Interview
Takeo Ischi: „Man kann nicht mit Gewalt jodeln“
Herr Ischi, Sie jodeln mit 75 Jahren noch. In diesem Alter genießen die meisten Menschen ihren Ruhestand.
Solange ich eine Stimme zum Jodeln habe, jodele ich. Das ist auch eine Frage des Alters. Eine ältere Stimme ist oft nicht mehr so klar, und für das Jodeln muss man unbedingt eine klare Stimme haben. Meine Stimme würde am Telefon fast so jung wie die meines Sohnes klingen, meinte ein Bekannter. Viele Jodler haben zwischen 60 und 70 Jahren aufgehört, weil die Stimme dann rau wird.
Wie sind Sie denn zum Jodeln gekommen? Jodelt man in ihrer Heimat Japan auch?
Nein, das ist da ganz fremd. Jodeln hat nichts mit der japanischen Volksmusik zu tun. Es gibt da nur ein einziges Lied, das jodelähnliche Elemente hat. In Japan kennt man das Jodeln von der Musik aus den Alpen oder aus den USA, in Countrysongs wird auch gejodelt. Ich habe schon in Japan Cowboy-Jodeln gehört und das auch versucht, da war ich 15 Jahre alt. Ich hab mir das Jodeln selbst beigebracht – mit Schallplatten von Franzl Lang. Heute gibt es natürlich auch in Japan viele Youtube-Videos, und eine japanische Sängerin jodelt auch. Sakura Kitagawa ist die einzige Profijodlerin in Japan.
Wollten Sie Musik, speziell Jodeln, immer schon professionell machen?
Ich habe nach der Schule Maschinenbau studiert, war aber noch nicht ganz fertig. Ich wollte in Deutschland noch Maschinenbau lernen und bin 1973 nach Augsburg gekommen, hab' da aber keine Arbeitsgenehmigung bekommen, nur eine Aufenthaltsgenehmigung, um als Student ein halbes Jahr lang die Sprache lernen zu können. In dieser Zeit hab' ich in München Franzl Lang getroffen, den bayerischen Jodlerkönig, von ihm hab’ ich die Jodeltechnik gelernt.
Was macht die Jodeltechnik aus?
Viele versuchen so ähnlich zu klingen wie beim Jodeln, aber es ist kein richtiges Jodeln. Beim Jodeln muss man einen leisen Schlag mit dem Kehlkopfdeckel hören beim Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme. Man muss die Stimme kontrolliert umkippen lassen – und diese „Kippstelle“ muss man genau kennen. Wenn die Kontrolle klappt, kann man in der Melodie richtig jodeln. Trifft man die Kippstelle nicht, klingt das schief.
Wie trainiert man Jodeln?
Der Stimmumfang reicht von der tiefen Bruststimme bis zur Falsettstimme. Während man die Luft rauslässt, muss die Stimme kippen und man wechselt auf die Falsettstimme.
Was fasziniert Sie am Jodeln?
Es ist einfach sehr schön, und der überraschende Effekt macht eine Freude, die man beim normalen Gesang nicht hat. Ich darf jetzt seit 49 Jahren jodeln, das ist sehr schön. Ich habe früher auch viel geübt, aber dabei immer aufgepasst, dass ich nicht die Stimmbänder kaputtmache. Man kann nicht mit Gewalt jodeln.
Hatten Sie einmal Stimmprobleme?
Ja, einmal hatte ich einen Stimmbandknoten. Normalerweise muss das operiert werden und man weiß nicht, ob man danach wieder so singen kann wie vorher. Aber ich hatte Glück, es ging ohne Operation weg. Ich kontrolliere seither meine Stimmbänder selbst – mit zwei Zahnarztspiegeln und einem großen Wandspiegel. So hatte ich auch das Knötchen gesehen.
Wie pflegen Sie Ihre Stimme?
Ich trinke täglich ein- oder zweimal Ingwertee aus frischen Knollen mit heißem Wasser, Zitrone und Honig.
Wie ging es dann mit Ihrer beruflichen Karriere als Jodler weiter?
Seit 1975 bin ich hauptberuflicher Jodler. Ich hatte in der Schweiz eine Arbeitsgenehmigung als Sänger erhalten und bin 1981 zu Maria Hellwig gekommen, ins Restaurant „Zum Kuhstall“ in Reit im Winkl. Dort bin ich regelmäßig aufgetreten. 1988 hab' ich bei Hellwig aufgehört. Von da an habe ich freiberuflich gearbeitet. Auch mit dem Österreicher Karl Moik bin ich aufgetreten.
Jodelt man eigentlich nach Noten?
Am Anfang singen wir nach Noten, dann merken wir uns die Melodie und jodeln. Wie man jodelt, kann man auch nach Noten schreiben, aber meist machen wir das nach Gehör. Beim Üben ist es praktisch, wenn man Noten hat. Aber ich habe nicht gelernt, nach Noten zu singen, ich habe nach Gehör angefangen zu singen. Und wenn man gut jodeln kann, kann man – nach Tonart und Rhythmus passend – improvisieren oder sogar selbst eine Melodie komponieren.
Was haben Sie denn in der Corona-Zeit gemacht? Konnten Sie da arbeiten?
Kaum, ich hatte fast zwei Jahre lang keine Live-Auftritte. Nur Fernsehsendungen, ohne Publikum. 2020 hatte ich einen Auftritt bei Thomas Gottschalk in der TV-Sendung „Gottschalk holt nach“. Das war eine Sondersendung, in die ich neben Melanie Oesch als Juror für den traditionellen Jodlerwettbewerb im Harz geladen war, der im September wegen Corona abgesagt werden musste. Und im Februar 2021 hatte ich ein Interview im Bayerischen Rundfunk. Ministerpräsident Markus Söder hatte gesagt, das Jodeln sei gefährlich für die Verbreitung des Coronavirus und hatte einen Vorschlag gemacht, wie man sich schützen könnte: mit den Ellenbogen vor dem Mund jodeln. Ich sollte zeigen, ob das geht.
Haben Sie einen Lieblingsjodler?
Ja – den Erzherzog Johann Jodler.
Zur Person
Takeo Ischi wurde am 3. März 1947 geboren. Er wuchs in Tokio auf und studierte nach der Schule Maschinenbau, da er einmal vorhatte, den Betrieb seines Vaters zu übernehmen. In seiner Freizeit brachte er sich das Spielen von Zither und Hackbrett bei. Mit Schallplatten von Franzl Lang erlernte er die Jodeltechnik. Neben dem Jodeln ist er auch als Sänger tätig, überwiegend in englischer und japanischer Sprache. Aktuell lebt er im bayerischen Reit im Winkl, wo er im „Kuhstall“, einem bekannten Restaurant, bei der 2010 verstorbenen Volksmusikantin und Gastwirtin Maria Hellwig mehrere Jahre Dauergast war. Takeo Ischi hat eine Frau und ist vierfacher Vater.