Zweibrücken
Kirsten Halbwax: Wie der Tod ihres Kindes anderen helfen soll
Es ist ein schönes Foto, das Stefan Maibaum von Max am Tag seiner Einschulung gemacht hat. Stolz reckt der Blondschopf seinen Kopf in die Höhe. Aus seinem Lächeln blitzt eine freche Zahnlücke. Max hält eine Schultüte mit dem Motiv eines Lego-Ninjas in der Hand. Ab August 2020 will er die Albert-Schweitzer-Schule besuchen. Ihm bleibt damals nur noch etwa ein Lebensjahr.
Max’ Krankheit begann unscheinbar. Zweimal wurde seine Mutter Kirsten Halbwax in die Schule gerufen. Ihr Kind hatte erbrochen. Jeweils an einem Dienstag. Die heute 42-Jährige machte sich zwar Gedanken darüber, was hierfür die Ursache sein könnte. Doch Max strotzte vor Gesundheit. Und daheim war schnell wieder alles gut. Doch als sie ihr Kind ein drittes Mal von der Schule abholen musste, passiert es. „Da guckt er mich an, lacht und sagt: ,Mama, ich sehe deinen Kopf doppelt’“. Die gelernte Altenpflegerin ahnt sofort, dass ihrem Kind Schlimmes drohen könnte. „Ich bin direkt zum Arzt gefahren und wurde mit Max an die Homburger Uniklinik überwiesen.“ Am 12. November diagnostizierten seine Ärzte dort einen Gehirntumor.
Die Mutter kam ohne Max nach Hause
„Die Operation ist gut gelaufen. Es ist auch ganz viel vom Tumor weggekommen. Danach mussten wir auf das Ergebnis der Biopsie warten, die uns sagte, was das für ein Tumor ist. Es war dann einer der aggressivsten Tumore, die es gibt.“ Es folgte Chemotherapie, Bestrahlung, das ganze Programm. Der Tumor hatte von Anfang an gestreut, die ganze Wirbelsäule hinunter. Laut Biopsie war der Tumor damals erst vier Wochen alt. „Die Bestrahlung hat zwar gut geholfen. Aber man darf immer nur ein gewisses Kontingent an Bestrahlung machen“, erklärt die Mutter.
Max’ Leidensweg endete im Sommer 2021. Nicht so, wie Eltern sich das erhoffen. „Zuhause habe ich immer bei ihm im Zimmer geschlafen. Er wachte auf, hatte schwarz erbrochen. Ich wusste, dass wenn ich jetzt mit ihm ins Krankenhaus fahre, er nicht mehr mit mir nach Hause kommt. Wir lagen drei Wochen im Krankenhaus, und danach bin ich alleine nach Hause gekommen.“ Das Kind gab seiner Mutter in all dieser Zeit mehr Kraft, als sie sich das jemals hätte vorstellen können. „Kinder sind so viel stärker in so einer Situation. Das glaubt man gar nicht.“ Am 6. August 2021 starb Max. Als Siebenjähriger. „Er hat gesagt: ,Mama, ich warte im Himmel auf dich’.“
Schwangerschaft fühlt sich wie Verrat an
Wie geht es danach für eine Mutter weiter? Woher nahm Halbwax die Kraft, weiterzumachen? „Ich weiß es nicht. Am Anfang war alles ein Kampf. Ich habe mir gesagt, ich muss aufstehen. Für die anderen Kinder.“ Im Innern habe sie sich aber immer leer gefühlt. „Irgendwann kam ich an einen Punkt, da habe ich gedacht: Entweder du gehst jetzt unter. Oder du lebst weiter.“
Viele Fotos von fünf Kindern schmücken das Haus von Halbwax und ihrem Ehemann. Sie zeigen Max und seine Mutter. Und ein Baby. Es ist ein Geschenk, das die verwaiste Mutter kaum annehmen konnte. „Das war gar nicht geplant. Ich weiß, das hört sich total doof an. Im Januar 2021 sitze ich auf der Terrasse und denke: Scheiße, ich bin schwanger. Als Max schon krank war. Ich habe mir gleich einen Test geholt. Positiv. Ich habe mir zwei weitere Tests geholt. Positiv. Ich dachte mir, das darf nicht sein. Habe mit Gott geschimpft. Was fällt dir ein? Ich habe mich gefühlt wie eine Verräterin. Max gegenüber. Nach dem Motto, mein Kind stirbt, also mach ich mir ein neues. Emotional war das ganz, ganz schlimm“, erinnert sie sich. Peter Vatter, Kaplan und Klinikseelsorger, half mit langen Gesprächen. „Sehen Sie das doch einfach so, dass Max ihnen einen kleinen Engel schickt“, lautete dessen Rat. Am 5. September 2021, vier Wochen nach Max’ Tod, kam der kleine Engel zur Welt. Er heißt Jana.
Schreiben gegen die Trauer
Die Zweibrückerin begann auch wieder zu schreiben. Halbwax hatte vor Max’ Erkrankung zwei Fantasy-Romane veröffentlicht. In „Till und das Geheimnis des Schlüsselwächters“ und „Till und die Hüter der Drachen“ geht es um Till, mystische Wesen, eine Elfenkriegerin und Geheimnisse. Nun schreibt sie Briefe an Max. Jeden Freitag. An seinem Todestag. Begonnen hat sie damit sechs Wochen nach Max’ Tod. Ihre Briefe veröffentlicht die Autorin auf dem Instagram-Kanal ihres Schriftsteller-Alias Audrey Night. „Ich versuche damit, anderen Eltern Mut zu machen.“
Etwa ein halbes Jahr nach Max’ Tod begegnete ihr in den sozialen Medien ein Aufruf. Ein Herausgeber, Alex Planet, rief Autoren dazu auf, sich an einer Spendenanthologie zu beteiligen. Daran beteiligt war die Initiative Cancel Cancer. Es ging darum, Spendengelder zu gewinnen. Zur Unterstützung der Kinderkrebsforschung in Hamburg. „Das war wie für mich gemacht“, sagt die Verwaiste, die fest daran glaubt, dass es einen Gott gibt. Sie glaubt auch daran, dass Max ihr aus dem Jenseits Wege aufzeigt. So wie diesen.
Ausbildung zur Trauerbegleiterin
Um etwas zur Geschichtensammlung in den Büchern beizutragen, schrieb sie „Die kleine Hexe und die Meerjungfrau.“ Eine Kurzgeschichte über zehn Seiten. Sie erschien in „Charlies Mutmachgeschichten“. Davon gibt es zwei Bücher. Das erste für die Altersgruppe von 5 bis 9 Jahre, sowie ein zweites für 10 bis 14 Jahre.
Was auf ihrer Autorenseite im Buch auffällt: Halbwax spricht dort nicht davon, dass sie verwaiste Mutter ist. „Weil ich damals noch emotional zu stark betroffen war. Ich weiß gar nicht, wie ich das beschreiben soll. Die haben mich gefragt, ob ich das mitteilen will, aber ich habe nein gesagt. Ich weiß nicht einmal, warum.“ Und warum spricht sie nun über ihren Schmerz? „Ich finde, über Trauer muss viel mehr und offener gesprochen werden. Für mich ist das Sprechen kein Tabu mehr.“ Um helfen zu können, lässt sie sich zur Trauerbegleiterin ausbilden. „Mein Ziel ist es, eine Anlaufstelle für betroffene Eltern zu sein, die jetzt und sofort Hilfe brauchen. Und Hospizarbeit zu leisten.“