Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Kakerlaken, Alkohol und Drogen: Das Leben im Melanchthonheim

Das Melanchthonheim war bis vor kurzem ein Heim für arme Menschen.
Das Melanchthonheim war bis vor kurzem ein Heim für arme Menschen.

Kürzlich wurden alle Bewohner aus dem Melanchthonheim rausgeworfen. RHEINPFALZ-Mitarbeiter Patrick Göbel hat dort gelebt. Er erzählt von Kakerlaken, Alkohol und Drogen.

Als ich im Sommer vor acht Jahren zum ersten Mal vor dem Haupteingang des weißen Altbaus stand, konnte ich noch nicht wissen, dass das Haus mir Freude, Ekel und so einige Nervenzusammenbrüche bringen würde. Vier Jahre wohnte ich dort als Student. Ein Blick zurück in ein Leben im Melanchthonheim.

Idyllisch sieht es ja schon aus: Der weiße Altbau mit der Holztür schräg gegenüber der Stadtbücherei. Ja, hier könnte man doch wohnen, dachte ich, damals auf der Suche nach meiner ersten eigenen Wohnung, die erschwinglich sein sollte und in der Zweibrücker Innenstadt gelegen. Als ich vor acht Jahren als Student und beginnender RHEINPFALZ-Journalist dort einzog, wurde das Melanchthonheim als Studentenwohnheim angepriesen. Wohnen konnte man darin – aber die Studenten fehlten damals wie heute.

Die Dusche in der Küche und im Wohnzimmer

Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl, das mich beschlich, als ich den Schlüssel zu meiner ersten eigenen Wohnung in der Hand hielt. Es war ein Gefühl von Freiheit. Da störte es mich auch nicht, dass meine Wohnung nur aus zwei Zimmern bestand. Oder dass das erste Wohnzimmer und die Küche samt Edelstahl-Koloss, wie man sie aus Gastro-Küchen kennt, eins waren. Komplettiert wurde das Ensemble durch eine Dusche, die nur ein paar Zentimeter neben dem Küchenkoloss stand. Das zweite Zimmer beherbergte ein Bett, mein Bücherregal und meinen Schreibtisch.

Die Dusche steht direkt neben der Kochzeile. Der Raum ist Wohnzimmer, Küche und Bad in einem.
Die Dusche steht direkt neben der Kochzeile. Der Raum ist Wohnzimmer, Küche und Bad in einem.

Meine beiden Zimmer waren verglichen mit dem, was sonst im Haus üblich war, fast schon luxuriös. Die meisten Mieter hatten nur ein kleines Zimmer. Sie mussten ein Gemeinschaftsbad nutzen. Dann gab es noch ein paar WGs, die wie kleine Wohnungen waren – inklusive separatem Badezimmer. Meins hatte ich zwar für mich allein, allerdings musste ich, um dorthin zu kommen, das letzte Stückchen Flur von meiner Wohnung aus entlang, und dann durch die Küche, die die meisten ebenfalls gemeinsam nutzten. Das Klo ähnelte einer Kabine in einer Schultoilette.

Als die Kakerlaken kamen

Die Hygienezustände in der öffentlichen Küche wurden in den letzten Monaten meiner Zeit im Haus so miserabel, dass unliebsame Besucher kamen. So fühlten sich Kakerlaken richtig heimisch im Haus, angelockt durch die Essensreste, die oft einfach unter die Küchenzeile geschoben wurden. Den Moment, als ich eine Kakerlake über meinen Schreibtisch krabbeln sah, werde ich nie vergessen. Noch schlimmer war eine andere Begegnung mit den Viechern: Im Hohlraum des Ladeadapters meiner elektrischen Zahnbürste hatte es sich eine Kakerlake bequem gemacht. Meinen Schrei, als ich die Zahnbürste von der Ladestation nahm, hat vermutlich das halbe Haus gehört.

Der Wohnbereich in dem Zimmer unseres Mitarbeiters.
Der Wohnbereich in dem Zimmer unseres Mitarbeiters.

Ingeborg und Dieter Oberkircher – er ist Dekan in Rente und erster Vorstand des Heims – kümmerten sich wirklich rührend um die Mieter. Sie kamen trotz ihres hohen (Renten-)Alters teilweise mehrmals in der Woche vorbei, um nach dem Rechten zu sehen und Konflikte zu lösen. Vor allem war es Alkohol, der Streit zwischen den Mietern entfachte. Ich merkte schnell, dass jeder Bewohner seine eigene Vorgeschichte hat. Wollte ich nur eine günstige Wohnung in der Innenstadt, gab es viele, die mit sich und dem Leben zu kämpfen hatten.

Gestank wie im Bahnhofsübergang

Da gab es einen Mieter Mitte 50, dessen Zimmer genau an mein Schlafzimmer angrenzte und dessen liebstes Getränk Jägermeister war. Wenn der Mann nüchtern war, konnte man mit ihm mitunter schöne Gespräche führen. Mit steigendem Alkoholpegel verhielt sich der Alkoholiker allerdings unfassbar rücksichtslos. So beschallte er oft gegen drei Uhr nachts das halbe Haus mit Musik. Besonders ein Lied, das in Dauerschleife lief, hat sich mir ins Gedächtnis gegraben: „Millionär“ von den Prinzen. Irgendwann nahm es mit den nächtlichen Akustikeinlagen dermaßen überhand, dass ich die Polizei rief.

Vom Wohnzimmer aus gelangte unser Mitarbeiter in sein Schlafzimmer.
Vom Wohnzimmer aus gelangte unser Mitarbeiter in sein Schlafzimmer.

Wenn man an seinem Zimmer vorbeiging, quoll ein derart ekelerregender Geruch daraus hervor, dass einem schlecht wurde. Es war eine Mischung aus kaltem Schweiß, Alkohol und Urin. Ein bisschen wie an einer Bahnhofsunterführung. Ich hatte mich vielleicht schon dran gewöhnt, oder war abgehärtet.

Die blutbefleckten Schuhe

Für ein regelrechtes Horror-Erlebnis sorgte er, als er mit blutbefleckten Schuhen an meiner Tür klopfte. Er habe, sagte er, Gartenarbeit gemacht und sei mit einem Werkzeug (was das genau war, weiß ich nicht mehr) abgerutscht. Da er betrunken war, schien es ihm unvorstellbar, einen Krankenwagen zu rufen. Er wollte sich nicht helfen lassen und ging einfach in sein Zimmer zurück.

Aber auch viele positive Erinnerungen habe ich an die Zeit: So habe ich viel mit Freunden gelacht, gefeiert und mein Studentenleben genossen. Ein anderer Bewohner, der als Dachdecker arbeitete, hatte eine Freundin und mich zum Essen eingeladen. Noch heute sagt sie, es war eines der besten Chili con Carne, die sie je gegessen hat. Ein neuer Mieter aus Syrien hatte mich spontan zum Essen eingeladen, als wir uns auf dem Flur begegneten. Wir aßen Hähnchen mit Zwiebeln, Kräutern und Gewürzen mit Fladenbrot direkt aus der Pfanne. Ein traditionelles Gericht, sagte er mir.

Alkohol, Joints und Perspektivlosigkeit

Ansonsten blieben fast alle Mieter unter sich. Wohl auch deshalb, weil sie keine guten Erfahrungen mit Menschen gemacht hatten. Manche lebten in den Tag hinein und hatten keine Aufgabe, wussten weder, was sie tun, noch, wohin sie sonst sollen. Ihre einzige Perspektive war das Jetzt – und so verharrten sie im Heim. Manche hatten sich gehen lassen, hatten sich aufgegeben. Einigen fehlten Zähne, manche stanken, manche tranken und kifften.

Ein Mieter, der schräg gegenüber wohnte und leider wegen schlechtem Umgangs seit Jahren in die Drogenszene abgerutscht war, fragte mich oft fast bettelnd nach einer Tiefkühl-Pizza. Sein Geld war unter anderem für Gras draufgegangen. So ging es vielen Mietern: Alkohol oder Drogen schien ihnen ein Betäubungsmittel zu sein, mit dem sie ihre Situation verdrängten. Einer Bewohnerin lief einmal viel Blut aus der Nase – sie hatte zuvor jahrelang Koks gezogen, erzählte sie mir.

Wenn ich an die vier Jahre zurückdenke, in denen ich in der Herzogstraße 10 gewohnt habe, packen mich gemischte Gefühle: Einerseits kann ich es heutzutage kaum fassen, dass ich dort mal gelebt habe. Andererseits bin ich dem Vorstand des Hauses dankbar, dass sie sich trotz ihres hohen Alters nach Kräften bemühten, das Haus für viele Menschen zu einem Zuhause zu machen. Für viele war das Melanchthonheim ein Zufluchtsort, Rettungsanker und ein Zuhause. Auf einige Mieter trifft das zu – wir waren eine schöne Gemeinschaft. Die Kakerlaken und wir am Ende leider auch.

Wie geht’s mit dem Melanchthonheim weiter?

Da das Haus große Mängel beim Brandschutz aufwies, mussten alle Bewohner binnen zehn Tagen bis 15. Juni ausziehen. Das Haus wird vom Melanchthonverein betrieben. Laut einem Gutachten würde die Behebung der Mängel 200.000 Euro kosten. Wird das Haus jemals wieder öffnen? „Wir müssen noch abwarten, wie wir das mit dem Brandschutz hinbekommen und wo wir Geld dafür herkriegen“, antwortet Ingeborg Oberkircher auf Nachfrage. Sie hat sich zusammen mit ihrem Mann, der dem Melanchthonverein vorsteht, um das Haus und seine Bewohner gekümmert. Demnächst stünden eine Mitgliederversammlung und eine Vorstandssitzung an. Da werde das weitere Vorgehen besprochen.

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