Radsport
Kunterbunt Camp Jam: Schnorresse auf heißen Reifen in Kirrberg
Über 60 Jugendliche und Junggebliebene jagen auf heißen Fahrrädern, in der Szene immer nur „Bikes“ genannt, zwei parallele Pisten hinab, nehmen voll Karacho die Rampen, die teilweise aus Lehmsand gebaut wurden, aber auch aus Stahlrohrgestellen mit Mutiplexplatten bestehen, schrauben sich in die Luft und vollziehen dann waghalsige Stunts. Lenker loslassen für eine halbe Sekunde, Spagat machen im Flug, Lenker festhalten und das Bike dabei einmal um 360 Grad drehen. Irre auf Rädern, könnte man meinen.
Mädchen sind in diesem Extremsport kaum zu finden. Entdeckt man mal eine Person mit langen blonden Haaren, ist sie meist männlich. Und spricht für Außenstehende in Rätseln. Die Codes versteht nur die Szene: Spot, Dirtbike, Faceline oder Slope Style. Aber auch das Äußere ist ein Code. Skaterschuhe sind in, weite Hosen, und erstaunlich oft sieht man einen Oberlippenbart, wenn die Fahrer ihre Helme absetzen: Schnorresse auf heißen Reifen.
Geld und Applaus für Tricks
Maximilian Wasmuth aus Saarbrücken ist einer der Organisatoren der Veranstaltung, die am Samstag Fahrer aus dem ganzen Südwesten Deutschlands und darüber hinaus nach Kirrberg gelockt hat. „Aus Straßburg haben wir Meldungen, aber auch aus Hamburg sind Leute da“, erzählt Wasmuth. Alle wollen das Gleiche. „Cash for tricks“, Geld für Tricks. Oder zumindest Applaus für ihre Tricks. Und natürlich fahren, einfach nur fahren. Auf einer Strecke, die Fahrer Pascal Kobel aus Regensburg als „riesige Strecke“ bezeichnet. Das ist der Szenecode für „ziemlich gut“. Gerade hat er in der Luft rund fünf Meter über Grund Pirouetten gedreht, dabei die Beine weit abgespreizt. Und es trotzdem geschafft, wieder sitzend auf sein Bike zu kommen, bevor dieses wieder landet. „Ich bin noch nie eine geilere Strecke gefahren“, sagt der Mittzwanziger, der den Sport seit sechs Jahren betreibt.
Für dieses Lob und die „riesige“ Strecke haben Maximilian Wasmuth, Kunterbunt-Mitbegründer Patrick Pfreundschuh und rund acht weitere Fahrradverrückte viel Schweiß, Blut, Fleiß und Geld investiert. Schon etliche Jahre gibt es Bike-Wettbewerbe in Kirrberg. Doch in den vergangenen fünf Jahren fand keiner statt. Die Natur übernahm die Strecke am Waldrand, alles war zugewuchert. Pfreundschuh, Wasmuth und Freunde haben aus eigener Tasche und mit Sponsorengeldern laut Pfreundschuh rund 10.000 Euro in die Strecke investiert, um sie wieder wettbewerbstauglich zu machen. Dabei ist die Strecke weiter gewachsen. „Sie wird immer größer“, freut sich Pfreundschuh, der bereits beim allerersten Wettbewerb dabei war. Und auch beim vorletzten, im Jahr 2017: Weil einige Biker weggezogen sind, darunter er selbst – ihn hat es in die Schweiz verschlagen – , und auch wegen Corona war vier Jahre Pause. Doch der Ruf von Kunterbunt schlug in der Szene ein wie Donnerhall, lange bitten mussten die Jungs niemanden, um nach Kirrberg zu kommen. Das Gelände gehört dem Turnverein, der die Radverrückten tatkräftig unterstützt.
Nur der beste Lauf wird gewertet
„Slope Style, da geht es nicht um Zeit, sondern um die Tricks, die man vorführt“, erklärt Wasmuth, dass die Wettbewerbe keine Rennen sind und auch nicht so genannt werden sollten. Ein Wettbewerb nennt sich Best Line, auf einer Strecke im Wald, auch mit Sprüngen und Schanzen versehen. Auf acht Rampen müssen die Fahrer ihr Bestes geben. Jeder Fahrer hat drei Läufe, um zu überzeugen. Die Jury-Wertung wird allerdings nicht addiert, sondern nur der beste Lauf wird gewertet. Maximilian Wasmuth sitzt selbst in der Jury, fährt daher nicht mit. „Ich jage nicht mein eigenes Preisgeld“, sagt er trocken.
Das „Cash for Tricks“-Event hingegen bewertet nur einen einzigen Sprung an der höchsten Schanze mit Landung im Mulchbett. „Der Sieger bekommt ein bisschen Bargeld zugeschmissen“, erklärt Wasmuth. Am frühen Abend gibt es an einer dritten, eigens präparierten Strecke noch mal eine Best-Trick-Fahrt, für die Sachpreise winken. Startnummern gibt es nicht, aus den Lautsprechern erklingen einfach die Namen der angemeldeten Fahrer. Früher war das Kunterbunt-Radsport-Event auch mal Teil von Qualifikationswettbewerben, mit denen sich die Fahrer für internationale Wettbewerbe qualifizieren konnten. Das war diesmal jedoch aus Zeitgründen nicht möglich.
Hart fahren, hart feiern
Auf der Strecke ist gerade ein Fahrer gestürzt. Jeder schaut, die Rotkreuz-Helfer rennen. Doch da rappelt er sich schon wieder auf. Helm, Fuß- und Handgelenkschützer und bei einzelnen Fahrern auch Wirbelsäulen-Protektoren schützen. „Wer am Samstagabend die After-Show-Party überlebt hat, der darf am Sonntag noch mal alles fahren, was er will“, erzählt Maximilian Wasmuth. Hier wird nicht also nur hart gefahren, sondern auch hart gefeiert.
Gewonnen haben das Event am Ende Jonas Sonnenberg aus Brühl vor Friedger Schönberger aus Ober-Mörlen und Marvin Buchholzki aus Wiesbaden. Größere Verletzungen blieben aus.