Handball
Trainer Bullacher und sein „passender Kopf für die Rasselbande“ beim SV 64 Zweibrücken
Die Handball-Saison 2020/21 begann für den Drittliga-Aufsteiger SV 64 Zweibrücken noch ganz regulär mit zwei Spielen – aber schon mit begrenzter Zuschauerzahl. Es folgte im November eine Corona-bedingte Spielpause. Bevor der SV auf das Spielfeld zurückkehrte, wurde die Saison unterbrochen. Für mehrere Monate. Mit fünf Spielen in der neuen Ligapokal-Runde meldete sich die Mannschaft von Trainer Stefan Bullacher im April dann im Wettkampfgeschehen zurück und schrieb eine Erfolgsgeschichte: fünf Spiele, drei Siege, darunter der Derby-Erfolg im ersten Pflichtspiel der Vereinshistorie gegen die HG Saarlouis, ein Unentschieden, eine Niederlage – und die Qualifikation für den DHB-Pokal.
Herr Bullacher, die Handballsaison 2020/21 hat für den SV 64 Zweibrücken einen tollen Abschluss gefunden. War es dennoch die bisher schwierigste Saison für Sie und Ihr Team ?
Jede Spielzeit hat ihre ganz persönliche Herausforderung. Mal ist es die Meisterschaft, mal der Klassenerhalt oder auch der Neuaufbau einer Mannschaft nach einem größeren Umbruch. In dieser Saison war es die Schwierigkeit, allen Spielern gerecht zu werden. Die Pandemie hat seit November das Leben und die Denkansätze der Jungs verändert. Alles wurde kritisch hinterfragt. Die einen wollten am liebsten zweimal täglich trainieren, weil wir zum Profisport zählten. Andere fragten nach dem Sinn, warum wir überhaupt Sport treiben. Und zwischen diesen extremen Polen bewegten sich noch weitere Meinungen in einer Grauzone. Problemlos wurde es erst, als die Saison im April startete. Das war, wie wenn man den Stöpsel aus der Badewanne zieht, und alle Sorgen fließen mit dem schmutzigen Wasser in zwei Minuten weg.
Die Gefühlslage bezüglich des Re-Starts war aus vielen Gründen mit einem Auf und Ab verbunden. Hätten Sie Verständnis gehabt, wenn nicht mehr gespielt worden wäre?
Ich hätte auch für einen Abbruch durchaus Verständnis gehabt. Geärgert hat mich allerdings, dass eine endgültige Entscheidung so lange herausgezögert wurde.
Es wurden verschiedene Re-Start-Szenarien durchgedacht, die sich durch die jeweilige Infektionslage nicht umsetzen ließen. Wie beurteilen sie den Ligapokal im Nachgang?
Die politische Situation der Vereine, nämlich ob sie von den Landesregierungen als Profis anerkannt werden, hat sich seit Januar nur unmerklich verändert. Deshalb hätte ich mir einen früheren Start mit mehr Spieltagen gewünscht. Mit dem Verlauf der Saison bin ich natürlich überglücklich. Wir waren sehr erfolgreich und haben dabei hauptsächlich auf die Spieler gesetzt, die auch in der nächsten Saison das Löwen-Trikot tragen. Das sorgte bei allen Leuten im Verein für gute Stimmung.
Wie wichtig war der Ligapokal auch für Ihre Fans, für die Jugendspieler, die Sponsoren, Helfer im Verein? Haben Sie Rückmeldungen bekommen?
Das Interesse war riesengroß. Ob beim Livestream, am Ticker oder in der Presse. Viele haben unsere Spiele verfolgt, und wir wurden ständig darauf angesprochen. Unser Livestream war der Hammer. Was die Helfer da auf die Beine gestellt haben, war sensationell.
Bei aller Freude, dass unter den gegebenen Umständen – in erster Linie ohne Zuschauereinnahmen – wieder Handball gespielt wird, war die Runde sicher ein finanzieller Kraftakt. Wie sehr schätzen Sie und die Mannschaft, dass der Vorstand und alle Beteiligten das möglich gemacht haben?
Die Corona-Zeit mit den fehlenden Einnahmen aus den Heimspielen, aber auch aus den vielen anderen Veranstaltungen, wie zum Beispiel das Stadtfest, hat uns vor große Aufgaben gestellt. Unser Vorstand hat mit viel Fingerspitzengefühl und großer Transparenz im konstruktiven Dialog mit allen Beteiligten einen Weg aus der Krise gefunden. Die Spieler, das gesamte Trainerteam und alle Verantwortlichen haben ihren Teil dazu beigetragen, dass unser Traum weiter leben darf. Ich empfinde unserem Vorstand gegenüber großen Respekt und tiefe Dankbarkeit.
Zum sportlichen Aspekt: Die Mannschaft weiterzuentwickeln, war ein Ziel. Das ist definitiv gelungen. Was hat Ihnen in der Entwicklung am meisten Freude bereitet, was sind die wichtigsten Erkenntnisse?
Mit Tim Götz haben wir den passenden Kopf zu unserer talentierten Rasselbande verpflichtet. Er ist mein verlängerter Arm auf dem Spielfeld und der unangefochtene Chef im Ring. Tom Grieser und Benni Zellmer verkörpern wie keine anderen Spieler die Werte, für die wir einstehen. Sie sind so etwas wie das Gesicht der Mannschaft. Philipp Kockler ist ein Riesengewinn. Er hat sich durch seinen Fleiß und seine Bereitschaft einen Stammplatz erkämpft. Das war so schnell nicht zu erwarten.
Wo sehen Sie noch die größten Defizite, sind eventuell noch Spielerverpflichtungen ein Thema?
Sorgen macht mir der Abgang von Tim Schaller. Er hinterlässt bei uns auf Außen und als spielintelligenter Allrounder eine große Lücke, die wir aktuell noch nicht geschlossen haben. Außerdem haben wir gemerkt, dass nach der schweren Verletzung von Niklas Bayer ein Pendant zu Tom Ihl im rechten Rückraum fehlt. Wir halten die Augen offen und reagieren entsprechend, wenn sich ein Spieler anbietet, der zu uns passt.
Die neue Saison wird definitiv mit einem DHB-Pokal-Spiel beginnen. Wenn Ihnen das jemand zu Jahresbeginn gesagt hätte, wie hätten Sie reagiert?
Saarlouis, Bieberau und Nieder-Roden waren die drei Top-Favoriten auf die beiden Startplätze. Dass wir als Aufsteiger den zweiten Platz belegen und uns für den DHB-Pokal qualifizieren, ist eine Sensation. Das hätte ich nicht für möglich gehalten.
Ab wann war die Überzeugung da, dass die Qualifikation für den DHB-Pokal ein machbares Ziel ist?
Als wir nach zwei Auswärtsspielen noch ungeschlagen waren, wurde die Brust natürlich immer breiter. Da fängt man schon an zu träumen.
Die große Hoffnung ist sicher eine wieder normalere Saison 2021/22 mit Zuschauern in einer gewissen Größenordnung. Wie wichtig wäre deren Rückkehr – neben dem finanziellen Aspekt – auch für die im Handball wichtige emotionale Seite? Gerade beim SV mit seinen treuen Fans?
Wir haben 2020 erlebt, welche Euphorie unser Team in Zweibrücken ausgelöst hat, als wir in der Rückrunde in der Oberliga häufig über 1000 Zuschauer in die Westpfalzhalle gelockt haben. Das setzt ungeahnte Kräfte frei. So etwas wieder zu erleben, wäre das Größte.
Wie sieht der Fahrplan des SV 64 für die kommenden Wochen und Monate aus?
Die Jungs haben jetzt erst mal bis Juli frei. Dann beginnt die Vorbereitung auf die neue Saison. Offizieller Start in die Runde ist dann am 28. August mit dem Pokalspiel gegen einen Zweitligisten in der Westpfalzhalle.