Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel „Komme aus einer sehr politischen Familie“

Gabriele Brasche (links) im Gespräch mit RHEINPFALZ-Redakteurin Sigrid Sebald.  Foto: Moschel
Gabriele Brasche (links) im Gespräch mit RHEINPFALZ-Redakteurin Sigrid Sebald.

„Es gibt hier viel zu tun“, sagt Gabriele Brasche. Und angepackt hat sie’s auch gleich. 2015 kam sie zurück nach Zweibrücken, nach 43 Jahren in München. In ihrer Geburtsstadt führt sie jetzt Touristen und Einheimische zu den Spuren jüdischen Lebens. Am Montag war sie in unserer Sommerredaktion.

Von Sigrid Sebald

Die Frau kennt sich aus, das wird glasklar schon nach wenigen Minuten des Gesprächs. Daten, Fakten, Namen, Schicksale, Verwandtschaftsverhältnisse – aus der 70-Jährigen sprudeln die Details zum jüdischen Leben in Zweibrücken nur so heraus. Man will mehr wissen, fragt nach, hakt nach, und zurück kommen weitere Informationen zuhauf, und hinter jeder einzelnen steckt noch eine hochinteressante Geschichte. „So mache ich das auch bei meinen Führungen, ich will keinen Monolog halten, sondern mit den Leuten ins Gespräch kommen“, sagt die Rentnerin.

Die Rente hat damit zu tun, dass Gabriele Brasche wieder in Zweibrücken ist. In München arbeitete sie bei einer Filmtechnikfirma als Beraterin für die Beleuchter und Kameraleute. „Ich war sozusagen für schönes Licht zuständig.“ Ihre Firma staubte für die Beleuchtung eines Films einen Oscar ab. Von Berufs wegen sei sie viel unterwegs gewesen, habe unter anderem 1994 das erste private Fernsehstudio in Moskau ausgeleuchtet.

2014 ging sie in Rente, „und da bin ich erst mal ein Jahr lang gereist“. Im Juni 2015 sei sie in Israel gewesen und habe sich überlegt, dass sie für ihre Wohnung in München-Poing monatlich 1700 Euro Kaltmiete zahlt. „Und da dachte ich, es ist schwachsinnig, so viel Geld auszugeben, wo ich doch eh so viel unterwegs bin.“ Sie habe überlegt, wie sie Fixkosten sparen kann, sei auf den Umzug in ihre Heimatstadt gekommen und habe eine alte Freundin in Zweibrücken angerufen. Diese sei am selben Abend mit einem gemeinsamen Zweibrücker Freund essen gewesen – und der Freund habe eine freie Wohnung gehabt. Da wohne sie jetzt, am Schlossplatz, und fühle sich „pudelwohl“, wie sie sagt.

Kein Heimweh nach München? „Nein. Wenn jemand nie weg war, bleibt da vielleicht eine Sehnsucht nach der Großstadt. Aber ich habe so viel von der Welt gesehen, dass ich im Alter sehr gut in einer kleinen Stadt leben kann.“ Langweilig werde ihr nicht. Sie engagiert sich in der Flüchtlingshilfe, bot unter anderem Frauen Deutschunterricht im Mehrgenerationenhaus an, gründete zusammen mit weiteren Frauen im Herbst 2016 den Verein „Zukunft zusammen“.

Und sie absolvierte den Lehrgang zur Stadtführerin, zunächst zur allgemeinen Zweibrücker Geschichte. Als im vergangenen Jahr die Gedenkfeier „80 Jahre Reichspogromnacht“ näher rückte, habe die Stadt eine Führung durch das jüdische Zweibrücken anbieten wollen, und man habe sie gefragt, erzählt Brasche. „Ich hatte eine Menge Unterlagen von meinem Vater Ernst Kaiser, der hier Stadtrat war, und darunter befanden sich auch Informationen über Juden, die in den 50er und 60er Jahren vorübergehend nach Zweibrücken kamen.“ Darunter seien Auschwitz-Überlebende gewesen. Stadtmuseumsleiterin Charlotte Glück habe das sehr interessant gefunden, und so sei die Führung entstanden.

Die erste am 8. November 2018 sei dahingehend aus dem Ruder gelaufen, dass 300 Leute kamen. „Es war ein bisschen chaotisch“, erinnert sich Brasche. Charlotte Glück und sie hätten die Masse schließlich in zwei Hälften geteilt, das Ehepaar Pohlmann habe Megafone besorgt, damit auch alle was mitkriegten. Seither habe sie noch sechs weitere Führungen durchs jüdische Zweibrücken absolviert, mit weniger Zuhörern allerdings. „Mehr als 20 nehme ich normalerweise nicht mit, sonst wird’s zu viel.“

Sie komme aus einer sehr politischen Familie, sei mit Geschichte großgeworden, erzählt die ehemalige Herzog-Wolfgang-Abiturientin, die an Heiligabend 71 wird. Der Vater sei Zweibrücker Stadtrat für die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) gewesen, bis die Partei 1933 verboten wurde. Die Juden, die nach dem Krieg nach Zweibrücken kamen und hier einige Jahre blieben, „verkehrten alle in unserem Haus“, sagt Brasche. Das seien vier oder fünf Familien gewesen, an die sie sich erinnere.

Wer Interesse habe an einer Führung durch das jüdische Zweibrücken, könne sich gerne beim Kultur- und Verkehrsamt melden, sagt Gabriele Brasche.

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