Homburg RHEINPFALZ Plus Artikel Paul Celans Gedichte und die Künstler aus der Westpfalz

Ilse Schoner (Kaiserslautern): „Kahle ZeitStufen“, Acryl/Mixed Media, Gedicht: „In der Fernsten Nebendeutung“
Ilse Schoner (Kaiserslautern): »Kahle ZeitStufen«, Acryl/Mixed Media, Gedicht: »In der Fernsten Nebendeutung«

Künstler aus Zweibrücken, Pirmasens und Kaiserslautern, aber auch aus Europa, hatte die Galerie Beck gebeten, ihr Künstlerbuch mit Gedichten von Paul Celan zu illustrieren.

Zum 50. Todestag 2020 wurde es nichts mit dem Erscheinen des Künstlerbuch „Paul Celan fünfzig“ und der zugehörigen Ausstellung in der Homburger Galerie Beck mit den Werken zu seinen Gedichten – Corona! 2021 kam das Buch dann heraus – und war schnell vergriffen. Kein Wunder: Celan in appetitlichen Häppchen, dazu noch anregend bebildert mit moderner Kunst – das bedient gleich Liebhaber zweier Kulturgenres. Deshalb gibt es nun eine Neuauflage (200 Exemplare) für alle, die es damals verpasst haben – sogar mit zwei neuen Bildern.

Das Konzept ist einfach: 50 Gedichte von Paul Celan, zu jedem Gedicht ein Kunstwerk, jeweils eine Doppelseite, dazu ein QR-Code, mit dem man die eingesprochenen Gedichte auch anhören kann. Doch dann wurden es 51 Kunstwerke, weil der Autor Konstantin Amos, der um einen Beitrag zu Celan gebeten wurde, überraschend auch noch ein Kunstwerk beisteuerte. Das berühmteste Gedicht Celans, die „Todesfuge“ („Schwarze Milch der Frühe“) ist bewusst nicht dabei, das kennt man ja – aber die anderen Gedichte?

Heike Wilhelm (Zweibrücken): „Haut Mal“, Acryl/Linoldruckfarbe, Gedicht: „Haut Mal“.
Heike Wilhelm (Zweibrücken): »Haut Mal«, Acryl/Linoldruckfarbe, Gedicht: »Haut Mal«.

Ilse Schoner aus Kaiserslautern ist eine der Kunstschaffenden, die Buchstaben aus einem Celan-Gedicht aufgreifen. „In der fernsten Nebenbedeutung, am Fuß der gelähmten Armen-Treppe“ beginnt das Gedicht, das Galerist Mathias Beck, ein gebürtiger Zweibrücker, für sie ausgesucht hat. Die Künstlerin malte das, was das Gedicht in ihr hervorrief. Man kann durchaus eine Treppe erkennen, ein Gerüst, aber eben auch viel, was im Unklaren bleibt.

Oliver Kelm (Pirmasens): „Sprite“, Fotografie, Gedicht: „Die Wende“.
Oliver Kelm (Pirmasens): »Sprite«, Fotografie, Gedicht: »Die Wende«.

In dem Gedicht „Haut Mal“, das die Zweibrückerin Heike Wilhelm als Aufgabe bekam, heißt es: „Unentsühnte, Schlafsüchtige, von den Göttern Befleckte: Deine Zunge ist rußig, dein Harn schwarz, wassergallig dein Stuhl“. Das klingt nicht gerade freundlich. Wilhelm stellte sich dazu einen androgynen Menschen beim Geschlechtsakt vor, „eine dramatische Schilderung“, so Mathias Beck, denn das, was er in den eingereichten Bildern sieht, kann man auch in diesem wunderbaren Künstlerbuch nachlesen.

Klaus Kadel-Magin (Pirmasens): „Offene Glottis“, Serigraphie auf Fabrianopapier, Gedicht: „Offene Glottis“.
Klaus Kadel-Magin (Pirmasens): »Offene Glottis«, Serigraphie auf Fabrianopapier, Gedicht: »Offene Glottis«.

Natürlich bleiben die angesprochenen Künstler ihrem Stil treu – sie haben vorher bereits in der seit 1967 zuerst in Zweibrücken, dann im benachbarten Homburg bestehenden Galerie ausgestellt –, dennoch gibt es Überraschungen.

Thomas Brunner (Zweibrücken 1963-2021): „Black Dog“, Bleistiftzeichnung, Gedicht: „Gesang zur Sonnenwende“.
Thomas Brunner (Zweibrücken 1963-2021): »Black Dog«, Bleistiftzeichnung, Gedicht: »Gesang zur Sonnenwende«.

Oliver Kelm, ein gebürtiger Pirmasenser, der in Mainz lebt und sowohl malt als auch Skulpturen baut, entschied sich für eine Fotografie. Die er nicht spontan nach dem Lesen des Gedichts anfertigte, sondern in seinem Fundus fand: Es ist ein Werk, das er schon vor Jahren schuf: ein Tablett mit Weingläsern, aus denen man nicht trinken kann, weil sie festkleben und schief an der Wand lehnen. Was absurd anmutet, steht eigentlich exakt in dem Gedicht dazu: „Das Wort Trink, von Gläsern gesungen, von Mündern, im tiefen Flaschenhalston, steht auf dem Tisch, hell, im Sekundenkleid wahr ...“

Burgard Müller-Dannhausen (stellt zurzeit in Dahn aus): „20-4-1“, Acrylgemälde, Gedicht „Möwenküken“.
Burgard Müller-Dannhausen (stellt zurzeit in Dahn aus): »20-4-1«, Acrylgemälde, Gedicht »Möwenküken«.

Der andere Pirmasenser, Klaus Kadel-Magin, setzt Celans Beschreibung in „Offene Glottis, Luftstrom der Vokal, wirksam“ in eine Art anatomische Zeichnung mit Stimmlippen (Glottis) um. Die Luft, die durchströmt, scheint alles sanft in Schwingung zu versetzen, könnte man die angedeutete Unschärfe der Konturen deuten.

Galerist und Verleger Mathias Beck
Galerist und Verleger Mathias Beck

In Celans „Gesang zur Sonnenwende“ erkannte der (inzwischen verstorbene) Zweibrücker Zeichner Thomas Brunner ein seltsames Sammelsurium mit einem sich umarmenden Paar, einem Totenkopf, einem Gnom, einem schwarzen Hund und dem Auge Gottes, das über allem wacht – ein etwas surreales Wimmelbild, das vor allem die im Gedicht angesprochene „Schwermut“ aufgreift.

Das Cover
Das Cover

Burgard Müller-Dannhausen, der seine konkrete Kunst noch bis 2. Februar in der Kreisgalerie in Dahn zeigt, scheint dagegen eher den Rhythmus von Celans Gedicht „Möwenkrähen“ in seinen geometrischen Farbzacken aufzugreifen. D

Das sind nur einige Beispiele, weitere Künstler aus der Pfalz, dem Saarland, aus Deutschland und Europa sind an diesem in vielerlei Hinsicht anregenden Kunstbuch (es gibt auch Essays zu Celans Gedichtkunst, so von Mitherausgeber Norbert Gutenberg) beteiligt, an dem man lange lesen und schauen kann.

Lesezeichen

Mathias Beck/Norbert Gutenberg (Herausgeber); „Paul Celan – fünfzig“, Verlag Naumann Beck/Verlag für kluge Texte, Homburg 2024, 164 Seiten, 50 Euro.

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