Leichtathletik RHEINPFALZ Plus Artikel Interview mit Daniel Clemens, langjähriger Top-Stabhochspringer des LAZ Zweibrücken

Immer für ein Späßchen gut: Daniel Clemens (rechts) mit Perücke beim Hallenstürmer-Cup an Fasnacht 2018.
Immer für ein Späßchen gut: Daniel Clemens (rechts) mit Perücke beim Hallenstürmer-Cup an Fasnacht 2018.

Daniel Clemens hat am 8. September die Stabhochsprungstäbe in die Ecke gestellt. Der ehemalige langjährige Leistungssportler des LAZ Zweibrücken konzentriert sich jetzt voll auf seine weitere Berufsausbildung. Dabei hilft dem Mörsbacher auch die Bundeswehr. Und der 28-jährige Wieder-Student genießt ganz neue Freiheiten.

Daniel, du hast dich Ende August nach einem Wettkampf in Belgien dazu entschieden, deine Karriere als Stabhochspringer zu beenden. Dein letzter Wettkampf war dann am 8. September in Dessau. Wie geht es dir heute?
Ein Stück weit ist es ungewohnt, dass ich nicht mehr jeden Tag ins Training rennen muss (lacht). Aber der Bewegungsdrang ist immer noch da, ohne Sport geht es nicht.

Dein Kilometerzähler am Auto hat dir deine Entscheidung übers Karriere-Ende sicher gedankt, oder?
Definitiv, auch wenn es in diesem Corona-Sommer schon deutlich weniger war. Früher bin ich immer so 20.000 bis 30.000 Kilometer pro Jahr gefahren. Jetzt hab ich zuletzt auf dem Rückweg von einem Urlaub in Südtirol getankt, glaube ich.

Kam deine Entscheidung plötzlich oder ist sie lange gereift?
Es hat nicht plötzlich Klick gemacht, es war eher ein schleichender Prozess. Es kam nicht aus einer Laune heraus, ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Ich hatte ja immer Spaß am Training und daran, mich zu fordern. Aber der Wettkampf im August in Belgien hatte schon einen großen Anteil daran. Erst ewig im Auto sitzen, mieses Wetter und Gegenwind – und dann nur 4,81 Meter aus 14 Schritten. Da habe ich mich schon gefragt: Wo willst du hin? Ich wollte ja in Richtung meiner Bestleistung 5,61 Meter springen und nicht nur, um mich für deutsche Meisterschaften zu qualifizieren.

Wie ging’s dir damit, als die Entscheidung gefallen war?
Ich habe es zuerst meinen Eltern und meiner Freundin Nele Suthoff gesagt. Für die kam das nicht so überraschend. Ich war schon erleichtert. Mit Andrei und Raphael (Heim- und Bundestrainer Tivontchik und Springerkollege Holzdeppe, Anm. d. Red.) habe ich kurz vor meinem letzten Wettkampf in Dessau am 8. September gesprochen. Als Raffi dann sagte: „Dann sehen wir uns im Oktober wieder“, und ich geantwortet habe: „Ich weiß nicht“, hat er gleich gewusst, was los ist. Jeder konnte meine Entscheidung aber nachvollziehen. Und ich bin nach wie vor der Meinung, dass es die richtige war. Ich bin schon seit 19 Jahren Mitglied beim LAZ Zweibrücken, habe mit zwölf, 13 Jahren langsam mit dem Leistungssport angefangen.

Nach den vielen Jahren Leistungssport: Musst du regelrecht abtrainieren, um das gesundheitlich gut auf die Reihe zu bekommen? Hast du jemand zu dem Thema gefragt?
Mit einem Arzt habe ich nicht darüber gesprochen, aber natürlich mit Andrei, meinem Trainer. Der hat mir auch ans Herz gelegt, weiter was zu machen. Ich brauche es auch für mich, wenn ich den ganzen Tag am Schreibtisch gesessen habe. Im Gegensatz zu früher – zweimal zwei Stunden täglich – reichen heute aber schon 50 Minuten Joggen aus, um mich fertig zu machen (schmunzelt). Aber alles ohne Zwang.

Was steht denn heutzutage so auf deinem „Trainingsplan“?
Ich hab’ mir im Frühjahr rund um den ersten Corona-Lockdown ein Mountainbike gekauft. Kein E-Bike, sondern eins nur zum Treten. Damit versuche ich viel zu fahren, zuletzt war das Wetter aber nicht so reizvoll. In der LAZ-Halle mache ich ab und zu noch Krafttraining. Da ist es schön, die Ex-Kollegen wiederzusehen. Ich hab’ mich auch ein paarmal zum Joggen gequält. Mit einem viertgradigen Knorpelschaden im Sprunggelenk ist das aber eher nix für mich.

Und sportlich noch mal was ganz Neues ausprobieren? Dein Bruder spielt Tischtennis ...
Grundsätzlich bin ich was Neuem gegenüber nicht abgeneigt, das andere ist zurzeit aber erst mal ausreichend. Tischtennis als Teamsport fällt aber wohl eher raus. Ich war ja früher auch deshalb Individualsportler, weil ich mich ganz auf meine Leistung konzentrieren wollte.

Stichwort „Schreibtisch“, da sitzt du jetzt wieder ziemlich häufig. Warum?
Am 1. Oktober hat das neue Semester meines Fernstudiums „General Management“ an der IUBH in Bad Honnef angefangen. Das läuft auch voll, weil alles online ist, und ist auch die ganze Zeit in der Corona-Krise voll gelaufen. Das bekommt man Skripte zugeschickt oder kann sie sich herunterladen. Live-Tutorien, Videos, Probeklausuren – alles da.

Du studierst also zu Hause in Mörsbach?
Ja, das klappt super. Ein reines Präsenzstudium hätte ich mir zwar vorstellen können, aber ich war zu meinen Sportzeiten ja selten da. Ich hab’ schon gedacht, dass mir ein Online-Studium leichter fällt. Und meine Freundin studiert in Karlsruhe Deutsch und Erdkunde fürs Lehramt. Wenn ich bei ihr bin, kann ich auch dort was für Studium machen.

Wie planst du deine weitere berufliche Ausbildung?
Der Master-Studiengang dauert bis 2022, im dritten Semester kommt eine Spezialisierung. Davon will ich zwei machen, eine mit dem Thema Projektmanagement. In welches Berufsfeld oder welche Branche es später mal gehen soll, ist aber noch offen.

Du hast ja im Januar 2020 bei einem Praktikum schon mal ins Berufsleben reingeschnuppert ...?
Ja, damals bin ich direkt von den deutschen Hallenmeisterschaften nach Bonn zum zweiwöchigen Praktikum gefahren. Da ging’s um Marktforschung und Gesundheitsmanagement. Hat Spaß gemacht ...

Wo würdest du gerne mal arbeiten?
Wenn sich’s anbietet, möchte ich schon gerne in der Region bleiben. Für DEN Traumjob würde ich aber sicher auch weggehen. Ich muss aber nicht unbedingt nach Berlin oder Hamburg.

Wie hat sich dein Studentenleben verändert, seit du nicht mehr Leistungssportler bist?
Früher war ich Teilzeitstudent, habe vielleicht zwei, drei Klausuren pro Semester geschrieben. Für mich als Sportler war das ideal. Jetzt ist der Arbeitsaufwand deutlich gestiegen: Es ist doppelt so viel, fünf Klausuren und eine Seminararbeit. Ich sitze schon den ganzen Vormittag am Schreibtisch, bis im Kopf nix mehr geht. Dann kommt am Nachmittag dann irgendwann der Bewegungsdrang durch (lacht). Früher war es ein entspanntes Sportlerleben, auf das intensive Studium musste ich mich schon richtig einstellen. Ich hab’ aber die Ambition, das bestmöglich zu machen.

Vor der IUBH warst du bis zum Abschluss mit der Bachelor-Arbeit an der Hochschule Ansbach eingeschrieben?
Ja, aber da gab es noch relativ viele Präsenzphasen, jetzt ist das ein Stück flexibler. Die sind an der IUBH deutlich besser aufgestellt; auch das Material, das die hier zur Verfügung stellen, ist viel besser.

Deine Zeit als Sportsoldat, zuletzt als Stabsunteroffizier, endete mit deiner sportlichen Karriere?
Ja, aber ich wusste vorher schon, dass es bei der Bundeswehr nicht weitergeht. Ich hab’ im März 2011 am Zweibrücker Hofenfels-Gymnasium Abitur gemacht und war ab September Sportsoldat. Nach der langen Zeit bin ich jetzt im Studium 3,5 Jahre lang erst mal super abgesichert. In der Übergangszeit bekomme ich vom Berufsförderungsdienst der Bundeswehr 100 Prozent meines Gehalts, danach noch 1,5 Jahre 75 Prozent.

Wie bewertest du deine neun Jahre und einen Monat als Sportsoldat?
Das war die beste Sache, die mir passieren konnte. Man musste zwar nicht immer genau, ob es weitergeht, weil immer nur um ein Jahr verlängert wurde. Aber die Absicherung ist klasse. Und im Herbst 2017 habe ich bei der Bundeswehr auch einen Trainerlehrgang gemacht, der war extra für Sportsoldaten gedacht. Den kann man sich auch als B-Lizenz anerkennen lassen. Da haben wir vieles ausprobiert: Wasserball, Fechten, Judo, Ringen. Jeder hat sich mit seiner Sportart eingebracht.

Willst du deine Erfahrungen mal als Trainer weitergeben?
Irgendwann vielleicht mal, im Moment habe ich kein Interesse. Ich will nicht wieder jedes Wochenende und unter der Woche viel Zeit im Stadion verbringen. Das brauche ich vorerst nicht, ich will ein bisschen Abstand zum Sport gewinnen und mal was anderes machen.

Was denn zum Beispiel?
Ganz viel Verschiedenes. Vielleicht mal wieder Skifahren gehen. Das habe ich in der neunten Klasse bei einer Schulfahrt ganz gerne gemacht. Im September war ich mit meiner Freundin in Südtirol wandern. Und allgemein will ich einfach auch mal spontan in der Lage sein, was zu unternehmen. Das war die ganzen Jahre nicht möglich, da habe ich immer Abstriche zugunsten meines Sports gemacht.

Wie bewertest du deine letzte Saison, die stark von Corona geprägt war?
Schwer zu sagen. Da hat ja auch eins zum anderen geführt. Ich hatte Probleme mit allen vier Weisheitszähnen, da wurden erst zwei gezogen, zwei Wochen später die anderen zwei. Da war ich ja schon vier Wochen aus dem Training raus. Zudem hatte ich Achillessehnenprobleme, im Training lief’s daher auch nicht optimal. Ich weiß nicht, wie die Saison ohne all das gelaufen wäre.

Rückblickend auf deine Karriere: Was waren deine schönsten Erlebnisse?
Sicher das erste Mal bei deutschen Meisterschaften, das erste Mal über 5,00 Meter zu springen, mein Debüt bei internationalen Meisterschaften und die U18-Bestleistung mit 5,43 Metern im Jahr 2009. Da hab ich gefühlt einen Quantensprung gemacht. Toll waren auch der dritte Platz bei der U23-Europameisterschaft 2013 mit 5,60 Meter und der Titel des Militär-Europameisters im gleichen Jahr mit Nationalhymne und allem drum und dran. Und die Universiade 2015 zusammen mit Anna Felzmann; das zu erleben, war was Besonderes: mit Eröffnungs- und Abschlussfeier und Athletendorf. Im vergangenen Jahr bin ich im Oktober noch mal bei den Militär-Weltmeisterschaften in Wuhan/China gestartet.

Was und wo war’s weniger schön?
Eine bittere Pille war der Salto nullo bei der U20-Europameisterschaft 2011 in Estland. In den zwei Wettkämpfen davor war ich zweimal Bestleistung gesprungen. Und 2016 bin ich mit dem rechten Fuß umgeknickt. Da war ich vielleicht in der Form meines Lebens und hatte auch ein Auge auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro geworfen. Den Knorpelschaden von der Sprunggelenksverletzung hab’ ich jetzt fürs Leben. Der Fuß wird zwar nie wieder wie zuvor, aber, mit weniger Belastung, geht’s heute ganz gut. Gesundheitlich bin ich im Großen und Ganzen gut durch meine Karriere durchgekommen, finde ich.

Schnelle Analyse via Tablet: Daniel Clemens beim Himmelsstürmer-Cup 2018 im Gespräch mit Heimtrainer Andrei Tivontchik (rechts).
Schnelle Analyse via Tablet: Daniel Clemens beim Himmelsstürmer-Cup 2018 im Gespräch mit Heimtrainer Andrei Tivontchik (rechts).
Medaillenbehangene Kumpels vom LAZ Zweibrücken: Daniel Clemens und Raphael Holzdeppe (links) gewinnen bei der Junioren-DM in Bre
Medaillenbehangene Kumpels vom LAZ Zweibrücken: Daniel Clemens und Raphael Holzdeppe (links) gewinnen bei der Junioren-DM in Bremen im Jahr 2011 Silber und Gold.
Bei der U23-Europameisterschaft im finnischen Tampere gab’s im Jahr 2013 für den Mörsbacher Daniel Clemens Bronze. Im gleichen J
Bei der U23-Europameisterschaft im finnischen Tampere gab’s im Jahr 2013 für den Mörsbacher Daniel Clemens Bronze. Im gleichen Jahr wurde er in Warendorf auch Militär-Europameister.
Gern gesehener Gast bei RHEINPFALZ-Sportlerwahlen: Clemens mit Chefredakteur Michael Garthe.
Gern gesehener Gast bei RHEINPFALZ-Sportlerwahlen: Clemens mit Chefredakteur Michael Garthe.
Daniel Clemens (rechts, hier mit Michaela Donie) packt als junger Stabhochspringer des LAZ Zweibrücken im Jahr 2009 seine Stäbe
Daniel Clemens (rechts, hier mit Michaela Donie) packt als junger Stabhochspringer des LAZ Zweibrücken im Jahr 2009 seine Stäbe für die U18-Weltmeisterschaft im italienischen Brixen aufs Auto.
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