Lothringen
Duo Raskovnik spielt Musik vom Balkan
Wer die von außen recht schmucklose Kirche des lothringischen Dorfs Loutzviller betritt, kann drinnen nur beeindruckt sein. Mitten im großen Kirchensaal steht wie ein Ufo ein pompöser Altarraum mit gedrehten Säulen – fast wie im römischen Petersdom. Die Beleuchtung am Freitagabend mit den derzeit leider allgegenwärtigen LED-Leuchten in vielen Farben steigerte die unwirkliche Atmosphäre noch weiter. Fast wie in einer Science-Fiction-Kulisse.
Im Kontrast dazu hatte das Duo Raskovnik allerdings einen überlieferten Liederschatz aus alten Zeiten mitgebracht, den die beiden Franzosen in jahrelanger Suche - bei Freunden in Serbien und bei Roma auf dem Balkan - aufgespürt hatten. Das Besondere: Die Lieder erzählen Geschichten. Wie die vom Sultan, dessen Frau mit Pferd, goldener Uhr und einem Jungen floh. Als sie erwischt wurde, sagte sie, dass sie endlich frei sein wollte. Oder von dem Mann, der mit keiner anderen Frau sein kann als mit der Königin an seiner Seite.
Lebensfreude auf Originalinstrumenten
Die Lieder sind aber nicht immer dramatisch, sondern auch voller Lebensfreude, die in der gesamten Kirche spürbar war. Bei „Ajde Jano“ etwa, das von Freunden erzählt, die kein Geld zum Trinken haben und erst einmal ihr Pferd verkaufen und schließlich auch das Haus, damit die Feier weitergehen kann. Viele Stücke stammen von der mazedonischen Sängerin und Schauspielerin Usnija Redzepova, andere vom serbischen Liedermacher Saban Bajramovic, „König der Roma-Musik“ genannt.
Charlène Ploner verwendet für das Repertoire viele Originalinstrumente. Sie spielt nicht nur auf dem Kontrabass, sondern auch mit Schellen, auf der Viola da Gamba, einer historischen Beingeige sowie der Saz, einem Saiteninstrument, das aus der türkischen, kurdischen, iranischen, armenischen, aserbaidschanischen und afghanischen Tradition stammt − allesamt Instrumente, die dazu einladen, die Gedanken schweifen zu lassen.
Kraftvoll-betörende Gesangsstimme
Doch so exotisch die Instrumente auch sein mögen, die Attraktion des Abends ist Ploners kraftvolle, ja betörende Stimme. Die 44-jährige Sängerin aus den Vogesen singt mal voller Power, mal sanft die Lieder – aber stets in der Originalsprache. Was sie genau singt, weiß sie gar nicht immer, gibt sie zu. Sie spreche weder Serbisch noch Mazedonisch, habe sich aber sagen lassen, wie man die Worte richtig ausspricht und natürlich, wovon die Lieder handeln.
Das Wichtige seien sowieso die Emotionen, die Leidenschaft und die Sehnsüchte der Menschen, die diese Musik vermittle. Und die könne jede(r) spüren, ohne den Sinn jedes Wortes zu erfassen. Selbst wenn alles haargenau übersetzt würde, bliebe den Liedern ein Geheimnis, davon ist sie überzeugt. Diese Musik sei „einfach ein Mysterium“. Wie ihre Stimme selbst, deren Klangfarben von ganz tief bis zu den allerhöchsten Höhen der Tonleiter reichen. Kein Wunder, dass das Konzertpublikum ihr mit stehenden Ovationen huldigt und der Applaus ewig nicht abebben will.
Das Verborgene öffnen
Die extreme Modulationsfähigkeit ihrer Stimme habe sie sich während einer jahrelangen Ausbildung bei einer Lehrerin in Nancy erarbeitet, erzählt die Sängerin nach dem Konzert. Diese arbeite mit einer speziellen US-amerikanischen Methode, bei der erst einmal die 13 verschiedenen Regionen im Rachen und Mund eines Sängers kennengelernt und geschult werden. Für sie sei genau das eine Bereicherung gewesen. Mit dem Singen habe sie mit 20 Jahren angefangen, richtig zufrieden mit ihrer Kunst sei sie erst seit etwa sieben Jahren.
Passend zu ihrem Repertoire hat sich das Duo auch den Namen ausgesucht. „Raskovnik“ sei eine Pflanze mit magischen Kräften, der man nachsagt, sie könne alles Verschlossene öffnen und alles Verborgene entdecken, erklärt Ploner. Doch die Künstlerin hat viel mehr Talente auf Lager. Mit ihrer Kompanie „Le pays de ma tête“ (Die Länder in meinem Kopf) ist sie mit Stücken unterschiedlicher Couleur auf Tour: mit jüdischen Liedern, italienischer Tarantella oder Opernmusik von Mozart. Aber ob clownesk, verspielt oder dramatisch: Charlène Ploners Markenzeichen ist ihre Authentizität.