Zweibrücken
Man Ray: der geheimnisvolle Raucher
Zweibrücken hatte seine kulturelle Blütezeit, als es Herzogtum war, immerhin drei Jahrhunderte lang – das Saarland war kulturell bedeutend, als es selbstständig war: in der kurzen Spanne von 1947 bis 1957. Nicht alles, was damals im Saarland passierte, ist aufgearbeitet. So kam auch die Sache mit dem berühmten Dada- und Surrealismus-Künstler Man Ray (1890-1976) erst jetzt wieder ans Licht.
Man Ray ist berühmt für seine Fotografien. „Kiki, Violon d’Ingres“ von 1924 zeigt eine Frau mit Turban von hinten, auf ihrem nackten Rücken sind zwei musikalische Violinschlüssel aufgemalt, einer rechts, einer links. Oder „Les larmes“ (die Tränen): ein großes Auge, mit viel Wimperntusche und zwei falschen Tränen, aufgesetzte Glastränen. Natürlich sind diese und andere bekannte Fotos aus dem Museum Ludwig in Köln für die Ausstellung „Man Ray – zurück in Europa“ nun ins Saarlandmuseum nach Saarbrücken gekommen. Aber das Saarlandmuseum hat etwas, was die anderen Museen nicht haben.
Es sind Fotos, die den Künstler im Museum zeigen – aus den 50er Jahren, als er häufiger in Saarbrücken war und dort ausstellte. Die Fotos machte Edith Buch, damals 19-jährige Assistentin von Otto Steinert, dem Direktor der Saarbrücker Schule für Kunst und Handwerk. Er hatte Man Ray eingeladen. Edith Buch (geboren 1933) half ihm, sich zurechtzufinden, denn sie sprach Französisch, Steinert nicht – und Man Ray verstand kein Deutsch.
Er war immer auf dem Sprung
Das erzählt die immer noch sehr lebhafte Frau, die als Edith Buch-Duttlinger inzwischen selbst eine bekannte Fotografin ist, in einem aktuellen Video in der Ausstellung. Ihre Erzählung ist der Schlüssel zur Ausstellung. Ein Mann, der immer auf dem Sprung war, keine ruhige Minute kannte und nur Kunst im Kopf hatte, so beschreibt sie Man Ray. Für Fotos zu posieren, kam ihm nicht in den Sinn.
So hatte sie 1952 auch nur ein paar Sekunden, als er mal kurz vor seinem Werk „L’orateur“ (der Redner) stillstand, um ihn abzulichten. Mit dem Mantel in der einen und der Brille in der anderen Hand steht er am hölzernen Geländer. Er schaut etwas müde nach unten. Und es gibt noch ein ungewöhnliches Foto. Man sieht ihn im Profil, eine Zigarette in der Hand, mit nach unten gesenktem Kopf und Lidern, in der anderen Hand hält er ein Blatt. Ein bisschen Rauch steigt auf. Licht und Schatten zaubern schöne Effekte – ein ganz in sich gekehrter Mann, eine intime Szene.
Ein Brief aus Paris
Als Edith Buch Man Ray die beiden Fotos nach Paris schickte, bedankte er sich. Er schickte ihr eines seiner Fotos aus der Serie „Mannequin“, den geschminkten Kopf einer Schaufensterpuppe mit Perücke, Glückbirnen und Zigaretten im Haar, natürlich falschen Tränen ums Auge und der Widmung „Pour Edith avec mes remerciements“. Das Foto nebst Briefumschlag (Adresse: „Schmollerstraße 8a, Saarbrücken, Saar“, ohne Postleitzahl kam an) war dem Museum Anlass, die ganze „Mannequin“-Serie als zentrales Element in die Ausstellung zu packen. Die andere Serie ist „Rayographie“.
Sein nach Picasso-Art verschränkt schlafender Akt „Solarisation“ (Man Ray machte wahrscheinlich sogar als Erster aus einem Belichtungsfehler diese Kunstform) ist dabei, und eines seiner wenigen Gemälde, eine an Magritte erinnernde Straßenszene aus der Rue Férou in Paris (wo er 1952 wohnte, wie der Briefumschlag verrät) in kaum merklichen Farben, sehr surrealistisch anmutend.
Surrealistische Kurzfilme
Man Rays erster Kurzfilm „Le retour à la raison“ (1923) wird projiziert, ein Spiel von geometrischen Elementen und Leuchtbirnen in der Nacht, ähnlich den zeitgleich entstandenen „Rhythmus“-Filmen von Hans Richter, und „Emak Bakia“ (1926 mit dem Modell Kiki), der Momentaufnahmen von Frauen und Stadtmotiven zeigt, wie sie erst vier Jahre später durch Jean Vigos „A propos de Nice“ berühmt werden sollten.
Man Rays Werk ist umfangreich, doch die 60 Arbeiten, die in Saarbrücken zu sehen sind, machen deutlich, wie sehr er ein Kind seiner Zeit war – und eben nach Saarbrücken kam, wo er sich an den beiden legendären Ausstellungen „Subjektive Fotografie“ Otto Steinerts 1951 und 1954 beteiligte und sie auch mitinszenierte, wie die Recherchen von Roland Augustin, dem Leiter der fotografischen Sammlung des Saarlandmuseums, ergaben, der die Schau konzipierte. Die Details kann man im vorzüglichen zweisprachigen Katalog (deutsch/französisch) nachlesen.
Viermal kam er nach Saarbrücken
1952 stellte Man Ray am früheren Standort des Saarlandmuseums in einem neubarocken Palais am St. Johanner Markt aus. 1953 zeigt er dort in der Ausstellung „Formes et décors“ nicht nur seine Fotografien, sondern auch ein von ihm entworfenes Schachspiel. Das ist diesmal nicht dabei, aber eines seiner Objekte, das man leicht übersehen kann. Es hängt ganz oben an der Decke.
Ausstellung
„Man Ray – zurück in Europa“, Moderne Galerie, Saarlandmuseum, Saarbrücken, Bismarckstraße 11-19, bis 8. März, täglich außer Montag 10-18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr, Eintritt: sieben Euro, ermäßigt fünf Euro, Katalog (160 Seiten, 88 Abbildungen) 24,90 Euro.