Kriegserinnerungen (7) RHEINPFALZ Plus Artikel Remy Stalter vom Wahlerhof bei Mittelbach berichtet

Der kleine Remy Stalter.
Der kleine Remy Stalter.

Die Erinnerung ans Kriegsende vor fast 80 Jahren ist bei den Zeitzeugen noch präsent. Einige Leser teilen uns ihre Erlebnisse mit. Heute erzählt Remy Stalter vom Wahlerhof.

1939 musste meine Mutter Anfang September mit vier Kindern, ich war noch nicht geboren, den Hof verlassen. Es durften nur zehn Kilogramm Gepäck mitgenommen werden. Dann rückten aktive Truppen aus Berlin und Brandenburg in die „Rote Zone“ ein. Die deutschen Soldaten hausten in beispielloser Art in den verlassenen Dörfern und Höfen. Zirka 500 Rehgehörne aus drei Generationen wurden zu Pfeifen und Messergriffen verschandelt. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde geklaut und in den Osten geschickt. Jahrhundertealtes Leinen wurde zerschnitten und als Klopapier benutzt. Die Klos waren drei Meter hoch zugeschissen. Meine Mutter weigerte sich, auf den Hof zu kommen, bis wieder etwas Ordnung war.

Mittlerweile waren eine polnische Familie mit drei Mädchen und ein junger Mann angekommen. Marian, ein tüchtiger Junglandwirt, war unter Vater Verwalter. Sein Vater Gespannführer. Die älteren Mädchen waren in der Küche beschäftigt und die Jüngste ging in Mittelbach zur Schule. Die Familie war sehr fromm, und Pfarrer Boz aus Ixheim kümmerte sich liebevoll um sie. Für mich waren Mama-Sas und Papa-Sas liebevolle Ersatzeltern.

Fliegerangriff

Meine Mutter hatte wenig Zeit, um sich um die drei Buben zu kümmern. Sie musste für zirka 30 Leute kochen. Acht französische Kriegsgefangene, dazu acht russische aus einem Lager. Die Insassen dort wurden sehr schlecht behandelt, bekamen kaum zu essen. Jeden Tag starb ein Russe. Unser Vater holte acht Russen auf den Hof. In Kürze waren sie fit und arbeiteten fleißig – drei Zivil-Polen, die große Familie, ein Lehrling und ein Schäfer. Alle bekamen das gleiche Essen, auch die Russen.

Es geschah an einem Sommertag: Die Näherin Anna Emich aus Ixheim nähte im Esszimmer und erzählte mir Dreijährigem Märchen. Auf einmal hörte man einen viermotorigen Flieger über dem Hof. Wir konnten die verschiedenen Flieger vom Geräusch her unterscheiden. Kurz darauf hörte man die zischenden Bomben. Die Franzosen riefen „Attention!“ und warfen sich zu Boden. Unser Traktorfahrer, ein französischer Kriegsgefangener, pflügte mit dem Hanomag-Holzvergaser und wurde vom Flieger für einen Panzer gehalten. Bomben fielen rund um die Zugmaschine, ohne sie zu treffen.

Der kleine Hahn im Korb

Unsere Kriegsgefangenen-Franzosen bekamen über das Schweizer Rote Kreuz Pakete von daheim. Einmal im Monat gab ihnen Tante Berta, die im französischen Lothringen großgeworden war und fließend Französisch sprach, noch ein paar Gewürze. Es fehlte nur der Rotwein und Weißbrot! Hallot, ein Schreiner aus Paris, bekam eine Schreinerei eingerichtet. Er machte Türen und Fenster sowie Stalleinrichtungen neu. Octave hütete die Schafe. Auguste, Bauer aus Südfrankreich, hatte die Wasserversorgung unter sich.

Den ganzen Tag wurde ich mit Süßigkeiten versorgt und war der Hahn im Korb. Nur ein Gefangener hasste alles, was deutsch war, und ließ das auch mich spüren. Abends standen die Franzosen um den Brunnen und tranken von dem guten Wasser. Ich wurde extra nass gemacht vom Deutschenhasser. Er erntete von den sieben anderen heftige Vorwürfe. Eines Tages war er ausgerissen. Er hatte beim Vater Sonderbehandlung. Durfte die Fasanen füttern. 1936 war er als Langläufer in der französischen Mannschaft.

Im Auto nach Rockenhausen

Am 1. Advent 1944 stand ich hinterm Hof und schaute nach Westen, wo es blitzte und donnerte. Die Hauptkampflinie war zirka 60 Kilometer entfernt. Schon Tage vorher trieben sogenannte Goldfasane Hunderte Rinder von Lothringen in Richtung Rhein. 1943 bekamen wir auf dem Wahlerhof elektrischen Strom. Bis dahin war mit Petroleum als einziger Lichtquelle beleuchtet worden.

Anfang Dezember 1944 fuhren meine Mutter, vier Kinder und Lehrer Schmitt mit Frau, mit unserem Auto nach Rockenhausen zu Verwandten. Bei der zweiten Evakuierung brachten wir unsere Habe in Sicherheit. Möbel, Pferde und anderes wurden gerettet.

Die Amerikaner kommen

Am 19. März 1945 kamen die Amerikaner nach Rockenhausen. Ein Trupp von acht Mann kam auf die Rockenhauser Mühle. Vater zeigte dem Anführer ein paar Waffen minderer Qualität. Die guten Jagdwaffen waren längst am Donnersberg vergraben. Die Amis waren sehr freundlich. Ein junger Soldat sank zu Boden, als in unmittelbarer Nähe eine Bombe fiel. Amerikaner kamen in die Mühle. Kaugummi kauend, mit Armbanduhren an beiden Armen, die sie deutschen Landsern abgenommen hatten, und kauften Eier.

Am 6. April bekam mein Vater die Erlaubnis vom Kommandanten, die Heimreise anzutreten. Mit dem 24-PS-Hanomag und einem vollgepackten Hänger ging die Reise los. Wir durften die Kaiserstraße nicht benutzen wegen des Vormarschs der Amerikaner. Über die Sickingerhöhe war es zu gefährlich wegen einer möglichen Ausraubung durch die Neumühler. Marian Sas, unser junger Pole meinte, man sollte es mit der Kaiserstraße in Richtung Homburg versuchen. Bei Bruchmühlbach wurden wir gestoppt und der Hänger abgehängt. Er rollte in die Wiese, und unser Pole brachte ihn zum Stehen, schimpfte mit dem Ami auf Polnisch und wir durften weiterfahren. In Zweibrücken erfuhren wir, dass unser Wohnhaus zerstört war. Am Nagelwerk Ixheim hatten die Amis eine provisorische Brücke errichtet.

Fliegerbesatzung gefallen

Auf dem Wahlerhof angekommen, lagen die Trümmer weit über den Hof zerstreut. Unsere Mutter turnte über die Trümmer in ein Nebengebäude und entdeckte auf einem Schrank einen großen Kasten. Er war voll Bohnenkaffee. Der ganze Hof lag voll Dosen mit Käse, Wurst, Fleisch, Süßigkeiten. Meine Schwester musste sie verwalten. Meine beiden älteren Brüder gruben in Schutzgräben nach Dosen. Auf einmal warfen sie Spaten und Hacke zur Seite und liefen fort. Das Polenmädchen rief: „Frau Chefin, komm schnell!“ Aus dem Schützenloch ragte ein abgerissenes Bein mit Schnürstiefel. Mutter deckte den Fuß zu, er liegt heute noch dort.

Am 1. Januar 1945 startete eine Ju 82 im Rheingraben, um den Vormarsch „Nordwind“ zu unterstützen, mit dem Elsass-Lothringen zurückerobert werden sollte. Die dreiköpfige Besatzung wurde bei Bitsch von englischen Kampffliegern beschossen. Brennend flog der Flieger über Altheim und Böckweiler in einen Kiefernwald in der Nähe des Wahlerhofs. Alle drei jungen Soldaten waren tot und wurden auf unserem Familienfriedhof beerdigt.

Der erste farbige US-Soldat

Auf Bitten der Eltern des Fliegerleutnants sollten die Gefallenen zirka 400 Meter von der Unfallstelle entfernt ihre Ruhestätte behalten. Die Gräber werden von uns schlicht und einfach betreut. Auch ein junger Unterführer der SS-Division „Götz von Berlichingen“ war dort beigesetzt worden. Er wurde später in seine Heimat im nördlichen Saarland umgebettet.

In Rockenhausen habe ich den ersten farbigen Amerikaner gesehen. Er kam langsam den Mühlengarten entlang. Ich fürchtete mich und versteckte mich. Vater bat ihn ins Wohnzimmer und erklärte ihm, dass ich Angst hätte. Der Mann ließ mich rufen, strich mir über den Kopf und schenkte mir Süßigkeiten. Auf der Heimfahrt winkten uns die farbigen Soldaten mit freundlichen Gesichtern zu. Familie Sas war mit uns in Rockenhausen und wohnte an der Hauptstraße. Hunderte von Panzern fuhren stundenlang zum Fronteinsatz. Auf Kommando hielten sie an und wir durften die Straße überqueren.

Makabre Scherze

Anfang Mai 1945 hatten sich zwei Bekannte von der Armee abgesetzt und waren in Lübeck gelandet. Dort nahmen sie Soldaten aus dem Elsass und von der deutschen Wehrmacht fest. „Morgen früh werdet ihr alle erschossen“, hieß es. Am nächsten Morgens lachten die Buben dann, sie hätten sich nur einen Scherz erlaubt.

Nachmittags, 10. Mai, ging mein Schwager am Hafen entlang und traf einen der beiden Bekannten. Die waren Offiziere in einem Polizeiregiment. Sie wechselten die Uniform und holten ihre Familien in Mecklenburg ab. Mit Armbinde vom Roten Kreuz und einem gekaperten Sanka fuhren sie durch die englische, amerikanische und französische Zone bis zum Wahlerhof. Getankt wurde bei den Alliierten. Das Auto wurde unter Stroh versteckt. Die Franzosen suchten es, konnten es aber nicht finden.

Nächtliche Wildschweinjagd

Der Sanka wurde zum Lieferwagen umgebaut, und der Bekannte verdiente sich damit seinen Lebensunterhalt.

1945/46 hatten sich die Wildschweine sehr vermehrt, da viele Jäger und Förster noch in Gefangenschaft waren. Da fuhren mein Schwager und mein Vater an den Donnersberg und gruben unsere Jagdgewehre aus. Nun wurden nachts Sauen erlegt. Unsere Leute meinten damals, es gäbe Schafsfleisch und wunderten sich über den feinen Geschmack.

Remy Stalter heute
Remy Stalter heute
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