Zweibrücken
Ich sag’s mal so: Der Tag, an dem ich das Internet ausgetrickst habe
Algorithmen wissen alles über mich. Vor zehn Jahren fand ich es noch unheimlich, wenn ich auf Google nach einer neuen Matratze gesucht habe, und dann ständig Werbung für Bettwäsche bekam. Damals hat ein Kollege die These aufgestellt, das Internet wüsste schon, dass Frauen schwanger seien, bevor sie es selbst wüssten. Einfach weil die Algorithmen aus dem Nutzer-Verhalten schlussfolgern können, wie alt man ist, welches Geschlecht man hat, in welcher Lebensphase man sich befindet, wo man wohnt, wieviel man verdient, welchen Bildungsgrad und Beziehungsstatus man hat. Der Kollege meinte, deshalb bekämen die Frauen schon Werbung für Windeln gezeigt, bevor sie das freudige Ereignis selbst verkünden könnten.
Ich war da noch der Meinung, das könnte doch nicht legal sein. Diesen Datenklau müsste man doch verbieten. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, dass ich gläsern bin. Obwohl ich mir immer noch einrede, dass ich doch vorsichtig bin. Ich rede ich mir ein, dass das Netz, diese Daten sammelnde Krake, nicht weiß, dass ich demnächst ein neues Auto brauche. Oder dass ich am liebsten Sushi esse. Welches Buch ich gerade lese, welche Serie ich gerade schaue. Ich habe keine Payback-Karte, damit Zuckerberg oder Elon Musk nicht wissen, dass ich mir Slipeinlagen und eine Knoblauchpresse gekauft habe. Lieber verzichte ich auf die Punkte.
Nur Nullen und Einsen: „An sich ist der ja dumm“
Aber manchmal denke ich, die Algorithmen sind auch ein bisschen dumm. Denn sie schlussfolgern mit geradezu zwanghafter und deshalb auch simpler Logik: Ah, sie sucht ein Rezept für Spinatlasagne. Schicke ich ihr also noch zehn andere Rezepte mit Spinat in die Timeline. Und für selbstgemachte Nudeln. Aber nie, niemals in meinem ganzen Leben werde ich Nudeln selbst machen. Oder zehn andere Rezepte mit Spinat. Ich bin eine lausige Köchin und unkreativ obendrein. Wenn ich etwas gut kann, mache ich es immer wieder und probiere so gut wie nie was Neues aus. Fragen Sie mal meine Familie, was ich zu jedem Grillfest mitbringe. Die weiß das besser als jeder Algorithmus. „Der Rechner kann ja nur null oder eins“, hat ein Kollege damals gesagt, „an sich ist der ja dumm.“
Deshalb suche ich manchmal nach Sachen, die mich überhaupt nicht interessieren, nur um den Algorithmus zu verwirren. Ist ja nicht so, dass ich mich nicht wehren könnte. Hier, Du blöder Algorithmus, nimm das! Ich google nach Aktienpaketen, Hamsterkäfigen, Rezepten für mehr als 20 Personen und die beste Single-Küche, nach Hochzeitsplanern und Scheidungsanwälten, nach der Höhe von Bürgergeld und den Kosten für einen Ferrari. Ich interessiere mich für ein Abonnement der BILD-Zeitung und der FAZ. Ich will alles wissen über die Entstehung von Gallensteinen und die Zusammensetzung von Ölfarbe. Ich lese Rezensionen über die neueste Trash-Doku-Soap und Filme von David Lynch.
Canettis Dystopie ist schon lang keine mehr
Das Internet soll denken, dass ich Hamster züchte, von Bürgergeld lebe und einen Luxuswagen kaufe. Dass ich gerade geheiratet habe, aber mich auch scheiden lasse. Dass ich ins Krankenhaus muss, um Gallensteine entfernen zu lassen, während ich gleichzeitig großformatige Leinwände fülle mit Ölfarbe in allen erhältlichen Schattierungen von grün. Es soll denken, dass ich den ganzen Tag RTL plus schaue, aber auch Fan von Surrealismus, Arthouse-Filmen und schwer zugänglichem Genre-Kino bin. Es soll nicht wissen, ob ich lieber Fast-Food und Big-Macs oder Slow Food und Veggie-Küche esse. Wäre doch gelacht, wenn man die Algorithmen nicht austricksen könnte.
Es gibt ein Theaterstück: „Die Befristeten“ von Elias Canetti. In dem Stück tragen alle Menschen eine Kapsel um den Hals, in der ihr erwartbares Alter festgeschrieben ist. Zusätzlich haben die Menschen keine Namen mehr, sie heißen nach ihrem Alter, also 50 oder 70 oder 11 oder 4. Über die Anzahl der Jahre entscheidet eine Behörde. Das Stück fragt, ob man anders lebt, wenn man weiß, dass man 90 oder 9 Jahre alt wird. Ob es eine Befreiung wäre, nicht mehr in der Ungewissheit zu leben, wann man sterben wird? In dem Stück sind die Menschen heiter, weil sie keine Todesangst mehr kennen. Gleichzeitig zeigt sich in den Lebensentwürfen der Protagonisten der Irrwitz und die Grausamkeit dieses Wissens. Was Canetti als Dystopie entworfen hat, ist schon lange keine mehr. Inzwischen kann die Wissenschaft anhand genetischer Risikofaktoren für bestimmte Krankheitsbilder die Lebenserwartung Betroffener relativ zuverlässig abschätzen. Und wahrscheinlich braucht Google bald keine Analyse des menschlichen Genoms mehr, um alleine aus dem Nutzerverhalten ablesen zu können, ob ich jung oder alt sterben werde. Wenn ich ab Mitte 50 nur noch Werbung für Urnen und Grabsteine angezeigt bekomme, weiß ich, bald ist es so weit. Für das Gedankenspiel muss ich dann noch nicht mal mehr ins Theater gehen. Das macht mich jetzt doch ein bisschen traurig. Deshalb bekomme ich bestimmt gleich Werbung für Taschentücher angezeigt.