Saarbrücken Gisela Zick: Die Filmeditorin, die für den Deutschen Filmpreis nominiert ist
Die Nominierung zum Deutschen Filmpreis hat Gisela Zick im Streaming verfolgt und sich gefreut. Mit Andreas Kleinert, dem Regisseur von „Lieber Thomas“ (über den DDR-Schriftsteller Thomas Brasch), arbeitet sie bereits seit Mitte der 90er Jahre zusammen. „Das Erste, was wir zusammen gemacht haben, war ein Filmessay für die ARD-Reihe ,Denk ich an Deutschland – Untertitel: Niemandsland’ “, erinnert sie sich. Er handelt von Menschen und Begebenheiten am 4. Oktober in Berlin kurz nach dem Mauerfall. Für Kleinert war es der erste Film am Avid, dem Schnittcomputer. „Ich habe damit schon 1992 angefangen, weil ich das so toll fand. Viele aus meiner Generation haben gesagt, ich will mit dem Computer nichts zu tun haben, aber ich habe sofort Blut geleckt“, sagt sie lachend.
Es habe Vorteile, wenn man nicht mehr jeden Tag die Filmstreifen zusammenrollen muss, um sie am nächsten Tag wieder auszupacken. Am Avid kann man mehrere Versionen einer Szene ausprobieren und behalten. Beim Film hatte man zwei Tonspuren, der Avid bietet 30 Spuren und mehr. Was sie auch verrät: Geschnitten wird nicht erst, wenn alles abgedreht ist, sondern jeden Tag schon parallel zum Drehen, das ist inzwischen üblich. Dabei hat sie freie Hand. „Dann gehört der Film mir ganz allein!“, erzählt sie mit strahlenden Augen beim Interview in Berlin, wo sie seit 2004 lebt. Das Schneiden macht ihr Spaß, immer noch. „Es ist ein wunderbarer Beruf“, fügt sie hinzu.
Die Filme hat sie nicht gezählt
Wie viele Filme sie bis heute geschnitten hat, weiß sie nicht. „Ich habe sie nicht gezählt, aber im Internet findet man viele, ich war richtig erschrocken“, meint sie. Etwa zwei Filme schneidet sie aktuell pro Jahr, Kinofilme, Fernsehfilme. Sie arbeitet freiberuflich, seit der Geburt ihrer Tochter 1968. 1980 trennen sich der Kameramann Henning Zick und sie. Gisela Zick geht mit der Tochter nach München.
Dort arbeitet sie mit Frank Strecker, mit Heidi Genée, die eine berühmte Cutterin des Neuen deutschen Films war und eine gute Freundin wurde. Regieassistenz bei Klaus Emmerichs „Rote Erde“, Studio-Regie „Dingsda“, „Herzblatt“ mit Rudi Carrell, den Schnitt hat sie niemals aufgegeben.Sie arbeitet mit Christoph Hochhäusler („Milchwald“) zusammen, mehrfach mit dem Dokumentarfilmer Felix Moeller („Die Verhoevens“, „Knef – die frühen Jahre“, „Die Sympathisanten – Unser Deutscher Herbst“) .
Zu ihren Fernseharbeiten gehören auch 16 Folgen „Rosamunde Pilcher“, was ihr half, die teure Wohnung in München zu bezahlen, sechs Folgen „Polizeiruf 110“, drei Folgen „Der Staatsanwalt“, fünfmal „Tatort“, auch Schimanski. „Bei dem Götz-George-Film ,Nacht ohne Morgen’ kamen mehrere Autofahrten durch die Stadt vor, und ich habe nicht gewusst, wie ich es angehen soll. Obwohl ich schon 100 Autofahrten geschnitten hatte – aber für diesen Film die treffende Atmosphäre zu finden, wie ich das schneide, ist mir schwer gefallen. Denn wenn man anfängt, Routine zu machen, ist es vorbei“, erklärt sie. „Jeder Film ist anders, man muss immer das Beste wollen“, beschreibt sie ihr Credo.
Kinderfunk in Saarbrücken
Ihre Karriere ist ungewöhnlich. Sie begann mit sieben Jahren beim Rundfunk, bei Radio Saarbrücken, wie es damals noch hieß. Sie sprach und sang beim Kinderfunk, spielte Theater, zum Beispiel mit dem Bariton Sigmund Nimsgern vor dessen Karriere, sprach in Hörspielen – und staunte. Die Welt, die sie da kennenlernte, war so ganz anders als die zu Hause. „Meine Eltern waren brave Bürgersleute, mein Vater Abteilungsleiter bei einer Versicherung, meine Mutter Hausfrau“. Von den Leuten beim Saarländischen Rundfunk, die sie gefördert haben – vor allem Christa Frischkorn vom Kinderfunk und Heinz Dieckmann, der Literaturredakteur und Filmemacher – schwärmt sie heute noch: „Die haben mir Mut gemacht, mir etwas zuzutrauen.“
Nach der Mittleren Reife an der Saarbrücker Auguste-Viktoria-Schule wollte sie Modezeichnerin werden. Sie wurde an der Saarbrücker Werkkunstschule angenommen – mit 16 Jahren. In dem Jahr wurde die Modeklasse allerdings geschlossen, sie machte die Grundlehre bei Oskar Holweck, aber nur ein Semester. Holweck hielt wenig von ihr, „doch ich habe von dem einen Semester ungemein profitiert“.
Tonschnitt, Filmschnitt
Weil die Eltern wollten, dass Gisela Kühn (wie sie damals noch hieß) arbeiten geht, sorgte Frischkorn dafür, dass sie bei SR als Toncutterin ausgebildet wurde. Zur gleichen Zeit wurde das Fernsehen aufgebaut. Als sie dann einen Filmschneideraum sah, war es um sie geschehen. „Ich wusste, das will ich machen“. Sie bekam viele Chancen beim SR, auf einige Filme aus der Zeit ist sie heute noch stolz: Filme wie „Tele Mack, Tele-Mack, Telemack“ über den Zero-Künstler Heinz Mack (1969), ein Porträt über den Schriftsteller Manès Sperber (1974) beide mit Regisseur Hans Emmerling, und einen Konzert-Essay-Film mit Georges Brassens. Sie arbeitete mit dem Filmregisseur Hark Bohm zusammen, als Regieassistentin und als Cutterin bei dem Film „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ (1976).
Im Jugendprogramm konnte sie auch Regie führen, für die Sendereihe „Nachklapp“ drehte sie einen Film über Peter Bursch, der gerade sein Gitarrenbuch veröffentlichte, einen anderen über den Löffel als Rhythmusinstrument im Folk. Natürlich schnitt sie ihre eigenen Filme . Trotzdem wollte sie weg aus Saarbrücken: „Ich musste weg, ich hatte überhaupt keine Reibungsflächen. Ich wollte weiterkommen“.
Im Team mit Andreas Kleinert
Das hat in München und später in Berlin gut funktioniert. Regieassitenz/Schnitt/Studioregie, Aber nach der Begegnung mit Andreas Kleinert, mit dem sie sich besonders gut versteht, kehrt sie komplett zum Schnitt zurück. Solche Symbiosen zwischen Regisseur und Filmeditorin gibt es öfter, die bekannteste und längste (40 Jahre) ist die zwischen Martin Scorsese (79) und der dreifachen Oscar-Gewinnerin Thelma Schoonmaker (82).
Heute sitzt sie am Avid vor drei Bildschirmen und schneidet. In der Feinschnittphase ist der Regisseur beim Schneiden dabei: „Andreas und ich machen es so, das er zwischendurch etwas anschaut, um zu sehen, ob es so klappt, wie er es sich vorstellt – oder ob man beim Drehen noch etwas ergänzen muss. Meistens telefonieren wir, dann sagt er mir, was ihm wichtig ist. Man bespricht Änderungen. Die schreibe ich in einem Heft mit. Vielleicht bin ich mal anderer Meinung und vielleicht kann ich ihn von meiner Meinung überzeugen, aber ich will ihm nichts aufzwingen, schließlich ist es sein Film. Wenn ich mich nicht fügen kann, dann muss ich selber Regie führen“, sagt Gisela Zick, eine der erfahrensten deutschen Filmeditoren – und eine der wenigen, die Regie führten. Auch das macht sie besonders.
Ihr Alter und die Sache mit dem Filmpreis sieht sie gelassen, immerhin ist „Lieber Thomas“ in zwölf Kategorien nominiert. Auf jeden Fall freut sie sich, dass sie im Juli wieder schneidet: einen Borowski-Tatort, wie sie verrät.
Filmografie
Filme
1969 Tele Mack, Tele-Mack,
Telemack
1974 Lebensgeschichte als Zeit geschichte: Manès Sperber
1980 Tote reisen nicht umsonst
1996 Niemandsland*
1997 Im Namen der Unschuld*
1999 Wege in die Nacht*
1999 Der Schrei des Schmetterlings
2000 Zeit der Erkenntnis
2002 Mein Vater*
2002 Milchwald
2002 Die Verhoevens
2003 Mein Vater*
2004 Henkersmahlzeit
2004 Verraten und verkauft
2005 Sommer 04*
2005 Knef - Die frühen Jahre
2006 Hurenkinder*
2006 Als der Fremde kam*
2007 Freischwimmer*
2008 Sommerwellen
2009 Haus und Kind*
2009 Schweinegeld
2009 Endspiel*
2010 Liebe ohne Minze
2010 Zimtstern und Halbmond
2010 Keiner geht verloren
2011 Nacht ohne Morgen*
2013 Die Frau von früher*
2013 Borowski und der Engel*
2013 Unter Müttern
2014 Monsoon Baby’
2015 Freddy tanzt
2015 Fauler Zauber
2015 Wintersreise
2015 Herr Lenz reist in den
Frühling*
2015 Sag mir nichts*
2016 Hedda*
2017 Die Sympathisanten
2017 Zuckersand
2018 Spätwerk*
2021 Wo ist Mike?*
2021 Lieber Thomas*
* Regie: Andreas Kleinert
Fernsehserien
Die Sendung mit der Maus
Bildergeschichten
Dingsda
Herzblatt
Tatort
Geliebte Schwestern
Rosamunde Pilcher
Polizeiruf 110
Der Staatsanwalt
Schimanski