Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Ich sag’s mal so: Von Meetings und anderen Wörtern, die sich eingeschlichen haben

Ein Meeting funktioniert auch per Videokonferenz.
Ein Meeting funktioniert auch per Videokonferenz.

Unsere Kolumnistin Melanie Müller von Klingspor beschäftigt sich diesmal mit hochtrabend klingenenden Anglizismen in der Arbeitswelt.

Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. So ist das bei mir. Ich gehe abends spät aus dem Büro und habe tagsüber nur Süßkram gegessen – oder gar nichts. Dann habe ich Hunger und will meinen Kopf entlasten. Oft gehe ich dann etwas essen und schreibe in mein Tagebuch. Und tatsächlich merke ich dann erst so richtig, ob es ein guter oder ein schlechter Tag war. Ich komme beim Schreiben bei mir selbst an. Und das geht auch nur beim Schreiben mit der Hand. Also so richtig, mit Stift und Papier.

Mein neuer Chef sagt immer Meeting

Den ganzen Tag folgt Besprechung auf Besprechung auf Videokonferenz auf Recherche-Telefonat. Ich merke, wie mich das manchmal anstrengt, immer im Kopf umzuschalten. Denn in jedem Termin geht es um ein anderes Thema, sitzen andere Leute mit einer anderen Erwartung. Mein neuer Chef sagt immer Meeting. Ich frage mich, ob in einem Meeting anders gesprochen wird als in einer Besprechung. Ich glaube nicht. Aber Meeting klingt gleich bedeutsamer. Bei Meeting hab ich die Fotos der amerikanischen Bilddatenbanken im Kopf. Suchen Sie mal bei AdobeStock nach Fotos zum Begriff Meeting. Da sitzen junge, gesunde, dynamische und attraktive Menschen in dunkler Business-Kleidung vor Laptops. Oder sie stehen vor einem Flipchart und gucken bedeutsam. Die sind auf jeden Fall in einem Meeting. Das Meeting springt mir aus den Laptops entgegen: aus den Knopflöchern der Brioni-Anzüge, aus den Statistiken auf den Flip-Chart- Seiten, aus den smarten Frisuren und den schönen Gesichtern. Die gehen nach Feierabend bestimmt zur After-Work-Party. Und am Wochenende machen sie einen Trip zur Wellness-Oase.

Ein Flipchart ist übrigens „ein tragbares Präsentationsmedium mit Papierblock“. Sagt mir die Ai, die artificial intelligence, von Copilot. Mein neuer Chef redet auch von Hate-Papers – also Hass-Papieren. Was er meint, sind Zerreißvorlagen. Man erstellt eine erste Skizze zu einem Thema. Man weiß noch nicht, wo man am Ende damit hinmöchte. Aber man muss ja irgendwo anfangen. Ich kann jetzt nicht sagen, dass ich meine Zerreißvorlagen hasse. Im Gegenteil. Ich habe sie ja geschrieben. Und außerdem sind die Worte ein gutes Beispiel dafür, dass jedes Unternehmen eine eigene Sprache hat. Denn eigentlich sind Hate-Papers oft Papier, auf das man schreibt, was einen so richtig sauer macht. Und dann zerreißt man das – und soll sich besser fühlen. Aber die einen reden eben so und die anderen anders.

Ich gehe in ein Jour fixe

Meeting. Flip-Chart. Papers. Ai. Networking. Feedback. Ich gehe auch nicht zu einem regelmäßig stattfindenden Termin mit meiner Chefin. Ich gehe in ein Jour fixe. Ich falle ja fast vom Glauben ab, wenn inzwischen Leute „zum Lunch“ gehen. In die Kantine! Das geht mir dermaßen auf den Cookie, dass ich Leute um die Mittagszeit konsequent mit „Mahlzeit!“ begrüße. Warum reden wir so? Am Ende ist es ja doch einfach meistens nur Arbeit.

Ich finde es viel schöner, die Worte zu nehmen, die mir das Worterkennungsprogramm vorschlägt, wenn ich so blöde Worte tippen will. Aus Flipchart macht es Flipper. Aus Papers macht es Pampers. Aus Wellness macht es Wellblech. Aus Meeting macht es Meerjungfrau. Aus Trip macht es Tripper. Aus Laptop macht es Laptopf. Aus Beamer macht es Beamter. So will ich doch viel lieber schreiben: Ich hab heute in der Meerjungfrau auf dem Flipper meine Pampers präsentiert. Erst wollte ich sie vom Laptopf mit dem Beamter an die Wand beamten. Weil die Pampers schlecht waren, waren es Hate-Pampers. Um mich davon zu erholen, fahre ich erstmal auf einen Tripper in Wellblech.

Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke.

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