Zweibrücken
Kirche als Friseursalon: Kostenlose Haarschnitte für Bedürftige
Wo sonst Taufen gefeiert und Kerzen angezündet werden sowie Orgelklänge durch das Kirchenschiff hallen, werden am Sonntag, 14. Juni, ab 12.30 Uhr Scheren surren und Haarschneider brummen: Die Alexanderskirche verwandelt sich dann für einige Stunden in eine ganz besonderen „Friseurstube“. Der Grund: Die Barber Angels Rheinland-Pfalz machen Station in Zweibrücken und schenken Obdachlosen oder bedürftigen Menschen kostenlose Haar- und Bartschnitte: professionell, ehrenamtlich und mit jeder Menge Herzblut.
Die Dachorganisation „Barber Angels Brotherhood“ wurde 2016 gegründet, ist mittlerweile weltweit aktiv und ein Zusammenschluss ehrenamtlicher Friseure und Friseurinnen, die sich in ihrer Freizeit unentgeltlich für Menschen einsetzen, die sich einen Friseurbesuch nicht leisten können. Ihr Ziel ist es, Obdachlosen und Bedürftigen wieder zu einem Stück mehr Würde und Selbstbewusstsein zu verhelfen, wie Uwe Becker, Zenturio – also Präsident – der Barber Angels Rheinland-Pfalz, mitteilt. Er selbst ist seit 2018 Mitglied und leitet den Verein seit drei Jahren. In Bad Bergzabern betreibt Becker einen Friseursalon.
Bei vorausgegangenen Aktionen in sozialen Einrichtungen standen neben einem frischen Haarschnitt vor allem Gespräche und ein Stück neues Selbstwertgefühl im Mittelpunkt. „Oft entstehen dabei bewegende Begegnungen, und nicht selten verlässt jemand den improvisierten Salon mit neuer Frisur und einem deutlich breiteren Lächeln,“ sagt Becker.
Waschhauben statt Becken
Wer jetzt allerdings glaubt, das historische Taufbecken in der Alexanderskirche werde kurzerhand zur Haarwaschstation umfunktioniert, kann beruhigt sein: „Gewaschen werden die Haare dort ganz bestimmt nicht,“ wie Oliver Duymel – Referent beim Dekanat Zweibrücken – versichert. Stattdessen bringen die „Engel mit den Scheren“ ihre komplette Ausrüstung selbst mit, inklusive Haarschneidern, Kämmen, Spiegeln und ihren markanten schwarzen Lederwesten mit Aufnähern im Bikerstil. Wie Duymel berichtet, war er von der Idee sofort begeistert, diese Wohltätigkeitsaktion inmitten der Kirche durchführen zu lassen.
Toilette und Waschbecken seien in der Kirche vorhanden. Aber fließend Wasser benötige man nicht zwingend. Alle Teilnehmer müssten sich zuvor registrieren, und es sei natürlich wünschenswert, wenn sie sich vorher den Kopf waschen. Verwendet würden auch spezielle Waschhauben, wie man sie aus der medizinischen Pflege kennt, wo sie normalerweise zur hygienischen Haarwäsche bei bettlägerigen Patienten genutzt werden, wie Uwe Becker mitteilte.
Zwischen 30 und 50 Personen pro Aktion
Eine Registrierung sei zudem auch notwendig, um abzuschätzen zu können, wie viele „Kunden“ an diesem Nachmittag in etwa erscheinen werden. Damit sich diese Aktion auch rumspricht, werde man Anlaufstellen für Menschen in schwierigen Lebenslagen informieren, sagte Duymel und nannte unter anderem das Haus der Diakonie, die Caritas, das Café Zwo und die Tafel Heilig-Kreuz. Dagmar Pohlmann, Synodale und Helferin der Tafel Heilig-Kreuz, werde sich ebenfalls um Bekanntmachung kümmern.
„In der Regel kommen zu solchen Aktionen zwischen 30 und 50 Leute, doch genau lässt sich das nie vorher abschätzen,“ spricht Friseurmeisterin Manuela Seibald aus Erfahrung. Sie selbst ist unter ihrem Fantasienamen Isegrim bei den rheinland-pfälzischen Barber Angels tätig und führte vor Jahren einen Steinwurf von der Alexanderskirche entfernt ihren eigenen Friseurladen. Von ihr stammt auch der Vorschlag, diese Wohltätigkeitsaktion in Zweibrücken stattfinden zu lassen. „Das Turmzimmer der Alexanderskirche wird an diesem Tag mit Tischen und Stühlen ausgestattet und als Warteraum dienen“, plant Oliver Duymel. Wenn das Wetter mitspielt, werde die Vertiefung Alexanderplatz als bevorzugte und bestuhlte Wartezone hergerichtet.
Getränke, Geschenke und viele Gespräche
Es wird auch kostenlose Kaltgetränke geben. Jeder Besucher bekommt eine Nummer, wird ins Gästebuch eingetragen und an seinen Platz begleitet, wo er die volle Aufmerksamkeit seines persönlichen „Engels“ erhält. Neben dem Haarschnitt oder der Bartpflege wird viel Wert gelegt auf ein offenes Ohr, Empathie und gute Gespräche. Für manche sei dies der erste Friseurbesuch nach mehreren Monaten, wie zu erfahren war. In manchen Fällen seien die Leute aber auch sehr verwahrlost, gerade dann, wenn sie direkt von der Straße kommen. „Da ist manchmal mit Bürsten oder Kämmen nichts mehr drin,“ sagt Becker.
Manchmal würden nach dem Haarschnitt Tränen der Freude fließen, wenn sich der oder die Betreffende im Spiegel sieht. Der Lohn seiner ehrenamtlichen Arbeit sei oftmals ein Lächeln oder eine Umarmung. „Das gibt einem mehr zurück, als wenn sie bezahlen würden“, erzählt der 52-jährige Friseurmeister. Beim Verlassen der Kirche bekommt jeder Gast noch eine Geschenktüte mit Hygieneartikel wie beispielsweise Shampoo, Zahnpasta, Zahnbürste, Kamm oder Taschenspiegel.