo steht denn ansonsten, dass am Ende alles gut wird? Bei Rosamunde Pilcher? Kann das ernsthaft jemand glauben?
Noch mehr sträubt sich in mir alles, was sich sträuben kann, wenn dann auch noch angebliche Urheber solcher Sätze darunter geschrieben werden. Das hebt so einen Satz doch gleich auf ein anderes intellektuelles Niveau, weil es ja jemand Schlaues gesagt haben muss, den man dann meint, zu zitieren. Zum Beispiel: „Wir müssen jeden Tag von Neuem anfangen.“ Franz von Assisi
Es geht immer noch schlimmer
Wenn der wüsste, was er angeblich alles gesagt haben soll, würde er sich im Grab umdrehen. „Ajo, müssen wir jeden Tag von Neuem anfangen!“, will ich schreien. Was denn sonst? Was ist denn das für eine überflüssige Binse? „Im Meer der Liebe kannst du nur baden, wenn du bereit bist, alle Ängste abzulegen – vor allem die Angst vor dem Ertrinken.“ Hääh? Sagt wer? Der Bademeister der Liebe?
Aber es geht natürlich immer noch schlimmer. Im Netz findet man Millionen solcher Lebensweisheiten, meist getippt vor Sonnenuntergängen, Fußspuren am Strand, Fotos von Rosen. Gerne werden dann auch orthographische Fehler in sinnentleerte Sprüche gehauen: „Wielst du ein glückliches Leben führen. Dann verabschiede dich von der Angst etwas falsch zu machen.“ Ja, verabschiede dich von Fragezeichen und Kommas und Konsonanten. Die Autorin dieses geschliffenen Aphorismus hat sich auf jeden Fall von der Angst verabschiedet, etwas falsch zu machen.
Früher standen so ähnliche Weisheiten noch im mittlerweile ausgestorbenen Poesiealbum. Ich hatte noch eins. Bis heute steht es im Bücherregal. Zwischen wirklich schönen und bedenkenswerten Sätzen fand sich auch allerhand Fragwürdiges: „Sei fleißig wie ein Bienchen, sei brav wie ein Kaninchen, sei sauber wie ein Kätzchen, dann kriegst du bald ein Schätzchen.“ Inhaltlich lässt sich darüber diskutieren, aber Nicole aus der zweiten Klasse hat mir damals ein Katzenbaby mit rosa Pfoten und Glitzer daneben geklebt. Das fand ich schön. Weniger schön war der schmucklose Eintrag eines Onkels. Ich war als Kind angeblich sehr gesprächig. Deshalb hat dieser Onkel mir den pädagogisch fragwürdigen Satz ins Album geschrieben: „Du hast im Laufe Deines Lebens viele Gelegenheiten, den Mund zu halten. Nutze sie alle.“ Das war nicht nett. Heute möchte ich diesen Satz etwas variiert allen Sinnspruchschreibern in den Weiten des Internets widmen: Ihr habt im Laufe eures Lebens viele Gelegenheiten, eure Alltagsphilosophien auf gar keinen Fall in die Tastatur zu hämmern. Nutzt sie bitte alle!