Zweibrücken
Ein Schüler erinnert sich an seinen Lehrer: Edmund Stucky, ein Hundertjähriger
Wenn ein 81 Jahre alter Schüler seinem Physiklehrer zum 100. Geburtstag gratuliert, darf man Albert Einstein zustimmen: Die Zeit ist relativ! Früher waren es 45 Minuten, die wir gemeinsam im Physiksaal verbracht haben. Er, unser Lehrer, vor der Tafel am Experimentiertisch. Wir, seine Schüler, auf den Klappstühlen des Physiksaals – bis die Schulklingel das Ende der Stunde anzeigte. Nun schauen wir beide gemeinsam auf unser langes Leben zurück und haben keine Eile mit der Zeit, die uns bleibt. Und ich verbinde mit meinem Glückwunsch ein spätes herzliches Dankeschön für alle spannenden Schulstunden, in denen uns dieser Lehrer die Welt erklärt hat.
Edmund Stucky hat uns in der Mittel- und Oberstufe Mathematik und Physik beigebracht. Die Schule nannte sich damals nach ihrem primären Bildungsziel Mathematisch-Naturwissenschaftliches Gymnasium. Für einen Schüler wie mich mit wenig Sympathie für diese Fächer war es eigentlich nicht der richtige Ort. Wir, seine Abiturienten, haben uns von dieser Schule im selben Jahr wie er verabschiedet: Wir hinaus in die Welt, er zur Konkurrenz am Hofenfels Gymnasium, wo er bis zum Ruhestand unterrichtet hat.
Einmal bricht der Groll aus ihm heraus
Er war ein Lehrer aus der Kriegsgeneration und hat den Zweiten Krieg als junger Soldat am eigenen Leib zu spüren bekommen. Noch vor seinem Abitur musste er die Schulbank mit der Front im Osten tauschen und wurde so schwer verwundet, dass ihn dies seither belastet. Ein einziges Mal redete er sich vor uns seinen Groll und seine Empörung gegen den neuen Kommiss und die militärische Tradition von der Seele – als Reaktion auf die alljährliche Kundgebung am Gefallenendenkmal unserer Schule, bei der unser Chor das Lied „Ich hatte einen Kameraden“ sang.
Da hat er uns imponiert. Ohnehin war er kein Pädagoge, dem sein Fachwissen Schranken auferlegte. Er beherrschte die Formelfächer gewiss virtuos und vermittelte sie, wenn nötig, mit der erforderlichen Strenge. Er war jedoch auch Schöngeist – was wir im alltäglichen Unterricht spüren konnten. Seine Neigung zu Kunst, Musik und Literatur lässt sich in seinem Beitrag zum Jahresbericht der Schule 1962/63 nachlesen: „Gedanken über die Mathematik in der Kunst“.
Welt der Zahlen schmackhaft gemacht
Darin sprach er mich, seinen skeptischen Schüler, direkt an: „Auf den ersten Blick scheinen Mathematik und Kunst einander entgegengesetzte Äußerungen menschlichen Geistes zu sein.“ Dieser Eindruck wird jedoch gleich korrigiert, Pythagoras als Kronzeuge dafür benannt, dass Physik und Mathematik im Kerngehäuse der Kunst und Kultur zu Hause sind, sich in Harmonie und Ästhetik wiederfinden, dem Maler die Perspektive schenken, der Poesie die Metrik und den Rhythmus. Mathematik und Poesie, Physik und Sprache, Natur und Geist – also keine Gegensätze, sondern Nachbarn in der Kultur; damit hat mein Lehrer Stucky es geschafft, auch mir die Welt der Zahlen und Energien schmackhaft zu machen. Dafür bin ich ihm ein Leben lang dankbar und gratuliere ihm an seinem heutigen Festtag von ganzem Herzen zu seinem langen Leben.