Zweibrücken Mit dem Alpenexpress durch London

Christian Roder hat für die Fantasiewelt Paddington den Bus entworfen (linker Bildschirm). Rechts ist die Vorlage des Bären zu s
Christian Roder hat für die Fantasiewelt Paddington den Bus entworfen (linker Bildschirm). Rechts ist die Vorlage des Bären zu sehen.

Christian Roder aus Contwig hilft mit, dass weltweit Millionen Menschen ihren Aufenthalt in Freizeitparks genießen. Der 32-Jährige arbeitet für die Firma VR Coaster in Kaiserslautern. Die Ausgründung der Hochschule entwirft Fantasiewelten und kombiniert diese mit Achterbahnfahrten. Zu den Kunden gehört unter anderem der Europa Park in Rust, wo zwei Achterbahnen mit dem Virtual-Reality-Angebot ausgerüstet sind.

Der Alpenexpress, eine Familienachterbahn im Europa Park in Rust, setzt sich in Bewegung. Die Lokomotive beschleunigt und zieht die Waggons in scharfen Kurven durch eine Berglandschaft und durch mehrere Höhlen. Bergauf, bergab, eine Kurve nach der anderen. Der Fahrtwind peitscht den Parkgästen ins Gesicht. Sie lachen, einige schreien vor Freude auf, bis der Express nach rund zwei Minuten wieder im Bergbahnhof zum Stehen kommt. Nun stellen Sie sich einmal vor, Sie fahren eine weitere Runde. Nur diesmal sitzen Sie in einem der Waggons und tragen eine sogenannte Virtual-Realtiy-Brille – eine Brille, die eine künstlich erschaffene Realität darstellt. Und während der Fahrt im Alpenexpress eröffnet sich statt der Kulisse im Park die Welt von Paddington, dem Bären, der einem roten Touristenbus in London hinterherläuft. Die Fahrt des Busses ist perfekt angepasst auf den Streckenverlauf der Achterbahn. Das echte Gefühl trifft auf eine simulierte Bildsequenz und macht diese erlebbar. Die Idee dazu stammt aus Kaiserslautern, genauer gesagt von Thomas Wagner, Professor für Virtual Design an der Hochschule. Vor vier Jahren hat er die Firma VR Coaster gegründet. Rund 90 Prozent der circa 20 Mitarbeiter sind ehemalige Hochschul-Studenten. 3D-Artist Christian Roder aus Contwig ist da die Ausnahme. Der 32-Jährige stammt aus dem unterfränkischen Kitzingen und hat nach der mittleren Reife eine Ausbildung zum Mediengestalter in Würzburg gemacht und ist dann nach einigen Berufsjahren in der Spielebranche in Mainz in Kaiserslautern gelandet. Der Job bei VR Coaster gefällt dem 32-jährigen Vater einer fast vierjährigen Tochter und eines knapp einjährigen Sohnes. „Das ist ein Start-up. Ich kann dabei sein, wenn die Firma wächst. Außerdem helfe ich mit, dass die Leute in Freizeitparks Spaß haben“, so Roder. Als 3D-Artist ist es seine Aufgabe, die einzelnen Elemente der späteren Bildsequenz zu entwerfen. „Bei Paddington habe ich beispielsweise den Bus erstellt.“ Diese Elemente setzen Roders Kollegen im Anschluss zu einer Sequenz zusammen, „die auf die jeweilige Achterbahn abgestimmt ist“. Doch wie funktioniert das System später im Park? An einem der Räder des Achterbahnzugs wird ein Sensor montiert. „Der misst die Umdrehungen des Rades auf einer Runde und schickt ein Signal an eine Blackbox“, sagt Roder. Diese Box wiederum funkt den Standort der Achterbahn an die VR-Brille. So sei es möglich, die Bildsequenz genau auf die Achterbahnfahrt abzustimmen. „Natürlich wird bei der Planung auch der jeweilige Streckenverlauf berücksichtigt. Von vielen Parks erhalten wir diesen schon vorab in 3D.“ Und das Angebot wird angenommen. „Die Nachfrage ist riesig – vor allem in den Staaten und Südostasien.“ Viele seiner Kollegen seien weltweit unterwegs, wenn es um Tests an Ort und Stelle oder die Inbetriebnahme der Attraktionen geht. Der 32-Jährige sieht seine berufliche Heimat aber eher hinter dem Schreibtisch – auch um nach Feierabend schnell bei seiner Familie zu sein. Bislang habe er nur einmal an einem längeren Vorort-Termin in Taiwan teilgenommen. Zu den Kunden der Kaiserslauterer Firma gehören unter anderen der amerikanische Freizeitparkriese Six Flags, Legoland (Deutschland, Malaysia), Warner Brothers Movie World (Australien), Ocean Park (Hongkong) und eben der Europa Park in Rust – weltweit sind mehr als 60 Attraktionen mit der VR-Coaster-Technik ausgestattet. „Die VR-Technologie wird den klassischen Freizeitpark nicht ersetzen und überflüssig machen. Sie ist eine Ergänzung des bestehenden Angebots“, sagt Daniel Westermann, Sprecher des Europa Parks auf Anfrage der RHEINPFALZ. Dort drehte der Alpenexpress im September 2015 als erste VR-Achterbahn der Welt ihre Runden. Etwa eine halbe Million Menschen nutzten das zusätzliche Angebot (Kosten pro Fahrt: zwei Euro – zusätzlich zum Parkeintritt) in der vergangenen Saison, so Westermann. Im September vergangenen Jahres wurde ein weiteres Fahrgeschäft im Europa Park mit der Technik ausgestattet – die „Eurosat-Coastiality“ (seither 65 000 Fahrgäste bei einem Fahrpreis von sechs Euro pro Person). Dort erhalten Besucher die VR-Brille schon vor der eigentlichen Achterbahnfahrt und laufen durch den Bahnhof bis zum Achterbahnzug. Die Fantasiewelt ist Westermann zufolge Luc Bessons Kino-Blockbuster „Valerian - Die Stadt der tausend Planeten“ nachempfunden. „Das war ein sehr anspruchsvolles Projekt, bei dem wir auch jetzt noch Kleinigkeiten ändern müssen“, sagt Roder. Die Früchte seiner Arbeit in Rust hat der Contwiger selbst übrigens noch nie erlebt. „Ich war schon sehr lange nicht mehr dort, aber im Moment sind unsere Kinder noch zu jung. Da lohnt es sich noch nicht“, so Roder. In ein paar Jahren will er das nachholen. Wer weiß, vielleicht fahren Roder und seine Familie dann auch mit dem Alpenexpress durch London.

Der Alpenexpress im Europa Park Rust war die erste Achterbahn weltweit, die auf die VR-Technik aus Kaiserslautern zurückgriff.
Der Alpenexpress im Europa Park Rust war die erste Achterbahn weltweit, die auf die VR-Technik aus Kaiserslautern zurückgriff.
Eine von fünf Welten im Alpenexpress: Der Bär Paddington rennt einem Doppeldecker-Bus in London hinterher.
Eine von fünf Welten im Alpenexpress: Der Bär Paddington rennt einem Doppeldecker-Bus in London hinterher.
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