Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Landesjugendchor-Manager Björn Rodday: Der Austausch der Kulturen muss weiter stattfinden

Mediziner, Musiker, Kulturmanager: Björn Rodday
Mediziner, Musiker, Kulturmanager: Björn Rodday

Der Landesjugendchor Rheinland-Pfalz, der am Samstag, 27. August, 19 Uhr, in der Contwiger Kirche St. Laurentius das Festival Euroclassic eröffnen wird, feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen.

Der Landesjugendchor wurde 1982 als Förderinstitution des Landes gegründet. In der Westpfalz ist er kaum bekannt, weil er da in den vergangenen Jahren nur selten auftrat. Konstanze Führlbeck hat sich mit dem Chormanager Björn Rodday über diesen ungewöhnlichen Chor unterhalten.

Herr Rodday, wie setzt sich der Landesjugendchor zusammen?
Er ist eine Förderinstitution des Landes Rheinland-Pfalz. Aus den Schulchören und Chorverbänden sollen herausragende Sängerinnen und Sänger für den Landesjugendchor empfohlen werden und in der Folge an einem Vorsingen teilnehmen. Ähnlich einer Landesauswahl beim Sport ist das eine Form der Förderung besonders begabter junger Menschen. Im Augenblick habe ich einen Pool im Alter von kurz nach dem Stimmbruch, also etwa 13 Jahren bis zu einem Förderhöchstalter von 26 Jahren. Aus diesem Pool bildet sich der Chor für jede Konzertphase immer wieder neu, die Besetzung wechselt ständig. In den letzten Jahren waren wir dabei jedoch manchmal an der Grenze der Singfähigkeit.

Wieso?
Es wird immer schwieriger, Nachwuchs zu rekrutieren. Die musikalische Grundbildung nimmt immer mehr ab, das wurde durch die Coronapandemie noch verschärft. Da das Singen und insbesondere das Chorsingen als besonders gefährlich für die Verbreitung von Aerosolen gilt, haben viele Chöre in der Schule zwei Jahre lang nicht geprobt. Viele Chorleiterinnen und Chorleiter empfehlen deshalb ungern Sängerinnen und Sänger an den Landesjugendchor weiter. Dabei stellt der Landesjugendchor immer nur ein Plus-Angebot dar und soll niemals den Heimatchor ersetzen.

Wie sieht die Arbeit mit dem Landesjugendchor aus?
Der Landesjugendchor ist ein Projektchor, die Dirigentinnen und Dirigenten und auch kooperierende Orchester wechseln von Projekt zu Projekt. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal des Landes Rheinland-Pfalz. Die Gesamtleitung bleibt gleich. Es gibt drei Arbeitsphasen im Jahr, in denen im Block gearbeitet wird, sie orientieren sich an den Schulferien. Jede Phase dauert etwa zehn Tage. Zunächst wird knapp eine Woche a cappella geprobt, dann schließen sich die Konzerte direkt an. Parallel gibt es kostenfrei Gesangsunterricht, Unterricht in Musiktheorie und verschiedene Workshops Es ist eine Auszeichnung, wenn man daran teilnehmen kann und der Teamgeist in diesem Chor ist unglaublich groß. Wenn man einmal dabei ist, kommt man immer wieder.

Wer sucht die Stücke aus, die der Chor singt? Hat der Chor da ein Mitspracherecht?
Durch den projektbezogenen Wechsel der Chorleiterinnen und Chorleiter kommt immer neuer inhaltlicher Input ins Ensemble. Wir haben uns jetzt beispielsweise an der Thematik des Kultursommers Rheinland-Pfalz orientiert – Ostwind. Bei der Stückauswahl sprechen sich Chorleitung und Gesamtleitung eng ab, zum Beispiel wegen der Besetzung oder ob ein Werk für die jungen Stimmen geeignet ist oder eher nicht. Danach wählen wir aus.

Der Landesjugendchor kommt nach Contwig.
Der Landesjugendchor kommt nach Contwig.

Nach welchen Kriterien haben Sie das Programm für das Euroclassic-Konzert in Contwig zusammengestellt?
Die Entscheidung für die Dirigentin Inessa Bodyako aus Belarus war bereits vor dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine gefallen. Damit wollten wir der ungeheuren Kraft Rechnung tragen, die von den Menschen in Belarus ausgegangen ist. Obgleich Weißrussland ja leider ebenfalls in den Ukrainekrieg involviert ist, möchten wir diese Kooperation aufrechterhalten. Unser Programm umfasst folgerichtig Stücke aus der Ukraine, aus Russland, aus Belarus und aus anderen osteuropäischen Staaten. Das ursprünglich russisch-belarussische Programm haben wir in Absprache mit der Dirigentin geöffnet, denn wir sehen Kultur als verbindendes und nicht trennendes Element. Auch Russland und Belarus sind Teil der europäischen Kulturgeschichte, und ich bin kein Verfechter davon, hier einen Riegel vorzuschieben. Unser Konzertprogramm soll verbinden, unabhängig davon, welche Despoten oben ihr Unwesen treiben. Sie müssen sich mal ganz klar vor Augen halten: Unsere Choristen sind junge Menschen, und zwei Länder weiter dürfen sie im gleichen Alter ihr Land nicht mehr verlassen, weil sie kurz vor der Einberufung stehen oder schon einberufen sind. Ich versuche meinen Choristinnen und Choristen zu vermitteln, welch ungeheures Privileg es darstellt, ein solches Projekt durchführen zu können und dürfen – gleichwohl sehe ich es auch als einen Bildungsauftrag an. Der Austausch der Kulturen und der jungen Menschen muss weiter stattfinden, egal, was auf der politischen und militärischen Ebene passiert. Unsere Dirigentin Inessa Bodyako reist aus Minsk an, und es wäre das falscheste Signal, wenn man sagt: Wir schließen die Tore jetzt für euch. Denn dann schließen wir die Tore auch für die nächste Generation, die aus den Fehlern der Gegenwart vielleicht zu lernen bereits ist. Die europäische Zusammenarbeit auf der Kulturebene ist eine Friedensinvestition in die Zukunft.

Der Landesjugendchor tritt sehr selten in der Südwestpfalz auf. Warum eigentlich?
Das stimmt, das ist etwas, was wir verbessern müssen, denn wir sind für das gesamte Land Rheinland-Pfalz zuständig.

In welche Richtung wollen Sie den Chor weiterentwickeln?
Solche Institutionen dürfen keine Veranstaltung für eine Bildungselite sein. Die Gymnasiastenquote im Landesjugendchor ist extrem hoch. Kulturförderung sollte aber für alle jungen Menschen offen sein, auch für Berufsschüler, Auszubildende im Handwerk, Real- und Gesamtschüler. Das darf nicht abhängig sein von der Bildung im Elternhaus oder dem finanziellen Hintergrund. Elite heißt für mich, dass ich auf Menschen mit einer besonderen Begabung zugehe. Es geht darum, Rohdiamanten zu finden, zu fördern und ihnen eine entsprechende Weiterbildung zu ermöglichen. Das bedeutet, dass man das Auswahlverfahren für den Landesjugendchor verändern muss. Früher konnte man nur auf Empfehlung zum Landesjugendchor kommen, das habe ich jetzt geändert und auch Initiativbewerbungen über die Homepage ermöglicht, auf der man zwei Smartphonevideos hochladen kann. Das ist viel direkter und unmittelbarer geworden, jeder kann seinen Hut in den Ring werfen. Die Ausschreibungen werden dabei möglichst breit gestreut, auch über Facebook und Instagram.

Ist der Landesjugendchor ein Sprungbrett in einen künstlerischen Beruf?
Erstaunlich viele Ehemalige sind Profimusikerinnen und Profimusiker geworden, sei es über die Schulmusik oder auf dem Weg als Solist im Bereich Gesang, aber auch als Komponisten oder Instrumentalisten. Ich selbst bin auch im Windsbacher Knabenchor groß geworden. Es ist Aufgabe eines humanistischen Bildungssystems, Begabungen zu fördern. Was jemand dann damit macht, ist eine andere Frage. Wir geben Werkzeuge mit. Es ist egal, ob die Jugendlichen später damit ihr Geld verdienen, aber diese Werkzeuge kann ihnen niemand nehmen.

Zur Person

Björn Rodday, 1977 in Buchholz (Niedersachsen) geboren, begann seine musikalische Ausbildung im Windsbacher Knabenchor. Danach sang er in Vokalensembles. Parallel zur musikalischen Laufbahn schloss er sein Studium der Freien Bildenden Kunst an der Akademie der Bildenden Künste e Nürnberg (Zeichnung/Malerei) und an der Kunsthochschule Mainz (Film) mit Diplom ab. Zudem hat er in Humanmedizin promoviert. Er war Künstlerische Gesamtleiter erst der gemeinnützigen Institution Operiamo, dann der Jungen Oper Rhein-Main und des Kammerchors Rheinland-Pfalz tätig. 2019 bis 2020 arbeitete er zudem als Kulturberater des Kultusministeriums Rheinland-Pfalz. Seit August 2021 ist er Manager des Landesjugendchors Rheinland-Pfalz.

Info

Für das Eröffnungskonzert des Festivals Euroclassic mit dem Landesjugendchor unter Leitung von Inessa Bodyako gibt es noch Karten für 18 Euro, ermäßigt 14 Euro bei ticket-regional.de.

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