Zweibrücken Organist Christian Brembeck improvisiert in Zweibrücken
Nachdem Christian Brembeck das letzte Lied gespielt hat, stehen seine Zuhörer auf und applaudieren. Bach hat er unter anderem gespielt und zwei glanzvolle Sätze von Charles-Marie Widor. Was dann passiert, ist einzigartig: Brembeck improvisiert ein rund 20-minütiges Stück, das für helle Begeisterung sorgt.
Es war ein guter Tag, als die Orgelbaufirma Rieger die Orgel in der Zweibrücker Heilig-Kreuz-Kirche neu baute. Denn ihr entlockt der in Berlin lebende Christian Brembeck herrliche Klänge. Als die „tollsten und stimmungsvollsten Werke aus Bachs Feder“ vom Organisten vorher angepriesen, ist Brembecks Interpretation bemerkenswert. Temporeich, stürmisch und dennoch voller Eleganz eröffnet er die „Toccata, Adagio und Fuge“ in C (BWV 564). Kenner hören heraus, dass die Partitur von Johann Sebastian Bach stammt. Aber Brembeck wäre nicht Brembeck, würde er ihr nicht seinen eigenen Stempel aufdrücken.
Aufwühlend und in tiefem Klang erstrahlt die ganz eigene Geschichte, die Christian Brembeck, der in München gewohnt hat, den Zuhörern vorträgt. Klangtechnisch einwandfrei, schließt sich die vorhergehende dunkle, fast bedrohlich anmutende Tonsalve in einem langen Akkord. Aufbauschend und gewaltig füllt er die gesamte Kirche aus.
Schon nach den ersten Klängen macht sich eine besondere Atmosphäre in der Kirche breit: Erwartungsvoll, welchen Akkord, welche Tonwechsel der studierte Kirchenmusiker wohl als nächstes spielen wird, und zugleich respektvoll sitzen manche ganz versunken da. Versunken in seiner Musik, die einem an manchen Stellen Gänsehaut über den Rücken jagt.
„Orgeltyp, der großen Orchestern Paroli bietet“
Beim Intermezzo der „Symphonie pour Orgue No. 6“ (op. 42/2) gleiten Brembecks Finger zuerst leise und elegant über die Tasten. Schließlich verdichtet sich der Klang zum rasanten, ständig abwärtsgleitenden Staccato. Als würde man die Wendeltreppe eines hohen Turms hinuntersteigen. Und dann spaltet Brembeck das klangtechnische Spiralbild zu vielen wunderbaren Verästelungen auf.
Fünf Künstler spielt Christian Brembeck, der über 50 CDs in vielen Regionen Deutschlands aufgenommen hat. Vor dem Konzert merkt man ihm im Gespräch mit der RHEINPFALZ an, wie sehr er sich auf den Abend freut. Er lobt das „Notre-Dame-Feeling“, das die Orgel bietet. „Es ist ein Orgeltyp, der auch großen Orchestern Paroli bieten kann“, erzählt er. „Vielleicht spiele ich auch noch eine Improvisation am Ende.“
Das tut er. Den rund 50 Zuhörern lässt er ein 20-minütiges Stück zuteilwerden, das so nirgendwo auf Notenpapier geschrieben steht. Zügellos sind die ersten Töne, die gleich darauf wie Gold klirren. Dann folgt ein ruhiger, feinfühliger und schillernder Klang.
Wermutstropfen: Orgel steht im Rücken der Zuhörer
Bei der sanften Variation inmitten des Stücks assoziiert man die schwebenden, fröhlichen Pfeifenklänge mit einer Kutschfahrt vorbei an einer blühenden Wiese. Dann sind es fanfarenähnliche Klänge, gleißend, voller Zuversicht und doch autoritär, die den ehrehrbietenden Part bilden. Viele Zuhörer drehen sich um und lauschen dem langen Improvisationssatz stehend, um dem meisterhaften Organisten beim Spiel zusehen zu können. Das ist der einzige Wermutstropfen: Die Orgel befindet sich im Rücken der Zuhörer auf einer Empore hinten in der Kirche.
Mit seiner improvisierten Zugabe, die viele Zuhörer mehr beeindruckt als die Stücke zuvor, hat Christian Brembeck die Tür zu einer neuen, eigenen Klangwelt aufgestoßen. Sowohl wegen der vielen Variationen im Stück als auch wegen des breiten Klangspektrums war das 90-minütige Konzert einzigartig. Dramaturgisch und virtuos, reich an Klangvielfalt und ein breites Gefühlsspektrum bietend – Brembecks Spiel wird einen nicht so schnell loslassen.