Wochenendmeinung Lasst die Saatkrähen in Ruhe
Manches wiederholt sich so oft, dass man es einfach nicht mehr hören kann. Das alljährliche Gekreische der Saatkrähen in der Allee etwa. Zunehmend aber auch die alljährlich hochkochende Empörung ob dieser impertinenten Vögel, die da so rücksichtlos rumschreien, Zweiglein herabfallen lassen und mit weißen Flatschern den Boden markieren. Manchmal auch Jacken oder Köpfe. Schlimm sowas! Oder?
Mittlerweile weiß ich nicht mehr, was mehr nervt, das Gezeter der Krähen oder das Gezeter derer, die nicht müde werden, sich über die Krähen aufzuregen. Gut, ich habe leicht reden, ich wohne ja nicht direkt an der Allee. Andererseits tun das ohnehin sehr wenige. Direkt an der Allee lebt eigentlich nur der katholische Pfarrer Wolfgang Emmanuel in seinem Pfarrhaus neben der Heilig-Kreuz-Kirche. Klar hört man die Vögel auch in den Wohn-, Büro- und Gerichtsgebäuden in der Nähe. Trotzdem: Am meisten betroffen sind nicht die Anwohner, sondern Spaziergänger, Jogger und Radfahrer, die die Allee benutzen.
Weder böse noch invasiv
Ich denke, die Zweibrücker sollten sich daran gewöhnen, dass die Krähen in der Brutzeit tun, was Krähen eben tun. Es sind keine teuflischen Geschöpfe, die es aufs Piesacken der Menschen abgesehen haben. Es sind Tiere, intelligente Tiere zwar, aber keine, die so etwas wie Boshaftigkeit entwickeln könnten. Bei dem Hass, den manche Zweibrücker auf die Krähen haben, könnte man das glatt meinen. Manch einer spricht gar von einer Invasion. Dabei sind Saatkrähen keine invasive Art, sondern waschechte Europäer.
Um die wirklich invasiven Arten sollte man sich eher Gedanken machen. Etwa die Asiatischen Marienkäfer, die ursprünglich zur biologischen Schädlingskontrolle eingesetzt wurden. Inzwischen haben sie sich unkontrolliert ausgebreitet und sind eine Bedrohung für heimische Marienkäfer und Nützlinge. Ein von Menschen verursachtes Problem. Übrigens auch das mit den Saatkrähen. Die sind ja überhaupt nur in den Städten, weil Menschen ihre Lebensräume außerhalb auf dem Land zerstört haben.
Koexistenz ist möglich
Vielleicht muss man die Sache mal von einer ganz anderen Warte aus betrachten. Versuchen, mit den Vögeln zu leben statt sie zu verteufeln. Sie sind, wie gesagt, intelligent, können Werkzeuge benutzen, und es ist interessant, ihnen beim Nestbau zuzuschauen. Andere Orte haben sich das bereits zunutze gemacht, etwa Ascheberg am Plöner See. Dort gibt es einen Krähenpfad mitten durch eine Krähenkolonie im Ort mit „Gerda, der Saatkrähe“, die auf Tafeln kindgerecht über sich und ihre Artgenossen informiert. Dieser Naturlehrpfad kommt bei Touristen gut an. Und zeigt, dass eine friedliche Koexistenz von Menschen und Krähen möglich ist. In Ascheberg sieht man die Krähen nicht als Problemtiere, sondern ist stolz auf sie und nutzt ihr Potenzial.