Zweibrücken Gandalf, der Weiße, hat den Blues

Zugegeben: Blues oder Bluesrock, das ist nicht jedermanns Sache. Doch es ist trotzdem wundervolle Musik. Wenn man vielleicht nur eine Chance hat, jemanden davon zu überzeugen, wie warmherzig, wie spannend, wie mitreißend, wie abwechslungsreich Bluesrock doch sein kann, dann sollte man es mal mit Honey Creek versuchen, die am Samstagabend wieder einmal im „Route 66“ in Niederauerbach spielten.
Es ist schon kurz nach 22 Uhr, als Honey Creek endlich auftritt. Die saarländische Rockformation beschließt den musikalischen Teil des 14. Harley Davidson und Chopper Events vor der Zweibrücker Kultkneipe. Michael Reufsteck stiehlt mit dem Intro zu Rory Gallaghers „Cradle Rock“ seinem Sänger James Boyle erst mal die Schau. Das ist aber gar nicht so einfach. Denn der aus Los Angeles stammende Ex-Zweibrücker, der nun in Saarbrücken wohnt, ist eine Rampensau. In auffällige Leggins gekleidet tänzelt er leichtfüßig auf der Bühne, übrigens mit angebrochenem Zehen. „Das ist Showbiz, es muss gehen“, hat er zuvor noch gesagt. Wer inszeniert hier eigentlich wen? Boyle seine Musiker, die auf hohem Niveau agieren? Oder die zugegebenermaßen optisch weniger beeindruckenden Instrumentalisten ihren Frontmann? Zumindest bei „Cradle Rock“ ist es Reufsteck, der das Heft in der Hand hält. Ansonsten ist es Boyle, der immer wieder auffällt, aber mit seinen Einlagen regelmäßig die Aufmerksamkeit der 300 vor der Bühne auf die Musiker zieht. Übrigens nicht nur mit seinem Zylinder und einem optischen Gesamtpaket, das Boyles Bühnenpräsenz schon für sich alleine rechtfertigen würde. Dieser Mann, der mit seinem Bart an Gandalf, den Weißen, erinnert, hat eine einzigartige Stimme, die perfekt zum Genre passt. Dunkel, schleppend, Laute aus der Kehle ziehend singt er den „Roadhouse Blues“ der Doors, der bei Honey Creek mehr Rock, denn Blues ist. „Personal Jesus“ gehört zu den am meisten von anderen Musikern zitierten Songs von Depeche Mode. Bei Honey Creek wird der Megahit von jedwelchem Schnickschnack befreit. Nur Bass, Gitarre und Schlagzeug treiben ihn voran. Variationen von bekannten Titeln, das ist eine Kunst, die Honey Creek auf begnadete Weise beherrscht. Eric Claptons „Crossroads“ wird beschleunigt. Man könnte fast Cha-Cha-Cha dazu tanzen. Der „Hoochie Coochie Man“, ein von Willie Dixon geschriebener Blues-Standardtitel, wird hingegen zur schleppenden Ballade. Eigene Titel gibt es auch zu hören. „Bleeding Heart“ zum Beispiel, von Boyle und Reufsteck komponiert. Der Sänger, der nebenbei oft zur Mundharmonika greift, spielt hier sogar eine zweite Gitarre. Doch es kann noch eine Weile dauern, bis eine eigene CD fertig ist. „Wir haben einfach zu viele Auftritte“, sagt Boyle lächelnd. Das erstaunt wenig, wenn man Honey Creek einmal live erlebt hat. Denn es gelingt dem Quartett, eine scheinbare Nischenmusik authentisch zu präsentieren, ohne sie im Stil eines poppigen Eric Clapton verweichlicht zu haben. Das ist ganz große Kunst.