Eishockey
EHC Zweibrücken: Wie ein „Kiwi“ zu einer „Hornisse“ wird
Wer noch irgendwelche Zweifel gehabt hätte, dass Jacob Ratcliffe in die Westpfalz und zum EHC Zweibrücken passt wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge, der muss nur mal schauen, wo der 28-jährige Eishockeystürmer seine ersten Schritte auf dem Eis getan hat. Klar, in Neuseeland, wo der junge Mann herstammt und aufgewachsen ist. Aber ausgerechnet bei den Canterbury „Red Devils“, den Roten Teufeln also, hatte er als Jugendlicher erstmals den Schläger in der Hand. Klingelt da was bei den Pfälzern?
Und wie kurz doch die Wege vom anderen Ende der Welt nach Zweibrücken letztlich sind. Zehn Jahre lang spielte Ratcliffe, der in Auckland im Norden Neuseelands zur Welt kam, in den USA, traf dort 2015 in Pennsylvania auch schon einen gewissen Michael Morrissey. Den fragte er jetzt, als er Lust hatte, in Europa zu spielen, ob er nicht ein Team wisse. Und US-Boy Morrissey, der in der Saison 2022/23 mithalf, die zweite Regionalliga-Meisterschaft des Zweibrücker Klubs einzufahren, empfahl wärmstens die „Hornets“. „Er hat erzählt, er hat es geliebt hier, und hat mir gleich ,Pilles’ Nummer gegeben“, berichtet der erste Neuseeländer der „Hornissen“, wie der erste Kontakt zu EHC-Coach Ralf Wolf zustande kam.
Schon viel erlebt auf dem Eis
Dem schickte Ratcliffe eine erste Nachricht, Wolf holte Informationen ein und sichtete Videos. Und dann ging’s plötzlich ganz schnell, und aus dem „Kiwi“ wurde eine „Hornisse“. „Er hat schon viel erlebt im Eishockeysport, in diversen Ligen stark performt und passt menschlich und sportlich prima zu uns“, sagt Ralf Wolf und ist nach wie vor glücklich über den Transfer des 1,80 Meter großen und 85 Kilogramm schweren Neuzugangs.
Ratcliffe ist in der Tat schon viel herumgekommen auf dem Eis: In der Saison 2012/13 war er in der New Zealand Ice Hockey League „Rookie of the Year“, so wie sechs Jahre später auch in der Massachusetts State College Athletic Conference und Australian Ice Hockey League (AIHL) für die Sydney Bears. Von 2015 bis 2018 spielte er fürs Nationalteam der „Kiwis“, schoss für sie bei der Weltmeisterschaft 2016/17 der Division 2B die meisten Tore. Zuletzt war er in der AIHL in der Spielzeit 2022/23 wertvollster Spieler in den Finals, damals hatte er den Schläger für CBR Brave in Canberra in der Hand. In den USA spielte er auch drei Jahre lang professionell Eishockey, zuvor hatte er am College seinen Abschluss in Marketing und Wirtschaft gemacht.
Wohnen in Frankreich, reisen durch Europa
Jetzt also Europa: „Es ist toll hier“, schildert er seine ersten Eindrücke. Er will zwischen den Spielen viel reisen und sehen, war zum Beispiel schon in Straßburg und hat seine drei Jahre ältere Schwester in Amsterdam besucht, wo sie als Finanzanalystin arbeitet. Zu Weihnachten gibt’s vielleicht das nächste Wiedersehen. „Hier ist alles viel näher beieinander als in den USA“, sagt er.
Er wohnt im französischen Ormersviller bei deutschen Vermietern, geht gerne im Ort spazieren. Die gemeinsam von deutschen und französischen Kriegsveteranen errichtete Gedenkstätte an der Kapelle Saint-Joseph mit dem Kreuz aus Granatsplittern, dem Gedenkstein und dem Friedensbaum hat er dabei noch nicht entdeckt, will das aber nachholen. Das Essen sei nicht so viel anders als zu Hause, er habe aber noch keine schlechten Erfahrungen gemacht, „und das deutsche Bier ist gut“, sagt er lachend. Sprachlich kommt er gut zurecht, auch wenn er noch wenig Deutsch kann, und die Sprache im Training ebenfalls Deutsch ist. „Aber da sind ja immer ganz viele Hockey-Begriffe dabei“, sagt er.
Ratcliffe: Das Ziel ist die Meisterschaft
Er hofft, dass er noch viele Jahre spielen kann, weiß aber noch nicht, wo es nächstes Jahr hingeht. Sportlich ist der Stürmer bei den „Hornets“ und in der Baden-Württemberg-Liga jedenfalls angekommen: Mit 25 Punkten (sieben Tore und 18 Vorlagen) aus sieben Spielen führt die jetzige Nummer 9 derzeit die Scorer-Liste an. „Er zeigt seine Qualitäten auf dem Eis. Er gibt viele Vorlagen und macht so die anderen besser“, lobt Coach Wolf den Mann mit Vollbart und leicht rötlichem Haar.
„Der letzte Sieg gegen Hügelsheim war gut fürs Selbstvertrauen, da haben wir spielerisch überzeugt“, sagt Wolf vor den beiden Spielen am Freitag um 20 Uhr beim 1. CfR Pforzheim und am Sonntag zu Hause gegen den Schwenninger ERC (18.30 Uhr, Ice-Arena). Er kennt aber auch die zwei unterschiedlichen Gesichter seines Teams zu Hause und in der Fremde. „Ich hoffe, dass wir jetzt den Schwung erst mal mitnehmen nach Pforzheim. Die haben sich zuletzt, auch ergebnistechnisch, ein bisschen gefangen.“
Jacob Ratcliffe freut sich vor allem schon wieder aufs Heimspiel. „Hier ist die kleine Halle bei jedem Heimspiel voll und, auch mit den Trommeln, sehr laut. Das pusht uns vor allem im letzten Drittel immer riesig.“ Sein Team spiele eine gute Saison, habe gegen Hügelsheim, das stärkste Team bisher, auch die beste Leistung gezeigt. „Unser Ziel kann nur die Meisterschaft sein“, sagt Ratcliffe daher selbstbewusst – und könnte im Erfolgsfall mit Tippgeber Morrissey gleichziehen.