Die Wochenend-Meinung So schlecht, wie manche sagen, geht es uns nicht
Eine Handvoll Freunde und ich, wir wünschen uns schon lange kein gutes neues Jahr mehr. Stattdessen schickt immer einer irgendwann am Silvestertag ein englisches Gedicht an die anderen: „The Darkling Thrush“ von Thomas Hardy. Veröffentlicht wurde es vor über 120 Jahren am letzten Tag des 19. Jahrhunderts.
Thomas Hardy ist der große Pessimist der britischen Literatur. Wer ihn nicht kennt, hat vielleicht die Verfilmung seines bekanntesten Romans gesehen: „Tess“, von Regisseur Roman Polanski, mit Nastassja Kinski in der Hauptrolle. Hardys Romane sind eine frühe Version von Murphys Gesetz: Was immer schief gehen kann, geht darin schief.
Der Wind singt ein Klagelied
Auch deshalb ist „The Darkling Thrush“ – über eine Drossel in der herannahenden Dunkelheit – bemerkenswert. Hardy beschreibt darin, wie er am letzten Tag des Jahrhunderts auf die gefrorene, öde Landschaft im gespenstig grauen Frost blickt. Die kahlen Äste vergleicht er mit den gerissenen Saiten einer Leier, und die Sonne hat nicht mehr genug Kraft, gegen die Dunkelheit anzukommen, die sich über das Land legt. Die Wolken erinnern ihn an die Decke einer Gruft, und der Wind singt ein Klagelied.
Doch in der Hälfte des kurzen Gedichts wird der einsame Wanderer aus seinen trüben Gedanken gerissen: Eine kleine, dürre, zerzauste Drossel schmettert der herannahenden Düsternis ihr Abendlied entgegen – „mit grenzenloser Freude“, wie Hardy schreibt. Und er kann nicht verstehen, was er da gerade sieht und hört, ist doch für ihn nirgendwo ein Grund zu solcher Zuversicht zu erkennen.
Irgendwo muss es Hoffnung geben
So kommt er zu dem Schluss, dass es irgendwo eine Hoffnung geben müsse, von der die kleine, zerzauste Drossel wissen müsse und die ihm nur noch nicht bekannt ist.
Für mich ist „The Darkling Thrush“ eines der schönsten Gedichte überhaupt. Und ich werde es dieses Silvester besonders gerne wieder lesen. Weil es ein passender Abschluss für dieses Jahr ist und ein wunderbarer Mutmacher für 2023.
So schlimm wie befürchtet ist es nicht gekommen
2022 war für viele ein schlimmes Jahr! Ein weiteres schlimmes Jahr nach zwei Jahren Pandemie. Mit einem Krieg, den viele vor einem Jahr nicht für möglich gehalten hätten. Auch ich nicht. Und die Folgen der Pandemie und dieses Krieges haben für manch einen sein Leben verändert. Das möchte ich gar nicht abstreiten. Und trotzdem bin ich – allgemein gesehen – überzeugt: So schlimm wie befürchtet ist es nicht gekommen. So schlecht, wie manche sagen, geht es uns nicht.
2022 hat uns auch gezeigt: Wir haben keinen Grund, uns unsere Zuversicht nehmen zu lassen. Nun weiß ich, dass es für mich ein Leichtes ist, das zu sagen. Ich habe keinen Betrieb, der mit steigenden Energiekosten kämpfen muss oder mit ausbleibenden Kunden. Ich hatte im Sommer ein paar Tage Corona, aber ich habe keine bleibenden Schäden davongetragen, und ich mache mir auch sonst keine Sorgen um meine Gesundheit.
„Wir haben’s doch bisher immer geschafft“
Umso mehr bin ich beeindruckt, wenn ich Menschen begegne, die diese Zuversicht haben, obwohl sie – wie Hardys einsamer Wanderer – derzeit wenig Grund dazu haben. Ich habe vor einigen Tagen mit einer Frau gesprochen, die ihr Geschäft für immer schließen musste. Auf meine Frage, wie es weitergeht, sagte sie – trotz aller Niedergeschlagenheit: „Wir haben’s doch bisher immer geschafft. Arbeit gibt’s genug.“ Oder die junge Frau aus Zweibrücken, über die der SWR kurz vor Weihnachten berichtete. Wegen ihrer Krankheit kann sie nicht voll arbeiten, und mittlerweile merkt sie, dass die Dinge so teuer geworden sind, dass sie nicht mehr wie früher spontan ins Kino gehen oder sich ein Buch kaufen kann. Am Ende des Beitrags sagt sie: „Ich hab’ ein Dach überm Kopf, ich hab’ einen vollen Magen, ich hab’ Klamotten, ich hab’ ’nen Hund. Das ist eigent...“ Dann macht sie eine Pause. Und schließt so: „Nein, nicht eigentlich. Das ist ein erfülltes Leben.“
Liebe Leserinnen, liebe Leser, ich wünsche Ihnen fürs neue Jahr diese Zuversicht. Dass viele Dinge besser sind, als wir meinen. Und dass viele Dinge besser werden, als wir befürchten.