Kriegserinnerungen (5)
Isolde Baumöhl: „Ich hole die Kleine ab“
Im September 1944 wurde ich, eine gebürtige Ixheimerin, zum Arbeitsdienst nach Asselheim bei Grünstadt abberufen. Da war ich 17 Jahre alt. Von Asselheim aus wurde ich bald verlegt nach Waldsee, heute Bad Waldsee, im Schwarzwald, in ein Arbeitsdienstlager. Und danach wurde ich noch mal verlegt, zum Kriegshilfsdienst in Villingen-Schwenningen. Da habe ich bei der Firma Saba Funkgeräte gebaut, nachts, weil wir tagsüber beschossen wurden. Und die ganze Zeit über wusste ich nicht, was mit meinen Eltern und meiner Schwester ist.
Am ersten Weihnachtsfeiertag 1944 war ich in Waldsee, und da machten wir eine 15 Kilometer lange Wanderung, meine Kolleginnen und ich und unsere Gruppenführerin. Als wir an einem Bauernhof vorbeikamen, sagte letztere: „Isolde, fragen Sie doch bitte mal dort nach der Uhrzeit.“ Ich ging zu dem Hof – und plötzlich schaute dort meine Tante Elsa aus dem Fenster! Ich war wie vom Donner gerührt. „Tante Elsa!“ habe ich gerufen, „was machst du denn hier?!“ Es stellte sich heraus, dass sie evakuiert war. „Weißt du, was mit den Eltern und meiner Schwester ist?“ fragte ich, aber sie verneinte.
Gut 20 Ixheimer im Schwarzwald
Vor lauter Aufregung vergaß ich nach der Uhrzeit zu fragen, und rannte schnell meiner Wandergruppe hinterher. Wir liefen gerade den Berg nach Wolfegg hoch, da kamen uns lauter Ixheimer entgegen, so 20, 25 Leute. Auch sie waren hier evakuiert, wussten aber auch nichts von Zuhause. Bei mir liefen nur so die Tränen.
Schließlich kamen wir im Schlosshof von Wolfegg an, wo ein Lazarett war, und da ruft mich eine Kameradin und zeigt auf einen Waschzuber. „P.H. Philipp Jost, Zweibrücken-Ixheim, Bitscher Straße 32 a“ stand darauf, und ich rief: „Das ist mein Großvater!“ Auf einmal geht ein Fenster auf und meine Tante Mina streckt den Kopf raus! Ich rannte hin, und da waren nicht nur sie, sondern noch eine weitere Tante, eine Cousine und meine Großeltern, alle in einem Raum.
Von unserer Gruppenführerin bekam ich zwei Stunden frei, damit ich Zeit mit meinen Verwandten verbringen konnte. Wir hatten uns so viel zu erzählen! Ich erfuhr unter anderem, dass ein Onkel und ein Cousin gefallen waren, und hinterher war ich vollkommen aufgelöst. Wo meine Eltern und die Schwester waren, wusste dort aber auch keiner.
Bald nach der Rückkehr nach Waldsee ging es nach Villingen-Schwenningen. Da hatte ich eine Zimmerkameradin, Karin hieß sie, die sagte: „Isolde, hau ab und geh zu deinen Großeltern!“ Ich hatte Angst, denn man kam ins Straflager, wenn man erwischt wurde. Aber Karin gab keine Ruhe. Sie war mutiger als ich und sagte: „Ich bringe dich durch die Sperre.“ Das hat sie dann tatsächlich geschafft und mich nachts zum Zug gebracht. Ich habe nur geweint, ich hatte Angst, war mutterseelenallein und bin dann mit einem Güterzug nach Rastatt gefahren, weiter ging es nicht. Dort stand ich verloren auf dem Bahnhof, als mich ein Soldat ansprach. Er sagte, bleib bei mir, ich habe einen Lastwagen, und abends nahm er mich dann mit in Richtung Waldsee.
Mitten in der Nacht habe ich bei meinen Verwandten in Wolfegg geklopft. Tante Mina öffnete das Fenster, und ich sagte: „Kann ich bitte hierbleiben, ich weiß nicht mehr wohin.“ Ich konnte bleiben. Tante Elsas Mann arbeitete bei der Post, deshalb durfte sie früher wieder heim nach Ixheim. Ich gab ihr einen Brief für meine Mutter mit, in dem stand, wo ich bin.
Eines Sonntags saßen meine Cousine und ich dann im Schlossgarten auf einer Bank. Die Schlosspforte ging auf, und meine Cousine sagte: „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, da kommt deine Schwester auf einem Fahrrad.“ Und was soll ich sagen, es war tatsächlich meine ältere Schwester Irmgard! Meine Mutter hatte meinen Brief bekommen und so geweint, dass Irmgard gesagt hatte: „Ich hole die Kleine ab.“ Sie hatte sich ein altes, klappriges Fahrrad besorgt und war mit dem tagelang von Ixheim nach Wolfegg gefahren! Ab und zu war sie mal in einem Zug oder Auto mitgefahren, aber die meiste Zeit war sie geradelt. Wir haben in dieser Nacht kein Auge zugemacht, nur erzählt, die ganze Zeit, bis die Tante irgendwann schimpfte, wir sollen nicht so laut sein. Da haben wir flüsternd weitergeredet.
Nach drei Tagen haben Irmgard und ich den Heimweg angetreten, die reinste Odyssee. Vom Bahnhof Wolfegg aus fuhren wir mit dem Zug, bis es nicht mehr weiterging. Meine Eltern hatten Pakete nach Pleidelsheim geschickt, die haben wir dort aufgetrieben, wussten aber nicht, wie wir sie transportieren sollen. Da haben wir ein Ziehwägelchen geklaut und die zwei Kisten aufgeladen, so sind wir dann losgelaufen. Eine Frau gab uns damals zwei Dampfnudeln, weil wir ihr so leid taten, das werde ich auch nie vergessen. Irgendwie kamen wir nach Mannheim. Dort war alles kaputt, und wir mussten uns erst mal in eine lange Warteschlange stellen zum sogenannten Pudern gegen Ungeziefer. Mit einer Fähre mit französischen Soldaten fuhren wir dann über den Rhein.
Lauter Bauern aus Rimschweiler
Im Bahnhof Ludwigshafen war alles voll mit Bauern aus Rimschweiler. Meine Schwester hatte sich am Fuß wehgetan und musste zur Bahnhofsmission. Ich wartete bei den Rimschweilerern, die kreuz und quer auf Matratzen auf dem Bahnsteig lagen. Ich durfte mich mit auf eine Matratze legen, bekam ein Stück Decke und schlief sofort ein, so erschöpft war ich. In einem Güterwagen fuhren wir am nächsten Morgen nach Homburg. Die Rimschweilerer liefen von dort aus heim und kamen mit Fuhrwerken zurück, auf die das Gepäck, auch unsere zwei Kisten, aufgeladen wurde. Für die Menschen war kein Platz, so dass es zu Fuß heim nach Ixheim ging.
Die Kisten bekamen wir in Ixheim am alten Schulhaus ausgehändigt. Als wir dort warteten, war unsere Mutter gerade im Milchhäuschen, und da sagte ihr jemand: „Deine zwei Mädchen stehen da vorne.“ Da rannte sie los, und ich höre sie heute noch laut weinen, als sie uns sah, wir waren alle komplett überwältigt. Ein ganzes Jahr war vergangen, seit ich zum Arbeitsdienst abkommandiert worden war. Für mich war diese Zeit das prägende Ereignis des Krieges.
Zur mutigen Karin und vier anderen Zimmergenossinnen hatte ich noch sehr lange Kontakt. 50 Jahre nach dem Einzug zum Arbeitsdienst haben wir uns alle mal in Heidelberg getroffen – und keinen Fotoapparat dabei. Da war ich dann mutig, bin in einen Fotoladen und fragte den Fotografen, ob er bitte ein Foto von uns machen könnte. Das hat er auch gemacht.