Zweibrücken / Pirmasens RHEINPFALZ Plus Artikel Euroclassic-Bilanz: Der Besuchermangel hat verschiedene Gründe

Das Konzert mit Jan Josef Liefers und seiner Band Radio Doria in Zweibrücken verzeichnete die zweitmeisten Besucher: 573. Zu Kar
Das Konzert mit Jan Josef Liefers und seiner Band Radio Doria in Zweibrücken verzeichnete die zweitmeisten Besucher: 573. Zu Karat kamen 30 mehr.

Jan Josef Liefers, Karat und das Ensemble aus der Serie „Babylon Berlin“ – große Namen waren das beim Festival Euroclassic dieses Jahr. Der Zweibrücker Kulturamtsleiter Thilo Huble hat sich wieder einige Gedanken gemacht. Das musste er auch. Denn allzu viele Zuschauer gab es nicht. Was sich am Festival jetzt ändern soll.

Es sind noch immer „herausfordernde Zeiten für die Kultur“, sagt der Zweibrücker Kulturamtsleiter und Projektleiter des Festivals Thilo Huble. Am 30. Oktober fand das Festival Euroclassic mit dem Konzert der Original Bolschoi Don Kosaken sein Ende. Die Bilanz der 26 Konzerte: nicht einmal 5000 Besucher.

Woran liegt das? An Corona und der Ungewissheit, ob die Konzerte überhaupt stattfinden würden. „Gepaart mit der Zurückhaltung durch die Energiekrise“, so Huble. Aber nicht nur die Euroclassic-Regionen Zweibrücken, Zweibrücken-Land, Pirmasens, Blieskastel und Bitsch hätten daran zu knabbern – mittlerweile sehe man das überall. Dass wenig Leute zu Kulturveranstaltungen kommen, sei inzwischen „der rote Faden, der sich sehr dauerhaft durchs ganze Land ziehen wird“.

Drei nahezu ausverkaufte Programmpunkte

So ganz in diese düster anmutende Stimmung verfallen muss man aber doch nicht: Die Konzerte vom Münsteraner „Tatort“-Kommissar Jan Josef Liefers und von Karat sowie die A-Cappella-Nacht in Blieskastel waren laut Huble nahezu ausverkauft. Aber: Um die Hallen vollzukriegen, musste auch viel mehr Werbung gemacht werden als in den vergangenen Jahren.

Konzerte, die sich eigentlich immer als Publikumsmagnete erweisen und die regelmäßig stattfinden – etwa das für die Reihe eigens zusammengestellte Festival-Orchester –, sind hinter den Erwartungen geblieben. Huble: „Es gibt Besucher, die bisher insgesamt vier oder fünf Konzerte pro Festival besucht haben, die haben sich jetzt auf ein oder zwei beschränkt.“

„Beifallssturm wie bei Bon Jovi“

Da müssen sich die Organisatoren noch ein bisschen mehr motivieren. Ein entscheidender Punkt sticht aber hervor: „Die Besucher waren restlos begeistert“, schwärmt der Kulturamtsleiter. Eine Zuschauerin, die bei den Don Kosaken war, habe ihm geschrieben: „Es war ein Beifallssturm wie bei Bon Jovi.“

Das Festival-Motto „Ostwind“ hatte angesichts des Ukraine-Krieges das Potenzial, zu polarisieren. Trotzdem habe Huble „sehr bewusst keinen Ausschluss russischer Künstler vorgegeben.“ Es habe auch keine „Gewissensprüfung“ für russische Kulturschaffende gegeben. Kultur sei schließlich ein verbindendes Element. Einzig „staatlich getragene Künstler und Ensembles“ luden die Veranstalter aus.

Zunächst kritisch gegenüber Euroclassic

Laut Kulturdezernentin Christina Rauch ist Euroclassic „ein Symbol unserer gemeinschaftlichen Zusammenarbeit über die Landesgrenzen hinweg, um die Gemeinschaft zu leben. Auch mit Künstlern aus dem Kriegsgebiet.“ Björn Bernhard, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Zweibrücken-Land, möchte auch die jüngere Generation abholen. Er selbst sei, bevor er das Festival mitorganisierte, „gegenüber Euroclassic kritisch eingestellt“ gewesen, eben wegen der klassischen Musik. Das habe sich mittlerweile geändert. „Es war damals so, dass ich für mich gedacht habe: An Euroclassic nimmt nur eine Minderheit der Bürger teil.“

Der Pirmasenser Kulturdezernent Denis Clauer sagt: „Die Leute haben einfach immer noch Angst. Das ist immer noch in den Köpfen der Menschen drin. Das Theaterpublikum, insbesondere im klassischen Bereich, ist traditionell eben älter und verunsichert, oder es geht gar nicht erst weg.“ Es sei eine gesellschaftliche Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Leute keine Angst mehr haben. Für die Rückgewinnung des Kulturpublikums brauche es andere Formate. Die klassischen Veranstaltungen solle es aber weiterhin in der gewohnten Qualität geben.

„Motiviert bis in die Haarspitzen“

Der Kompass Europa wird sich nächstes Jahr weiterdrehen. Dann geht das Festival getreu seinem neuen Jahresmotto „westwärts“. Konkret heißt das: Irish Folk, Chansons und der Schottenrock gehen über die Bühne. Welche Bands oder Ensembles dann auf der Bühne stehen – das möchte Thilo Huble noch nicht verraten.

Was er aber weiß: „Wir sind motiviert bis in die Haarspitzen, das Programm im nächsten Jahr so zu gestalten, dass wir wieder mehr Publikum erreichen und begeistern können. Wo die Situation uns hinführt, wissen wir nicht.“ Start von Euroclassic 2023 wird voraussichtlich der 1. September sein – diesmal in Blieskastel.

Neue Wege im Bewerben der Konzerte

Huble möchte die Konzerte dann auch anders bewerben – etwa über Facebook oder Instagram. Auch die Website möchte Huble komplett überarbeiten und Interessierte mittels QR-Codes direkt dahin lotsen, wo sie Karten kaufen können. Außerdem möchte er das Programmheft „frischer machen“. Es mute klassisch an. Vielleicht werde es Zeit für eine Design-Änderung. „Wir werden da Veränderungen auf den Weg bringen“, fasst er zusammen.

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