Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Richie Kotzen: „In der Musik spielt die Sprache keine Rolle“

Richie Kotzen spielt mit seinem Trio in der Garage.
Richie Kotzen spielt mit seinem Trio in der Garage.

Fast auf den Tag genau vor fünf Jahren war der amerikanische Gitarrist und Sänger Richie Kotzen zum ersten mal als Solokünstler in Saarbrücken. Damals auf dem Tbilisser Platz. Nun kommt er am Montag, 24. Juni, wieder – diesmal in die Garage – mit einem von insgesamt fünf Headline-Shows in Deutschland. Christian Hanelt sprach mit dem ehemaligen Poison- und Mr.-Big-Mitglied und aktuellen The-Winery-Dogs-Gitarristen.

Ihr Name klingt deutsch, Sie stammen aus Pennsylvania, wo eine große deutsche Community lebt – haben Sie besondere Beziehungen zu Deutschland?
Ich weiß zwar nicht sehr viel über die Geschichte meiner Familie, aber ich weiß, was das Wort in Deutsch bedeutet und ich glaube, dass mein Name früher mal ein Teil eines viel längeren Namens war. Es gibt viele Menschen, die sich Gedanken um die Herkunft und die Bedeutung ihres Namens machen und entsprechend recherchieren. Aber ganz ehrlich: Das interessiert mich nicht besonders. Aber sehr wahrscheinlich wird der Name einen deutschen Ursprung haben, zumal gerade in dem County, aus dem ich stamme, sehr viele Deutsche und Nachfahren deutscher Einwanderer leben.

Und wo leben Sie heute?
In Los Angeles. Dort lebe ich schon die längste Zeit meines Lebens.

Was werden Sie bei den Shows in Deutschland präsentieren – ein Best of oder werden Sie schon Lieder des neuen Albums vorstellen?
Da das neue Album noch nicht veröffentlicht ist, werde ich auch keine Songs daraus spielen. So habe ich eine Auswahl aus meinen bisherigen Alben getroffen, die zu meinem Format, einem Power-Trio, passen.

Bei Ihrem letzten Konzert in Saarbrücken sind Sie im Trio aufgetreten, ebenso im September 2013. Was reizt Sie an dieser kleinsten Form der Band?
Ich bevorzuge in vielen Bereichen die eher minimale Form. Auch als Solokünstler stehe ich auf der Bühne fast immer in einer Trio-Besetzung, denn als Solist liebe ich die Improvisation, und darin unterstützen mich die beiden anderen. So sind 90 Prozent der Zeit für mich reserviert, und dafür ist ein Power-Trio genau der richtige Rahmen. Auch bei meiner allerersten Tour habe ich im Trio gespielt. Das ist die beste Art, zu zeigen, wer ich als Musiker bin. Die Erfahrung zeigt ja, dass diese Entscheidung auch für The Winery Dogs richtig war, denn in den Konzerten ist das Zusammenspiel zwischen uns absolut perfekt.

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise seit Ihren Anfängen in den späten 1980er Jahren verändert?
Meine erste Platte wurde 1989 veröffentlicht – ich war 18. Seitdem ist eine Menge passiert. Ich glaube, ich habe im Durchschnitt eine Soloplatte pro Jahr gemacht. Dann gab es ein paar Jahre, in denen ich keine Soloplatten gemacht habe, sondern größere Bandprojekte. Ich bin nicht der Typ, der den ganzen Tag Songs schreibt. Tatsächlich schreibe ich einen Song nur dann, wenn er sich selbst schreibt. Aber ich glaube, viele Autoren haben Probleme damit, dass sie sich mit einer Idee hinsetzen und sagen: „Ich werde einen Song schreiben“. Und dann schreiben sie vielleicht einen Teil davon und versuchen, den Rest zu erzwingen. Das aber schwächt den kreativen Prozess. Die Antwort darauf ist, die Dinge einfach geschehen zu lassen. Wenn nichts kommt, dann schreibe nichts. So passiert es, dass ich monatelang keinen Song schreibe. Und dann plötzlich, innerhalb von drei Wochen, bringe ich zwei oder drei wirklich ehrliche Stücke heraus, von denen ich denke, dass sie es wert sind, aufgenommen zu werden.

Sie sind als exzellenter Gitarrist bekannt. Wie wichtig ist Ihnen da das Songwriting?
Mein ganzes Leben wurde von Songs bestimmt. Als ich sehr jung war, wurde mir klar, dass ich wahrscheinlich keine Zukunft als Künstler haben würde, wenn ich kein Lied hätte, das ich singen könnte und das meins wäre. Da komme ich her. Es ist, als könnte ich mein Traumszenario leben, denn mein Job ist es, das zu tun, was ich liebe, nämlich Musik zu machen. Ich bin eher ein Unterhaltungsschriftsteller. Ich schreibe nicht über Außerirdische und Raumschiffe. Es geht mehr darum, was ich denke und fühle. Die Sache ist die: Ich warte. Ich warte, bis ich etwas zu sagen habe. Wenn mir etwas einfällt, singe ich es in mein Telefon, und dann bleibt es entweder dort und wartet bis zu einem anderen Tag, oder ich arbeite daran und es landet auf einem Album.

Sie haben schon im Alter von sieben Jahren Gitarre gespielt. Wie hat das alles angefangen?
Als Kind bin ich immer in der Landschaft herumgerannt und habe versucht, meine Familie zu unterhalten, habe getanzt und gesungen und versucht, Aufmerksamkeit zu erregen. Irgendjemand hat vorgeschlagen, dass ich Klavierunterricht bekommen sollte, als ich ungefähr fünf war. Ein Jahr später habe ich ein Poster von Kiss gesehen, auf dem Gene Simmons zu sehen war, wie er gerade Feuer spuckte und etwas umhängen hatte, das ich damals für eine Gitarre hielt. Da beschloss ich, zur Gitarre zu wechseln. Wir haben dann bei einem Flohmarkt eine Gitarre gekauft und damit kamen die Dinge ins Rollen.

Wer hat Sie am meisten beeinflusst oder beeinflusst Sie immer noch?
Zuerst war ich beeinflusst von der Musik, die ich im Radio hörte. In Pennsylvania habe ich viel Soul und Classic Rock im Radio gehört. Von Bands wie Van Halen, Bad Company und Bands beziehungsweise Musikern wie The Spinners, Curtis Mayfield und The Four Tops. Als ich anfing, Gitarre zu spielen, stammte der erste Einfluss von Eddie Van Halen, als Sänger war es Paul Rodgers. Und Daryl Hall wuchs ungefähr acht Meilen die Straße runter von dem Ort, an dem ich wohnte, auf. Auch wenn er weltweit ein Riesenstar war, in unserer Gegend war er gottähnlich. So war ich als Kind umgeben von dieser ganzen Soul-Geschichte. In der Schule haben ein Freund und ich „Rich Girl“ gesungen und fanden das cool, weil wir im Laufe des Songs „bitch“ singen konnten. Als ich anfing, Songs zu schreiben, stellte ich fest, dass ich von Dingen außerhalb der Musik beeinflusst wurde.

Was ärgert Sie im aktuellen Musikgeschäft?
Das Schlimmste für mich ist immer dann, wenn ich etwas getan habe, obwohl ich ein anderes Ergebnis erwartet habe. So gab eine Zeit, in der ich einen Major-Plattenvertrag hatte und auf einer Platte so ziemlich alles gemacht habe, was ich wollte. Diese Platte entsprach voll und ganz der Kreativität der damaligen Zeit, und in dieser Hinsicht war sie großartig. Auf kommerzieller Ebene wurde sie aber überhaupt nicht beworben, denn als ich die Platte fertig hatte und sie zum Label brachte, war der Typ, der mich unter Vertrag genommen hatte, gar nicht mehr bei der Firma. Es gab also dieses geschäftliche Element, das irgendwie frustrierend war, weil ich dachte, ich hätte etwas wirklich Großartiges gemacht. Die Aufnahmen haben sie dann in Japan in die Finger bekommen und beschlossen, sie zu promoten. Und so begannen die Dinge für mich in Japan zu laufen, was sich schließlich in die USA und nach Europa übertrug. Und jetzt ist meine Karriere wahrscheinlich besser als je zuvor, weil ich in der Lage bin, durch mehr Länder zu touren und jedes Jahr um die Welt zu reisen und all diese Dinge zu tun und die Platten zu machen, die ich machen will.

Und was haben Sie daraus gelernt?
Ich denke, immer wenn man sich auf eine Situation einlässt, in der man Erwartungen hat, die sich auf Dinge beziehen, über die man keine Kontrolle hat, schafft man sich selbst ein Problem. Ich kümmere mich darum, Musik zu machen, die mir treu ist. Ich muss nicht unbedingt bei einem Plattenlabel sein. Das ist eine großartige Sache, denn jetzt kann ich den unkreativen Prozess des Musikmachens komplett eliminieren, nämlich den Umgang mit den Führungskräften der Plattenfirmen. Das ist der hässliche Teil, denn sie sind keine kreativen Menschen.

Sie haben weltweit eine große Fangemeinde ...
Ich lerne gerade etwas darüber, wo meine Fangemeinde ist. Wenn ich CDs über das Internet verkaufe, kann ich sehen, wohin sie gehen, und ich würde sagen, dass mindestens die Hälfte nicht in den USA bleibt. So bin ich auch immer auf Tournee in Europa. Da ist der deutsche Markt schon immer wichtig gewesen für mich. Bei den Konzerten ist das Publikum stets aufmerksam und positiv gestimmt. Letztlich aber sind die Musikfans überall auf der Welt gleich. Die Musik transportiert in erster Linie Emotionen und reißt alle Barrieren nieder, sodass die Sprache keine Rolle spielt.

Info

Das Konzert am 24. Juni, in der Saarbrücker Garage beginnt um 20 Uhr.

Zur Person: Richard Kotzen

Richard „Richie“ Dale Kotzen wurde am 3. Februar 1970 in Reading im US-Bundesstaat Pennsylvania geboren. Der Sänger, Gitarrist und Songschreiber veröffentlicht seit 1989 regelmäßig Solo-Alben und spielte in den Bands Poison und Mr Big. Stilistisch ist Kotzen vielseitig aufgestellt, sein Repertoire reicht von Rock, Blues und Rhythm’n’Blues über Funk und Fusion bis Jazz. 2006 trat er im Vorprogramm der Rolling Stones in Japan auf. Seit 2012 ist Kotzen neben Mike Portnoy und Billy Sheehan ein Teil des Rock-Trios The Winery Dogs, mit dem er auch zwei Alben aufgenommen hat. Zu seinem 50. Geburtstag veröffentlichte Kotzen 2020 ein Triple-Album mit 50 Songs: „50 for 50“. Sein Album „Smith/Kotzen“ mit dem Iron-Maiden-Gitarristen Adrian Smith schaffte es in Deutschland auf Platz 13 der Charts.

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