Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Mit 9-Euro-Ticket unterwegs: Selbstversuch im Nahverkehr

Deutschlandweit wird jetzt viel von überfüllten Eisenbahnen berichtet. Wie ist das in der Südwestpfalz?
Deutschlandweit wird jetzt viel von überfüllten Eisenbahnen berichtet. Wie ist das in der Südwestpfalz?

Sinn des 9-Euro-Tickets soll es sein, öfter mal in den Nahverkehr umzusteigen. Wie funktioniert das in der Südwestpfalz? Ein Selbstversuch.

Das Ticket in der Hand, habe ich mir vorgenommen, eine Woche lang nur noch Nahverkehr und Fahrrad zu nutzen. Ich wohne in Contwig, im Moment habe ich für eine Zeit lang einen Nebenjob in Zweibrücken. Ansonsten bin ich in meiner Freizeit meist als Leichtathlet unterwegs – als Mitglied einer Läufergruppe des TV Lemberg. Die hat Mitglieder in der gesamten Südwestpfalz. Meine Vorgabe also: Neben der Stadt Zweibrücken als Arbeits- und Trainingspunkt muss ich es mittwochs nach Lemberg schaffen – und an diesem Sonntag zudem nach Rodalben. Was sich als Herausforderung entpuppen wird.

Von mir daheim sind es bis zum Bahnhof anderthalb Kilometer, die nächste Bushaltestelle ist nur ein paar Schritte entfernt. Ich beginne meinen Selbsttest an einem Mittwoch: Heute muss ich es nach Lemberg schaffen. Mit der Bahn soll es bis Pirmasens gehen, von dort weiter mit dem mitgebrachten Fahrrad. Training ist um 18 Uhr. Weil es regnet, erreiche ich den Bahnhof bereits leicht durchnässt. Die Digitalanzeige dort gibt an, dass mein Zug etwa fünf Minuten Verspätung hat. Das wird knapp – schließlich ist es schon kurz vor fünf. Als ich in die Bahn einsteige, fällt sofort auf, dass heute sehr viel los ist. Einen Sitzplatz ergattere ich nicht mehr, und alle Radstellplätze im Abteil sind belegt. Ich bin also gezwungen, mich mit meinem Fahrrad vor die gegenüberliegende Tür zu stellen. Diese ist defekt, wie ein Aufkleber an der Scheibe besagt. Für mich ein Glück: So muss ich nicht bei jedem Halt Platz machen. Kurz vor Pirmasens ist der Regen in leichtes Nieseln übergegangen. Fürs Weiterradeln ziehe ich daher nur eine dünne Jacke über. Zwei Minuten später bereue ich dies: In Pirmasens gerade erst losgeradelt, schüttet es schon wieder wie aus Kübeln. Ich habe keine Zeit zum Anhalten, um die Jacke noch einmal zu wechseln: Vom Bahnhof aus bleiben nur 25 Minuten, um pünktlich anzukommen. Auf der sieben Kilometer langen Strecke bis zum Lemberger Sportgelände lauern 166 Höhenmeter. Es geht ständig auf und ab, ich muss ordentlich in die Pedale treten. Der Regen durchweicht meine Kleidung; Radwege gibt es nicht überall. Viele Autos im Feierabendverkehr überholen mich. Als ein Lkw knapp an mir vorbeirollt, kriege ich einen heftigen Schwall Spritzwasser ab. Ich halte mich ran: Durchnässt, aber pünktlich bin ich um 17.54 Uhr am Ziel.

Überraschung im Bus in die Rosenstadt

Das Training geht bis 20 Uhr. Als ich mich auf den Rückweg mache, regnet es zwar nicht mehr. Aber der Zeitdruck ist jetzt noch größer: Denn der letzte Zug in Pirmasens fährt um 20.32 Uhr ab. Verpasse ich ihn, muss ich den ganzen Weg nach Hause radeln. Vier Minuten vor Abfahrt erwische ich die Bahn; erschöpft lasse ich mich auf einen Klappsitz fallen. Und blicke auf die Uhr: Mit dem Auto wäre ich jetzt schon daheim.

Kurzstrecken fahre ich seit geraumer Zeit ohnehin fast alle mit dem Rad. Für meinen Test beschließe ich am nächsten Morgen aber, für den Weg zur Arbeit nach Zweibrücken den Bus zu nehmen. Ich fange erst gegen 11.30 Uhr an, nehme den Bus um 11.04 Uhr. Mit mir steigt eine Frau ein. Im Innern bin ich überrascht: das Fahrzeug ist menschenleer.

Bus ändert seine Route in Zweibrücken

In Zweibrücken wollte ich am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) aussteigen. Doch dann nimmt der Bus ab dem alten Parkbrauerei-Gelände eine andere Route. Erst ärgere mich ein wenig, bis mir einfällt, dass der Busbahnhof wegen der vielen Baustellen im Stadtgebiet derzeit nicht bedient wird. Nun steige ich am Hauptbahnhof aus und muss nach zehn Minuten Fahrt noch ein paar Schritte zu Fuß gehen. Ob ich damit viel schneller war als sonst mit dem Fahrrad, sei dahingestellt. Am Nachmittag nehme ich wieder die Bahn: Erneut muss ich warten, wieder hat der Zug fünf Minuten Verspätung. Am Abend schaffe ich es wie immer mit dem Rad zum Training ins Zweibrücker Westpfalzstadion. Der Rest der Woche wird ähnlich aussehen: Mal Bus, mal Rad, mal Bahn. Der Zug hat irgendwie fast immer leicht Verspätung. Häufig ist er voll, überfüllt ist er aber nie.

Schwierig wird es erst wieder am Sonntag: Meine Trainingsgruppe trifft sich zum allwöchentlichen Joggen im Pfälzerwald. Ausgangspunkt ist diesmal ein abgelegener Wanderparkplatz bei Rodalben – um 10 Uhr.

Um 8.52 Uhr steige ich in den Zug. Ich habe jetzt Zeit, mich mal umzuhören, was andere so vom 9-Euro-Ticket halten. Ich treffe Barbara und Bernd Stöckle aus Stambach, die heute nach Hinterweidenthal unterwegs sind, um dort eine Radtour zu unternehmen. Beide haben die 9-Euro-Karte, sie mögen das Angebot. „Wir fahren sowieso viel Fahrrad und generell öfter mit der Bahn. So steht man nicht auf der Straße im Stau“, erzählt Barbara Stöckle. An der Biebermühle steigen wir um, am nächsten Halt muss ich raus. Die drei Kilometer bis zum Wanderparkplatz gehe ich zu Fuß. Es ist heiß; permanent geht es bergauf. Trotz Fußgängermodus will mich meine Navi-App über die Landstraße schicken. Zum Glück entdecke ich einen Waldweg, der parallel verläuft. Wieder komme ich pünktlich an. Aber noch während des Trainings muss ich mir schon wieder Gedanken machen, welchen Zug ich für die Rückfahrt nehmen soll. Abfahrt ist stets 36 Minuten nach der vollen Stunde; das Joggen ist erst gegen 11.20 beendet. Ein netter Kollege nimmt mich in seinem Auto bis zum Rodalber Bahnhof mit. So klappt’s mit der Rückfahrt problemlos.

Es könnte eine Alternative sein

Mein Fazit? Alles in allem hat das Experiment ziemlich gut funktioniert. Vor allem Kurzstrecken in die Stadt erwiesen sich als unkompliziert. Im Vergleich zum Fahrrad ist der Nahverkehr etwas bequemer. Wäre er dauerhaft so günstig, böte er mir bei schlechtem Wetter oder an „faulen Tagen“ eine echte Alternative. Orte in der Nähe von Bahnstrecken sind zu Fuß oder Rad noch erreichbar. Das Fortkommen wird aber stressiger, wenn Zeitdruck auftritt. Leider fahren die Züge nur einmal die Stunde – und abends nicht mehr lange. Bei bergigen Strecken kann ein E-Bike hilfreich sein.

In meinem Test nicht berücksichtigt wurden Dörfer, die nicht direkt an Bahnlinien liegen: Dort dürfte die Sache zu Randzeiten und am Wochenende deutlich schwieriger werden.

Die Anzeige am Zweibrücker Hauptbahnhof weist Verspätung aus.
Die Anzeige am Zweibrücker Hauptbahnhof weist Verspätung aus.
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