Zweibrücken
Enkelin recherchiert Schicksal des NS-Opfers Walter Frick
Julia Gilfert forschte, zerrte das Leben des Musikers und Komponisten ans Licht und hat ihm mit einem Buch nun ein Denkmal gesetzt. Walter Frick hieß der Zweibrücker, der 1908 als Sohn eines Volksschullehrers in der Alten Steinhauser Straße geboren wurde. Der Großvater von Julia Gilfert, geborene Frick, war ihr nie begegnet, verband sich aber mit der jungen Frau auf eine seltsam intensive Art. Frick starb lange vor der Geburt von Julia Gilfert als eines der vielen tausend Euthanasie-Opfer der NS-Diktatur. In der Familie sei nie über ihn geredet worden, bis die Enkelin mit ihren Fragen anfing, Briefe fand, das Tagebuch der Schwester des Ermordeten aufspürte und aufwändig transkribierte.
„Himmel voller Schweigen“ lautet der Titel des Buches über das Leben von Walter Frick, seiner Frau Luise, der Schwester Hedwig und des Schwagers, der ihn in die Euthanasie schicken ließ. „Dieses Buch ist keine Biografie und kein Roman, keine Erzählung und auch keine Dokumentation. Es ist weder Sachbuch noch Belletristik, weder Fakt noch Fiktion“, schreibt Gilfert im Vorwort über das 292 Seiten starke Taschenbuch. Es sei eine Geschichte, findet sie und startet im Jahr 2010 in Lambsheim, ihrem früheren Wohnort bei Frankenthal, mit einem Traum, ihrem eigenen Traum von ihrem Großvater, der Anfangspunkt für die Recherchen und das Buch war.
Bis zum Leuchtturm nach Warnemünde
Mit verschiedenen Zeitsprüngen gelingt es Gilfert ein sehr eindrückliches Porträt des Großvaters und seiner Umgebung zu zeichnen. Grundlage dafür waren viele Briefe von Walter Frick, seiner Frau und seiner Schwester sowie das Tagebuch der Schwester. Viele dieser Briefe finden sich im Anhang des Buches. Gilfert ging auf Recherchereise zu dem Leuchtturm in Warnemünde, wo sich Walter und Luise verlobten. Suchte in der Mauer nach ihren Namen unter den vielen Namen anderer Paare, die sich dort seit über hundert Jahren schon verewigten. Die 1990 in Ludwigshafen geborene Frau scheute sich auch nicht, nach Bernau bei Berlin zu fahren, das Gelände der Nervenheilanstalt zu suchen, in der ihr Großvater getötet wurde. Heute findet sich dort eine schicke Neubausiedlung. Ob die Bewohner von der Altlast unter ihren Füßen wissen?
Zweibrücken 1919: „Wenn die anderen Kinder fragten, ob er mit ihnen Krieg spielen wolle, konnte Walter bald nur noch den Kopf schütteln. Man konnte Klavier spielen oder Ball, oder vielleicht so tun, als sei man das Königspaar. Aber Krieg spielen?“ Julia Gilfert hat aus den Briefen und dem Tagebuch eine Mischform aus Roman und Dokumentation geschaffen, die den Leser in den Bann zieht. Walter Frick wird auf eine Art lebendig, wie ihn die Enkelin, die ihn nie gesehen hat, heute sehen will, und damit zu einer Erinnerung, die lebendiger als viele andere ist.
Der Schwager schickt ihn in den Tod
Die Stationen Fricks führten ihn von Zweibrücken nach München zum Studium der Komposition und Klavier und 1933 zum Engagement am Rostocker Stadttheater, das damals als Nordisches Bayreuth galt. In München lernt er seine spätere Frau Luise kennen, eine Sängerin. Die Hochzeit wird in Pirmasens gefeiert, wo Luises Bruder Heinrich Frölich als Pfarrer arbeitete. Das Engagement in Rostock endet und mit dem beginnenden Krieg wird es für den Zweibrücker immer schwerer eine neue Stellung zu finden, er versucht eine Fortbildung zum Musiklehrer für den Schulbetrieb in Berlin zu machen, lebt deshalb in Oranienburg bei seiner Schwester und ihrem Mann, einem SS-Offizier, was ihm letztlich zum Verhängnis wird.
Die drohende Einberufung zur Wehrmacht zehrt an den Nerven Walter Fricks zu einer Zeit, da viele über „Erbgesundheit“ nachdenken und im Sinne einer vermeintlichen Erbgesundheit weitreichende Entscheidungen treffen. So wie Fricks Schwager, der ihn von der SS in die Nervenheilanstalt Bernau bringen lässt, wo er wenige Monate später stirbt. Die Sterbeurkunde findet sich im Buch. „Todesursache: traurige Verstimmung, Depression, Erschöpfung.“ Julia Gilferts Recherchen nach wurde er Opfer der so genannten Wilden Euthanasie, die von Ärzten auch nach der offiziellen Euthanasie noch weiterbetrieben wurde. Die Patienten wurden zu Tode gespritzt mit Morphium – oder man ließ sie verhungern.
Unaufdringlich wird die Grausamkeit geschildert
Der Schwager hatte wohl die Befürchtung, ein Erbkranker in der Familie könne seine Karriere bei der SS behindern. Eine in der Nazizeit nicht selten tödliche Befürchtung. Die Angehörigen selbst schickten vermeintlich Nervenkranke in die Euthanasie. Fricks Schwager war kein Einzelfall. „Walter ist halt einfach nicht gemacht für das Grobe, rein körperlich schon nicht, das sieht man doch“, lässt Gilfert in dem Buch die Schwester des Ermordeten über die Ängste ihres Bruders vor dem Krieg erzählen.
Mit „Himmel voller Schweigen“ ist Julia Gilfert ein bemerkenswertes Buch gelungen, das auf unaufdringliche Art in die damalige Zeit entführt, ihre Recherchen erlebbar macht und ein literarisches Band zwischen zwei Menschen spannt, die sich nie sahen, aber dennoch in Verbindung kamen. Ein beachtliches Buch, das besser geeignet ist, über die Grausamkeit der NS-Zeit zu berichten, als es viele andere Gedenkbücher können.
Lesezeichen
Julia Gilfert, „Himmel voller Schweigen“,Taschenbuch, Ultra-Violett-Verlag, 292 Seiten, ISBN: 978-3-96887-012-0, 14,80 Euro
Lesung
Die Buchpremiere findet am 20. Januar 2022, 19 Uhr, im Herzogsaal in Zweibrücken statt. Die Autorin liest, führt eine Komposition ihres Großvaters auf und signiert auf Wunsch.