Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Orthopäde Knoch: „Allen Kindern fehlt schon gut ein Jahr der sportlichen Entwicklung“

Schlangestehen vorm Corona-Test: Jürgen Knoch (vorne stehend), Arzt und zugleich Vorsitzender des SV 64 Zweibrücken, macht hier
Schlangestehen vorm Corona-Test: Jürgen Knoch (vorne stehend), Arzt und zugleich Vorsitzender des SV 64 Zweibrücken, macht hier vor einem Testspiel des Handball-Drittligisten einen Corona-Schnelltest beim SV-Neuzugang Philipp Kockler (sitzend).

Handball: Der Vorsitzende des SV 64 Zweibrücken, Jürgen Knoch aus Althornbach, ist froh, dass die Drittliga-Handballer des SV 64 im April wieder in den Spielbetrieb zurückkehren. Das wünscht er sich für alle Kinder, Jugendlichen und Amateursportler seines Vereins auch fürs Training. Der Orthopäde aus Pirmasens befürchtet beim Re-Start aber Folgeschäden des Bewegungsmangels in der Corona-Krise und rät zu einem vorsichtigen Wiedereinstieg.

Herr Knoch, Sie sind seit gut fünf Jahren Vorsitzender des SV 64 Zweibrücken. War beziehungsweise ist das die bisher herausforderndste Saison?
Nicht, was die Präsenz angeht. Da war der Vorstand schon deutlich stärker gefordert. Was das Organisatorische anbelangt, und ich schaue da mal zurück bis zum März vor einem Jahr, ganz sicher. Weil viele Dinge auf den Verein und die Mitglieder und damit natürlich auch auf den Vorstand zukamen, die wir so nicht kannten. Zum Beispiel haben wir die bereits im vergangenen Jahr geplante Mitgliederversammlung immer wieder verschieben müssen, weil sie unter den geltenden Corona-Regelungen nicht umsetzbar war und ist. Oder die ganzen Hygienepläne, die erstellt werden mussten; mal mit, mal ohne Zuschauer. Das war schon ein immenser Aufwand für alle Beteiligten. Es gab viele Arbeitsfelder, in die wir uns alle erst einarbeiten mussten, weil niemand Ahnung von so etwas hatte. Es hat sich aber bestätigt, dass wir ein super Team sind. Bislang ist es uns gelungen, immer alle Anforderungen zu erfüllen.

Der SV 64 war im vergangenen Herbst selbst von einem Corona-Fall betroffen. Hat das die Pandemie greifbarer gemacht?
Da wurde das Ganze definitiv präsenter. Man hat das natürlich vorher auch gesehen, aber was es bedeutet, das wurde in diesem Moment spürbar. Zum Glück hatte der betroffene Spieler nur leichte bis mittlere Symptome, war relativ zügig auch wieder sportlich auf den Beinen. Die Spieler wurden sofort in Quarantäne geschickt, die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt hat hier sehr gut funktioniert.

Seither hatte das Drittliga-Team, das seit Januar wieder im Training ist, keinen Fall mehr. Begleitet wird die Rückkehr in den Trainings- und demnächst wieder Spielbetrieb ja von regelmäßigen Tests, die sie mindestens wöchentlich vornehmen. Wie funktioniert das?
Ja, zum Glück hatten wir seither keinen Fall mehr. Ich hatte im Zuge der Corona-Pandemie mit Tests bei mir in der Praxis angefangen, habe mein Personal regelmäßig getestet. Von daher hatte ich etwas Anfangserfahrung mit der Testdurchführung. Wir testen während der Trainingswoche und vor jedem Freundschaftsspiel. Das ist schon aufwendig, weil sehr genau gearbeitet und dokumentiert werden muss. Alleine lässt sich das gar nicht stemmen. Aber meine Frau, meine Tochter, Steffen Gillner als Zweiter Vorsitzender oder auch Anja Gauf haben schon geholfen und wenn ich mal nicht kann, übernimmt Aleks Grgic (Radiologe und Mitglied des medizinischen Teams des SV – Anm. der Redaktion) die Testungen.

Beschäftigt man sich als Mediziner intensiver mit den Corona-Fragen?
Natürlich lese ich entsprechende Fachveröffentlichungen. Ich muss aber einräumen, dass mir als Orthopäde und Unfallchirurg da natürlich auch etwas das Fachwissen in der Virologie fehlt. Aber es gab und gibt, wenn Bedarf besteht, einen sehr guten Austausch mit dem Leiter des Gesundheitsamtes Dr. Koch und mit dem Kollegen Dr. Christoph Gensch. Das hilft natürlich ungemein, um die Situation zu handhaben.

Wie ist aktuell die Stimmung?
Die Stimmung ist jetzt wieder gut. Kurzzeitig, als der Deutsche Handball-Bund die ersten Ideen zur Pokalrunde veröffentlicht hat, die sich bis in den Juni ziehen sollte, hatte sie sich mal verschlechtert. Die Pokalrunde unter den damaligen Bedingungen zu spielen, wäre nicht möglich gewesen. Das hat für Enttäuschungen gesorgt. Man hat gemerkt: Die Jungs wollen unter Wettkampfbedingungen spielen. Aber mit der jetzt gefundenen Lösung, dem Re-Start im April, sind alle glücklich.

Viele Handballer und Handballerinnen, die nicht als Profis eingestuft sind, beneiden Eure erste Mannschaft sicher darum, dass sie zumindest trainieren kann. Ein Trainingsstart wäre für viele ja schon ein Traum.
Natürlich wissen die Jungs zu schätzen, dass sie trainieren dürfen, wissen, dass sie hier gegenüber anderen Sportlern ein Privileg genießen. Denn keiner unterschätzt die gesundheitliche Lage, jeder weiß, welchen Aufwand der Verein betreibt, um das möglich zu machen. Aber jede Medaille hat bekanntlich zwei Seiten. Und die Jungs sind nun schon in einer monatelangen Vorbereitung. Für sie ist es auch wichtig, ein Ziel zu haben, auf das sie hinarbeiten. Das gibt es jetzt.

Wenn die Mannschaft sieht, welche Anstrengungen der Verein in diesen schwierigen Zeiten unternimmt, hat sich das sicher in den Vertragsverhandlungen niedergeschlagen. Waren die damit einfacher?
Mit den meisten Spielern waren die Verhandlungen tatsächlich einfacher. Sie haben gesagt, der SV ist mein Verein, ihr habt euch bemüht, auch in diesen schwierigen Zeiten weiter Gelder zu bezahlen, das wollen wir zurückgeben. Wir hatten uns als Vorstand aber auch gegenüber den Spielern so positioniert, dass wir frühzeitig Klarheit für die Planungen der neuen Saison haben wollten. Natürlich lässt man Spieler nicht gerne gehen, aber auch Trennungen gehören dazu.

Ohne Sponsoren wäre das alles nicht möglich. Wie ist denn hier die Lage?
Wir haben zum Glück das Sponsoring sehr breit aufgestellt. Aber wie sich das alles entwickelt, ist schwer zu prognostizieren. Corona betrifft ja nicht nur den Sport, sondern alle Bereiche, auch die Wirtschaft. Und da bleibt einfach die Entwicklung abzuwarten. Für uns steht fest, dass wir mit unseren Sponsoren offen und ehrlich umgehen wollen, dass wir gemeinsam Lösungen für alle Fälle finden wollen.

Als Vorsitzender des SV 64 ist man nicht nur für die erste Mannschaft verantwortlich, sondern für viele Teams im Aktiven- und Jugendbereich. Wie sieht es dort aus?
Unsere Oberliga-Handballerinnen haben ja für die Aufstiegsrunde zur Dritten Liga gemeldet. Wenn ich mir die aktuelle gesundheitliche Entwicklung ansehe, fällt es mir momentan allerdings schwer zu sehen, wie diese Runde gespielt werden soll. Die Mädels haben jetzt monatelang nicht trainieren dürfen; die Frage ist, ab wann Mannschaftstraining in der Halle wieder möglich sein wird. Und ohne mehrwöchige Vorbereitung ist die Rückkehr in den Spielbetrieb nicht machbar. Das gilt für alle Mannschaften bei uns im Verein. Wir haben tolle Trainer, gerade auch im Jugendbereich. Die halten Kontakt zur Mannschaft, es gibt Online-Einheiten, Trainingspläne. Aber all das, da müssen wir ehrlich sein, kann gemeinsames Mannschaftstraining nicht ersetzen.

Hat man da als Vorsitzender Sorge, dass Mitglieder verloren gehen?
Es wird wohl unausweichlich sein, dass der ein oder andere nicht mehr zum Handball kommen wird, wenn Training wieder möglich ist. Wie sich das genau darstellt, werden wir sehen, wenn wieder trainiert werden darf. Dass das bald wieder möglich ist, würden sich alle wünschen.

Wie beurteilt der Orthopäde Jürgen Knoch denn die Situation?
Es ist eine sehr schwierige Situation. Gerade für die Kinder und Jugendlichen. Ich sehe das aus medizinischer Sicht mit vielen Sorgen. Es gab ja schon vor Corona viele Kinder, die sich nicht übermäßig viel bewegt haben, viel Zeit mit elektronischen Geräten verbracht haben. Ich befürchte , deren Zahl wird steigen. Was die Mobilität, was Kraft, was Koordinationsfähigkeiten von Kindern anbelangt, haben Untersuchungen in den vergangenen Jahren schon gezeigt, dass es auf breiter Basis Rückschritte gibt. Das wurde sicher durch Corona verstärkt. Den Kindern wurde ja alles genommen: kein Schulsport mehr, kein Vereinssport mehr. Ich befürchte, dass wir die Folgeschäden in den nächsten Jahren in den Praxen deutlich sehen werden. Und dass viele gesundheitliche Probleme, die zum Beispiel mit Bewegungsmangel einhergehen, oder Probleme mit dem Handy-Daumen, dem Handy-Nacken bei immer jüngeren Patienten zu beobachten sind. Für unsere Handballer in allen Altersklassen wird es wichtig sein, sie vorsichtig und gezielt wieder an den Handball heranzuführen, um das Verletzungsrisiko zu minimieren. Da habe ich aber Vertrauen in unsere Trainer. Unterm Strich fehlt aber allen bis jetzt schon gut ein Jahr sportliche Entwicklung. Das ist sehr bedauerlich.

Jürgen Knoch
Jürgen Knoch
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