Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Pflege von Dementen ist „Schwerstarbeit“

Demenzerkrankungen fangen damit an, dass Erkrankte viel vergessen.
Demenzerkrankungen fangen damit an, dass Erkrankte viel vergessen. Archivfoto: imago

Von Barbara Sittinger

Am Samstag ist Welt-Alzheimertag. Wie es wirklich ist, mit an Demenz erkrankten Familienmitgliedern zu leben, wissen nur Angehörige, die dies tun. Wie ihnen Tag für Tag alles abverlangt wird und wie sie trotzdem durchhalten und weitermachen. Zwei Angehörige, die in Zweibrücken leben, waren bereit, mit der RHEINPFALZ zu sprechen.

„Die Pflege ist hart und geht ganz stark an die Psyche“, sagt Marion Mayer*, die ihren Namen nicht nennen möchte. Es fange klein an und gehe „in großen Schritten voran“. Seit rund sechs Jahren leide ihre 84-jährige Schwiegermutter, die mit im Haushalt lebt, an Demenz. Ihr Alter wisse die Schwiegermutter nicht, doch ihr Geburtsdatum könne sie auf Anhieb nennen. Wie viele Kinder sie habe, Enkel, all das sei vergessen, und manchmal erkenne sie auch ihren eigenen Sohn nicht, ihre Hauptbezugsperson, erzählt Mayer. Häufig habe sie keine Kontrolle über ihr Tun. So komme es vor, dass sie am Kauen ist, sich aber lauthals beschwert, sie habe noch nichts zu essen bekommen.

Mayer: „Es gibt auch helle Momente. Das ist wie eine Schublade, die aufgeht. Manchmal klemmt sie, manchmal geht sie ganz auf.“ Aber nur für kurze Zeit, dann sei die Verwirrtheit wieder da. Auch wenn sie von der Tagespflege zurückkomme – drei Tage die Woche ist sie in Contwig im Haus Sarepta – wisse sie nicht, wo sie ist. Diese drei Tage sind laut Mayer wichtig, damit sie und ihr Mann – beide selbst gesundheitlich angeschlagen und nicht mehr berufstätig – eigene Termine wahrnehmen können.

Für sie persönlich sei das Anfangsstadium das schlimmste gewesen, die endlosen Diskussionen und Beschuldigungen, die sie habe aushalten müssen, sagt Mayer. „Jetzt gibt es weniger Diskussionen, aber die Pflege ist aufwendiger. Es muss immer jemand da sein, man kann abends nicht einfach ausgehen wie andere.“ Essen, trinken, duschen, saubermachen – all dies werde nicht mehr beherrscht und müsse von den Familienangehörigen übernommen werden, oft bis an die Belastungsgrenze. Doch es gebe auch schöne Momente, ein Lächeln, ein gutes Wort.

„Für sie selbst ist es ja auch anstrengend. Der Mensch ist noch da, auch wenn er die Zusammenhänge nicht mehr koordinieren kann. Wir haben sie doch lieb“, sagt Mayer. Nerven kosteten die Ratschläge der „lieben Verwandten“, die alles besser wüssten, auch wenn sie sich nicht kümmerten. Äußerst hilfreich sei die Unterstützung durch die ökumenische Sozialstation, die praktische Tipps gebe und mit Rat und Tat zur Seite stehe. Ihr Mann und sie wollten auf jeden Fall „weitermachen, so lange es geht“, sagt Mayer. Dass das Endstadium noch nicht erreicht ist, sei ihnen beiden klar.

Erwin Müller* kümmert sich seit vier Jahren um seine an Demenz erkrankte Frau. Bis Ende 2015 habe sie noch gearbeitet, da sei sie fast 72 Jahre alt gewesen, erzählt der 79-Jährige. „Im Laufe ihres letzten Arbeitsjahres ist es ihr selbst aufgefallen, dass sie viel vergisst“, so Müller. 2016 habe dann eine Neurologin eine Altersdemenz im Frühstadium diagnostiziert, die sich „rasant weiterentwickelte“, so Müller. Zuvor hatten ihr Müller zufolge Schicksalsschläge wie der Tod eines Sohnes und auch medizinische Probleme wie Bluthochdruck arg zugesetzt. „Am Anfang hat sie’s selbst gemerkt, irgendwann nicht mehr. Es fehlen ihr vier Jahre. Sie sagt immer, sie sei 72“, so Müller.

Glücklicherweise habe sie ein „gutes Gemüt“ und sei kein bisschen bösartig, sonst würde er das nicht alleine packen. Zu Hause könne sie nichts mehr machen, meine aber, sie mache noch alles. Er lasse sie mithelfen, so gut es geht. Er wasche sie und helfe beim Zähneputzen, beim Anziehen. Früher habe seine Frau Leute unterhalten, selbst viel Amüsantes geschrieben. Heute hätten sich die meisten Freunde verabschiedet, könnten nicht mit der veränderten Situation umgehen. Für sich selbst habe er kaum Zeit, immer nur dann, wenn seine Frau für ein paar Stunden die Woche in ihre betreute Gruppe geht.

„Vom Aufstehen an stehe ich unter Dampf. Es ist Schwerstarbeit“, so Müller. Seine Frau sei extrem auf ihn fixiert, frage vom frühen Morgen an, wo er hingehe und was er tue. Sie bitte ihn immer, auf sie zu warten. Müller: „Ich bin ihr Ruhepol. Wenn sie mich sieht, ist alles gut.“ Doch manchmal erkenne sie ihn auch nicht, frage, wo denn ihr Erwin sei. Und wenn ihr Erwin bei ihr ist, wolle sie Händchen halten. Da sie noch gut zu Fuß sei, gingen sie oft zusammen raus. Manchmal erinnere sie sich, Leute, die sie treffen, gekannt zu haben, wisse dann aber nicht mehr, wie sie heißen. „Dabei war sie früher immer mein Namensgedächtnis“, so Müller.

Wenn sie irgendwo seien, dränge sie, nach Hause zu gehen, denn sie könne ihre Mutter nicht so lange alleine lassen. Müller sagt, er gehe offen mit der Krankheit seiner Frau um, erzähle jedem, was los ist. Und er wisse, dass sich der Zustand seiner Frau verschlechtern kann. Deshalb habe er sein Haus verkauft und sich um einen Platz im betreuten Wohnen beworben.

*Namen von der Redaktion geändert

Zur Sache: Demenz

Eine Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung des Gehirns. Das Gehirn hat dabei zunehmende Schwierigkeiten, Informationen aufzunehmen, sie zu speichern und wieder abzurufen. Sich etwas zu merken, sich räumlich und zeitlich zu orientieren, die richtigen Worte zu finden – all das wird immer schwieriger. Betroffene benötigen mehr und mehr Hilfe bei praktischen Alltagstätigkeiten. Meist verläuft die Demenz in drei Stadien: Im frühen Stadium, auch Vergessensstadium oder leichte Demenz genannt, sind die Menschen in ihren Tätigkeiten und sozialen Aktivitäten zwar beeinträchtigt, können aber meist noch unabhängig leben. Ihr Urteilsvermögen ist noch intakt. Im mittleren Stadium, auch Verwirrtheitsstadium oder mittelgradige Demenz genannt, ist die selbstständige Lebensführung nur noch mit Schwierigkeiten möglich. Die Betroffenen benötigen zunehmend Hilfe, um alltägliche Handlungen ausführen zu können. Jemand muss sie beim Essen, Trinken, Anziehen, Toilettengang unterstützen. Verhaltensänderungen treten jetzt gehäuft auf. Im späten Stadium, auch Hilflosigkeitsstadium oder schwere Demenz genannt, sind die Aktivitäten des täglichen Lebens so stark beeinträchtigt, dass eine ständige Beaufsichtigung nötig ist. Zusätzlich verschwindet nun auch mehr und mehr das Sprechen. Oft befinden sich die Menschen dann in einem in sich zurückgezogenen Zustand, der Außenstehenden als Dämmerzustand erscheint. Die häufigste Demenz-Erkrankung ist mit rund zwei Dritteln die Alzheimer-Krankheit, die bis heute nicht heilbar ist. Sie beginnt und verläuft schleichend. Therapien und Medikamente können die Symptome allenfalls lindern und den Verlauf hinauszögern. In Rheinland-Pfalz leben etwa 81 000 Menschen mit Demenz.

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