Zweibrücken
„Ich bin ein Pälzer“: Amerikaner Luis de Andrade seit 50 Jahren in Deutschland
In Ixheim wohnen die de Andrades. In der Lerchenstraße, wo sie jedes Jahr im Keller ihr Weihnachtsdorf aufbauen, über das schon oft berichtet worden ist. Inzwischen geht Luis de Andrade auf die 70 zu. Er erinnert sich aber noch ganz genau an den Tag, an dem er nach Deutschland kam.
Am 26. Januar 1972 war das. Er war 19 Jahre alt und zum ersten Mal in Europa. Er kam mit der Luftwaffe in Frankfurt an und wurde von dort in die Barracks, also die US-Kaserne, auf dem Zweibrücker Flughafen gebracht. Nachdem er mehrere „Ausfahrt“-Schilder auf der Autobahn gelesen hatte, „dachte ich, mein Gott, wie groß ist denn dieses Ausfahrt?! Ich hielt es für eine Stadt“, lacht er, der heute fließend Deutsch spricht, über den staunenden jungen Mann von damals.
Schnääges unn Schlabbe
Nicht nur Hochdeutsch, auch Pfälzisch geht Luis de Andrade nach 50 Jahren locker über die Lippen, wenn er etwa vom „Schnääges“ spricht, das in der Kaserne neben Essen und Trinken auf ihn gewartet habe, und von „Schlabbe“, wenn er Hausschuhe meint. „Ich bin ein Pälzer“, sagt er, der portugiesische Wurzeln hat und in den USA aufgewachsen ist. Die Familie zog von Portugal an die US-Ostküste, in die Nähe von Boston, als der kleine Luis zweieinhalb Jahre alt war. Mit 19 ging’s dann nach Zweibrücken, wo es ihm gleich gut gefiel.
Noch besser fand er die Westpfalz, als er vier Monate nach der Ankunft Heike traf bei einem Kontakt-Programm auf dem Kreuzberg, das Zweibrücker und hier stationierte Amerikaner einander näherbringen sollte. Die Zeit im Freizeitzentrum bei Billard und Bingo brachte Luis und Heike einander sehr nahe. Sie verliebten sich, wurden ein Paar, heirateten 1975. Ursprünglich hatte Luis de Andrade ja nicht vorgehabt, beim Militär zu bleiben. Dann aber hörte er, dass die US-Streitkräfte 75 Prozent der Uni-Kosten übernehmen, und weil de Andrade studieren wollte, aber nicht so viel Geld hatte, blieb er.
„Voll rein in die deutsche Kultur“
Bis 1981 war er in Zweibrücken stationiert, dann ging es für drei Jahre nach Ramstein, wohnen blieb er aber in Zweibrücken. Von 1984 bis 1985 lebte die Familie für ein Jahr in den USA, dann ab 1985 vier Jahre in Augsburg. Anschließend wurde Luis de Andrade wieder nach Ramstein versetzt, wo er bis zur Rente 1997 arbeitete. „Außer in dem einen Jahr USA und in Bayern haben wir immer in Zweibrücken gewohnt“, sagt der Ixheimer, der nach seiner Rente noch privat 17 Jahre lang bei „Operation Provide Hope“, einer humanitären Hilfsabteilung des US-Außenministeriums, arbeitete. Eine Arbeit, die ihn sehr erfüllte, wie er sagt, „und die ich bis zum Ende gemacht hätte“, wenn nicht die Gelder gestoppt worden wären.
Die gute Nachbarschaft, die Vereine, das soziale Miteinander, die Lebensart: das alles habe ihm von Anfang an gefallen in der Westpfalz, sagt de Andrade. Die Deutschen arbeiten, um das Leben zu genießen, findet er. „Ich habe mich gleich voll reingeschmissen in die deutsche Kultur“, erzählt er lachend. Jägerschnitzel habe er für sich entdeckt, überhaupt die deutsche Küche, Favoriten seien Heikes „Rollädscher“, also Rinderrouladen, und Currywurst. Ein Fan von Blutwurst sei er auch. Nur mit zwei Pfälzer Spezialitäten könne er sich nicht anfreunden: Leberknödel und Leberwurst. „Ich esse sonst alles, auch Meeresfrüchte sehr gerne, aber Leber geht nicht.“
Zu Weihnachten kann’s gar nicht genug Deko geben
Dafür mag er Weihnachten und Cocktails. Seit Teenagerzeiten ist er Hobby-Bartender. Mischt und schüttelt, kreiert eigene Cocktails, darunter den spritzigen „Luis“ mit Sekt und Cointreau. Zu Weihnachten erfindet er stets einen Cocktail in Rot oder Grün für die Familie und Freunde. Für alle Cocktails hat er passende Gläser: „Darauf lege ich Wert.“ Ebenso auf eine aufwendige Deko mit Obst, Zuckerrändern, Schirmchen, Rührern, „allem Pipapo“. Wenn schon, denn schon, lautet die Devise. Genau wie an Weihnachten, wo es bei den de Andrades gar nicht genug Deko geben kann.
Und an Thanksgiving, wenn der 24-Pfund-Truthahn in den Ofen kommt, um Stunden später an bis zu 18 Gäste verfüttert zu werden. 24 Pfund ist die Obergrenze. „Wir hatten auch mal einen von 26 Pfund. Der musste dann aber ganz unten auf den Boden im Ofen, sonst hätten wir ihn nicht reingekriegt“, erinnert sich Heike de Andrade.
Dass er in Zweibrücken geblieben ist, habe er keine Sekunde bereut, sagt Luis de Andrade. „Ich wurde hier freundlich und herzlich aufgenommen. Die Leute sind so offen und gut gelaunt, ich habe mich in 50 Jahren noch keinen Augenblick unwohl gefühlt.“ Nach jeder Reise – oft geht’s nach Boston zum Hummeressen – freue er sich, wieder zurück nach Zweibrücken zu kommen.
Dann zieht er seine Schlabbe an, isst Rollädscher und Schnääges.