Kriegserinnerungen (1)
„Schnell, in den Stollen!“, rief die Mutter im März 1945
Wenn ich die Bilder aus der Ukraine sehe, bin ich wieder voll drin in meinen Erinnerungen. Ich habe den Krieg als Kind erlebt, und so sind auch die Bilder, die jetzt wieder hochkommen. Wir wurden nachts dauernd wegen Fliegeralarms aus dem Schlaf gerissen. Als dann die Amis kamen, habe ich mich so gefreut, weil ich dachte, „jetzt kann ich endlich schlafen“. Was das für ein Glücksgefühl war, weiß ich heute noch.
Am 14. März 1945 war ich zehn Jahre alt, wir waren nach der Evakuierung alle wieder daheim, wohnten in der Schottenbachstraße im Contwiger Bärental. Dort gab es ein Plumpsklo, und ich musste mal, traute mich aber nicht alleine raus. Gegen 19 Uhr flog immer ein Aufklärungsflugzeug über uns hinweg. „De Victor vunn Saarbrigge, der hat e Sack voll Migge“, sagten wir Kinder damals immer. Meine Mutter sagte schließlich, dass sie mit mir aufs Klo geht, und als wir draußen waren, sahen wir schon den hellerleuchteten Himmel über Zweibrücken, wo die sogenannten Christbäumchen abgeworfen wurden, Leuchtmittel, um die Ziele für den kommenden Bombenangriff zu markieren.
Flammen so hoch wie der Wald an der Schottenbachstraße
Meine Mutter rief nur „Schnell, in den Stollen!“, rannte ins Haus, wickelte meine drei Jahre alte Schwester in eine Decke, und wir rannten los zu einem etwa 100 Meter entfernten Steinbruch, der uns als Luftschutzbunker diente. Auf dem Weg dorthin rief meine Mutter mir zu „Die Mäntel! Bring die Mäntel!“, also lief ich noch mal zurück zum Haus, und da sah ich schon Flammen so hoch wie der Wald an der Schottenbachstraße, und alles war taghell. Am nächsten Tag fanden Nachbarjungs die Fallschirmchen für die Christbäume, die waren aus einem tollen Stoff, den ich auch gerne gehabt hätte. Wie lange wir an diesem Tag im Stollen waren, weiß ich nicht mehr.
Am nächsten Tag, dem 15. März, war unsere Mutter wieder im Haus, und wir Kinder spielten vor dem Stollen, sammelten Splitter. Wer die meisten und die größten hatte, hatte gewonnen. Meine kleine Schwester fing an zu weinen, und ich lief nach Hause, um ihren Schnuller zu holen. Die Mutter war nicht da, und als ich gerade im Haus war, flog eine Fliegerschwadron ganz hoch über uns hinweg. Da weiß ich noch, dass ich dachte, wenn die jetzt bomben, weiß keiner, wo ich bin. Die Nachbarn sagten mir, wo meine Mutter ist, sie war nicht weit weg, ich bin zu ihr gerannt und bat um den Schnuller für meine Schwester und was zu essen. Wir haben dann auf Baumstämmen vor dem Stollen gesessen, die als Splitterschutz dienten, und gegessen, als wieder Bomber kamen. Die Mutter kam gerannt, wir mussten wieder in den Stollen, die Bomben fielen schon in unserer Straße, und ich weiß noch, dass ich schrecklich geweint habe, weil ich mein Brot nicht fertigessen konnte. Ich war ein Kind, und ich hatte immer so Hunger.
Ankunft der Amis: Weißes Kopfkissen und erhobene Hände
Später habe ich dann gehört, dass es bei diesem Angriff im Bärental sechs oder sieben Tote gegeben hatte. Auch die Nachbarsfrau war unter den Opfern, ebenso ein Freund ihrer Söhne, 13 oder 14 Jahre alt. Gefunden wurden sie vom 16-jährigen Sohn der Nachbarin.
Nach dem Angriff war alles voller Dreck und Staub. Man sah fast nichts, und wir gingen gucken, ob unser Haus noch steht, was der Fall war. Dann gingen wir gleich zurück in den Stollen und blieben dort mehrere Tage. Irgendwann wurde auch noch eine junge Frau gebracht, die gerade ein Baby bekommen hatte. Bis Dienstag, 20. März, blieben wir in dem Stollen, dann hieß es, die Amis sind da. Meine Mutter hat einen weißen Kopfkissenbezug an einen Besenstiel gebunden und ist damit als erste raus. Die anderen kamen nach, mit erhobenen Händen.
Die amerikanischen Soldaten taten uns nichts. Aber wir wurden über die Bahngleise in die Truppacherstraße getrieben, ganz ans Ende des Dorfs, mit erhobenen Händen. Ein Amerikaner rief mir zu: „Ruhig, Hände runter.“ Ich fragte meine Mutter, ob wir jetzt nach Amerika geführt werden, und sie sagte: „Ich weiß nicht.“ Plötzlich wurden wir beschossen, von Deutschen, wir warfen uns auf den Boden, aber fünf oder sechs Leute kamen um. Schließlich kamen wir in einem Garten an, der schon voller Leute war. Für die ganz kleinen Kinder gab es etwas Brot und ein Stück Wurst, und meine kleine Schwester ließ mich abbeißen.
Heimlich an den Bach geflitzt zum Wasser holen
Nach mehreren Stunden in dem Garten durften wir wieder zurück in unser Haus. In den ersten Tagen durften wir mittags nur eine Stunde nach draußen, später waren es dann zwei Stunden. Der Schottenbach war damals noch offen, und ein Amerikaner mit Gewehr lief dort immer hin und her. Ich weiß noch, wie ich schnell zum Bach flitzte, um Wasser zu holen, sobald er um die Kurve war. In den Häusern gab es weder Strom noch Wasser, und wir brauchten das Wasser aus dem Bach, um uns und die Wäsche zu waschen. Das Trinkwasser holten wir aus einem kleinen Brünnchen in der Nähe des Hauses. Weil dort in der einen Stunde Ausgang immer alle anstanden, reichte es nicht mehr, um danach noch an den Bach zu gehen. Das mussten wir dann heimlich machen.
Irgendwann in dieser Zeit kam auch noch ein deutscher Soldat in Uniform durch den Wald zu uns, der dann einige Tage bei uns lebte. Dann wollte er das Fahrrad meiner Cousine haben, um damit nach Blieskastel zu radeln, wo er herkam. Er versprach uns, das wir das Rad zurückbekommen würden. Wochen später lief ich dann mit meiner Mutter nach Blieskastel, um das Rad zurückzuholen. Wir wollten dort übernachten, denn die ganze Strecke noch mal zurück hätten wie an einem Tag nicht geschafft. An der angegebenen Adresse hieß es dann, den Mann hätten die Franzosen geholt und das Rad sei nicht da. Meine Mutter bekam nur Kleidung von meinem Vater zurück, die sie dem Soldaten geliehen hatte. Die Leute sagten auch, sie hätten keinen Platz für uns, da wollte meine Mutter mit mir in der Klosterkapelle übernachten. Die war aber abgesperrt, da sind wir noch mal zurück, und da ließen sie uns dann widerwillig bei sich schlafen. Das Rad hätten wir heute noch zu kriegen.
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