Zweibrücken
„Jeder könnte sich vorstellen, dass Russland Polen angreift“
Die Polen sind gegen Abtreibung und Ausländer, mäkeln an der EU rum und können uns Deutsche nicht leiden. So kommt es einem vor, wenn man Berichte über die polnische Regierung und ihre Ziele liest. Ein anderes Bild von Polen im Sommer 2023, wenige Wochen vor der Parlamentswahl am Sonntag, zeichnet der Film „Polen – zwischen Kriegsangst und neuem Selbstbewusstsein“, der am Mittwochabend im WDR Premiere hatte. Die aus Zweibrücken stammende Journalistin Susanna Zdrzalek zeigt darin ein Land, das mit Russlands Überfall auf die Ukraine zum Frontstaat wurde und das seine Rolle als Grenze der EU und der Nato neu begreift.
Der Krieg beschäftigt die Polen sehr
„Du merkst im ersten Moment nicht, dass im Nachbarland Krieg ist“, sagt Susanna Zdrzalek, die im August einen Monat am Stück in Polen verbrachte, dem Land, in dem sie 1989 geboren wurde, bevor sie mit ihrer Familie nach Zweibrücken kam, wo sie den Großteil ihres Lebens verbracht hat. Doch der erste Eindruck im Sommer, als Ferien waren und das Wetter gut, der täusche. Wer näher mit den Leuten ins Gespräch kommt, der merke, wie sehr der Ukraine-Krieg die Polen beschäftigt. Auch weil das Land so viele Geflüchtete aufgenommen hat: „Da gibt es kaum einen, der nicht in irgendeiner Form geholfen hat.“
Und wegen der Angst, dass sich der Krieg ausweitet: „Jeder könnte sich vorstellen, dass Russland auch Polen angreift.“ Wenn Polen sein Militär verstärkt, viel Geld für die Verteidigung ausgibt und die Ukraine ohne zu zögern – zumindest bis vor Kurzem – mit Waffen und Munition ausstattet, dann geschieht das auch aus dieser Angst heraus. Gleichzeitig erweist Polen damit den übrigen EU-Staaten einen großen Dienst: „An uns liegt es, eine Art Bollwerk zu bilden“, gibt Susanna Zdrzalek die Denkweise der Polen wieder.
Am Sonntag sind Wahlen in Polen
Auch deshalb werden Deutschland und die EU mit Spannung auf die Parlamentswahl am Sonntag schauen, bei der die nationalistisch geprägte, rechtskonservative Regierungspartei PiS auf ihre Wiederwahl hofft – gegen Oppositionsführer Donald Tusk, früher Präsident des Europäischen Rates in Brüssel. Mit einem Sieg der Opposition rechnet Susanna Zdrzalek aber nicht: „Ich glaube, dass es die PiS wieder schafft“, sagt sie nach kurzem Zögern. Der Wahlkampf sei sehr politisch gewesen, auch mit den Deutschen als Buhmann: Die PiS stelle sich so dar, als beschütze sie Polen vor den Deutschen und vor Donald Tusk, der mit ihnen im Bunde sei: „Die PiS möchte Verunsicherung und Angst schüren und sich als großer Löser präsentieren.“ Sie punkte aber mit ihrer Sozialpolitik, halte das Renteneintrittsalter niedrig und habe das Kindergeld eingeführt und später erhöht. Susanna Zdrzaleks große Befürchtung ist, dass die PiS zusammen mit der ultrarechten Partei Konfederacja eine Regierung bildet.
Die Deutschlandfeindlichkeit in Polen werde „von oben geschürt“, schildert die Journalistin, die am Helmholtz-Gymnasium ihr Abitur machte und ihre berufliche Laufbahn als Mitarbeiterin der Zweibrücker RHEINPFALZ begann. Dabei würden sich viele Polen eigentlich gute Beziehungen mit Deutschland wünschen. Sie blickten aber auch deshalb kritisch aufs Nachbarland, weil wir eher zögerlich Waffen an die Ukraine liefern. Und viele Polen würden es so empfinden, als blicke Deutschland auf sie herab.
Ein Pizzabäcker wird zur Berühmtheit
Doch nicht umsonst heißt der Film „Polen – zwischen Kriegsangst und neuem Selbstbewusstsein“. Gerade das neue Selbstbewusstsein kommt deutlich zu Tage. Die ehemalige Zweibrückerin, deren Eltern hier leben und die immer noch regelmäßig hier zu Besuch ist, hat mit einem Unternehmer gesprochen, dessen polnische Firma in der Ukraine Straßen baut. Sie war in dem Dorf Przewodów, wo vor einem Jahr eine offenbar fehlgeleitete ukrainische Flugabwehrrakete einschlug. Sie besucht die Stadt Rzeszów, die sie als eine Art neues Ramstein bezeichnet, weil vom dortigen Flugplatz Waffen in die Ukraine geliefert werden. In Rzeszów hat sie auch einen Pizzabäcker getroffen, der in Polen zur Berühmtheit wurde, weil er bei Joe Bidens Besuch eine Pizza an den US-Präsidenten geliefert hat.
Info
Die 45-minütige Dokumentation „Polen – zwischen Kriegsangst und neuem Selbstbewusstsein“ ist am Freitag, 13. Oktober, um 18.30 Uhr auf Phoenix zu sehen. Es gibt weitere Sendetermine auf Phoenix und auf Tagesschau24. Außerdem findet man den Film in der ARD-Mediathek.