Leichtathletik
Hussong macht aus der Not eine Tugend
Eigentlich wäre Christin Hussong gerade erst ein paar Tage aus Paris zurück, wo sie versucht hätte, bei den Europameisterschaften ihren Titel von 2018 zu verteidigen. Aber die EM wurde genauso abgesagt wie die Olympischen Spiele knapp einen Monat zuvor (Hussong: „Das hätte ich nie gedacht“). Olympia in Tokio soll 2021 nachgeholt werden, die EM wurde ersatzlos gestrichen. „Das wäre für mich ja näher gewesen als 2018 in Berlin. Viele aus der Familie hatten schon Karten“, erzählt sie. Bis München im Jahr 2022 bleibt die Herschbergerin also Titelträgerin. „Da hab’ ich dann die Möglichkeit, den Titel im eigenen Land zu verteidigen“, sieht Hussong das einzig Positive im EM-Aus.
Kein Corona-Motivationsloch
Diese Saison, die Corona-Saison, war für sie als Sportlerin kompliziert, findet sie. „Es war vor allem diese Ungewissheit, ob und welche Wettkämpfe stattfinden“, erläutert die 26-Jährige. Am schlimmsten war es, als sie zu Beginn der Corona-Krise eine Zeit lang gar nicht trainieren konnte. Aber zusammen mit Papa und Trainer Udo machte sie aus der Not schnell eine Tugend. „Wir konnten stressfreier trainieren“, stellt sie fest, so ganz ohne den permanenten Wettkampfdruck.
In ein Motivationsloch sei sie auch nicht unbedingt gefallen, „ich hab’ mir meine Erfolgserlebnisse einfach woanders geholt“. Zum Beispiel im Kraftbereich, da habe sie sich enorm gesteigert. „Vor dem Aufbautraining im Herbst fange ich auf einem wesentlich höheren Level wieder an“, sagt sie, auch mit Blick auf Olympia 2021, ganz zufrieden.
Als Gespann mit ihrem Papa und Trainer hat die Sportlerin des LAZ Zweibrücken auch schwer an ihrer Technik gefeilt. „Mein Problem mit meiner Größe von 1,86 Meter ist immer ein bisschen die Körperposition beim Wurf“, erklärt sie. Der Körper solle insgesamt weiter nach vorne, damit der ganze Ablauf schneller wird. Im Training klappte das schon ganz gut, nur in den wenigen Saison-Wettkämpfen noch nicht. „Da bin ich oft ins alte Schema zurückgefallen“, weiß sie. Aber jeder noch so schlechte Wettkampf sei immer noch besser als ein Training. Dort regt sie sich schon mal über sich selbst auf („Aber ich geb’ nie auf“) und muss immer noch ein paar Würfe mehr machen, bevor sie zufrieden ist und Schluss machen kann. „Und wir konnten viele Sachen ausprobieren, wie mein Körper auf bestimmte Reize reagiert. Das kann fürs nächste Jahr wichtig sein.“
Auch wenn sie vielleicht am 8. September im italienischen Rovereto noch mal wirft („Je nach Corona-Lage“), sie gibt zu, dass spätestens nach den deutschen Meisterschaften mit dem Titelgewinn der Kopf etwas leer ist. „Der Kopf braucht die Pause eher als mein Körper“, unterstreicht sie. Auch für ihren Vater sei die Saison mit dem ständigen Umplanen des Trainings und der Wettkämpfe nicht einfach gewesen. „Er ist sicher auch froh, wenn bald Pause ist.“
Der Master-Studiengang hilft
Zu Beginn der Corona-Krise war sie sehr vorsichtig, Freund Richard Gessner musste da ran zum Einkaufen. Und auch kürzlich beim Wettkampf in Thum hatte sie alle Autogrammwünsche mit ihrem eigenen Stift erfüllt. Ansonsten hat sie – wie viele – ausgemistet und renoviert, und „für den Garten hat man plötzlich auch mehr Zeit“.
Nach der DM brachte sie online auch schon die erste Präsenzphase im Master-Studiengang Gesundheitsmanagement hinter sich, eigentlich wollte sie im Olympiajahr pausieren. Jetzt stehen im Oktober und Dezember schon die nächsten Präsenzphasen an. „Ich hätte das früher nie gedacht. Aber das Lernen hat mir gefehlt. Da hat man was zu tun und noch was anderes im Kopf außer Sport“, sagt sie über ihren Aufbaustudiengang. Später soll’s in Richtung Orthopädie und Traumatologie weitergehen, „das interessieret mich am meisten“.
Ausspannen in der Schweiz
Ab dem 15. September steht aber erst mal Urlaub an, „mit meinem Freund und dem Wohnmobil 14 Tage in die Schweiz an verschiedene Seen“. Einen Plan B gebe es nicht. „Ich hab’ vorab schon mal für alle Orte Campingplätze rausgesucht.“ Ein idealer Urlaub sei für sie immer ein Mittelding zwischen Faulsein und was machen und ansehen.
Nach fünf, sechs Wochen Wettkampfpause beginnt dann Mitte, Ende Oktober der Aufbau für die neue Saison – mit Olympia als großem Ziel. „Ich glaube aber nicht, dass das normale Olympische Spiele werden. Ich kann es mir nicht ohne Mundschutz vorstellen, und auch nicht, dass es ein Olympisches Dorf gibt, das aussieht wie immer“, blickt Hussong voraus auf den Juli 2021. Gut findet sie, dass die Partner des DLV-Top-Teams ihre finanziellen Zusagen für die Athleten um ein Jahr verlängert haben – eine Sorge weniger.