Saarbrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Kinderoper als Koproduktion

Carmen Seibel und Nicolas Bertholet lassen die tiefe Menschlichkeit der Kinderoper ums „Kind der Seehundfrau“ lebendig werden.
Carmen Seibel und Nicolas Bertholet lassen die tiefe Menschlichkeit der Kinderoper ums »Kind der Seehundfrau« lebendig werden.

In ihrer ersten Koproduktion präsentierten das Theater Überzwerg in St. Arnual und das Saarländische Staatstheater Saarbrücken die Kinderoper „Das Kind der Seehundfrau“. Die Musik zum Stück von Sophie Kassies schrieb die US-Perkussionistin Robyn Schulkowsky.

Die offene Bühne von Faveola Kett zeigt ein Schneehaus, davor sitzt ein Mann (Nicolas Bertholet) mit Fellmantel und weißer Hose an einem kleinen Feuer. Er trägt eine Seehundmaske über dem Kopf. Ums Haus herum stehen Schilder mit magischen Zeichen. Einsam ist seine Welt hier zwischen den Eisschollen, jeden Tag zieht er hinaus zum Fischfang oder er jagt Seehunde.

Robyn Schulkowsky hat dazu eine mystisch anmutende Musik von packender atmosphärischer Dichte geschrieben. Kacper Gubala am Marimbaphon und Matthias Weißenauer am Vibraphon beschwören mit ihren ritualähnlichen Klängen eine Welt herauf, in der Geisterwesen zum Leben gehören; Geigerin Hiroko Tominaga-Topp steuert emotionale Motive bei.

Uralter Mythos der Arktisbewohner

Hier spielt sich die auf einem uralten Inuit-Mythos beruhende Geschichte von Oruk und seinem Vater ab, die Regisseurin Katharina Molitor in ständigem Wechsel zwischen Erzählung und Dialog in einer Rückblende vorstellt. Auch die Musiker, die links am Rand der Szene sitzen, fallen gelegentlich mit Kommentaren ein oder antworten den Protagonisten; das erinnert an die Rolle des Chors in der attischen Tragödie.

Oruk lebt mit seinem Vater allein im hohen Norden, denn seine Mutter (Carmen Seibel) war eine Seehundfrau, die zu ihrem Volk zurückkehren musste. Oruk jedoch ist bei seinem Menschenvater geblieben. „Es ist eine traurige, aber auch eine schöne Geschichte, eine Geschichte über Leben und Tod“, meint der dazu.

Der Fischer und die Seehundfrau

Einmal kam eine junge Seehundfrau in die Welt des Fischers. Er war seltsam berührt von ihren Augen, doch sie verschwand wieder ebenso wie sie gekommen war. Dann entdeckte er eines Nachts wunderschöne, nackte, junge Frauen beim Tanzen. In der Nähe lagen ihre abgestreiften Felle. Es waren Seehundweibchen. Der Mann nahm eins davon an sich. Nach dem Tanz schlüpften alle wieder in ihre Felle – bis auf eine junge Frau. Sieben Jahre wird sie bei ihm bleiben, dann muss er ihr ihr Fell zurückgeben. Das ist der Deal.

Sehr anrührend spielen Mezzosopranistin Carmen Seibel und Nicolas Bertholet diese Begegnung, voll spielerisch-mutwilliger Zärtlichkeit, aus der sich eine tiefe Liebe entwickelt, Sohn Oruk wird geboren. Warme Streichermelodien bringen eine sinnliche Farbe in die rhythmisch strukturierte Klangwelt ein. Sie erinnern an innige Wiegenlieder.

Liebe und Loslassen

„Schlaf’, mein Lieb’, vergiss’ mein nicht“, singt Carmen Seibel in vollen, warm timbrierten Klängen dazu – eine prophetische Vorahnung. Der Fischer kann sich nun kein anderes Leben mehr vorstellen, seine Familie ist sein ein und alles. Doch nach sieben Jahren fängt seine Frau an zu kränkeln, sie kann nicht einmal mehr Licht ertragen.

Sie siecht schließlich dahin, erinnert ihn an sein Versprechen und verlangt ihr Fell zurück. Erregte dunkle Trommeln untermalen diesen Prozess, sie steigern sich in dumpfen, rhythmischen Schlägen zu einer nahezu unerträglichen Eindringlichkeit. Der Mann will alles für sie tun, damit sie wieder gesund wird – aber er will sie nicht gehen lassen.

Berührendes Spiel

Für den Jungen Oruk bricht eine Welt zusammen. Er erkennt, dass seine Mutter sterben wird. „Alles ist krank und kaputt“, bringt er seine Not auf den Punkt. Schließlich findet er durch Zufall das versteckte Fell, erkennt die Zusammenhänge und gibt es seiner Mutter zurück. Vor seinen Augen verwandelt sie sich und sprüht vor Lebensfreude. Sie nimmt ihn mit zu ihrem Volk. Doch ihn zieht es zurück in die Welt der Menschen, zu seinem Vater.

Spiel- und Zeitebenen durchdringen sich in dieser assoziativen Inszenierung bruchlos ebenso wie Zivilisation und Naturwelten. Spielerisch ungezwungen gehen sie ineinander über in dieser Geschichte, die Mythen um Naturgeister aufgreift, die in unserer Kultur als Undine oder Rusalka die Phantasie beflügeln oder in der Popkultur als Arielle die Meerjungfrau wieder auftauchen.

Immer wieder aber berührt die tiefe Menschlichkeit, mit der beiden Darsteller diese Geschichte über Liebe und Loslassen lebendig werden lassen.

Termine

Nächste Vorstellungen im Saarbrücker Theater Überzwerg am 24., 25. 26. Mai jeweils um 10 Uhr, außerdem am 26. Mai um 17 und am 28. Mai um 15 Uhr.

Infos auf der Internetseite www.ueberzwerg.de.

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