Zweibrücken „Die Zeit ist eine Echse“

Markus Dawo entwarf das Buchcover.
Markus Dawo entwarf das Buchcover.

Das neue Buch des Saarländers Marcus Imbsweiler ist eine Offenbarung. Geschickt verwebt Imbsweiler in „Achtundachtzig“ Vergangenheit und Gegenwart, lässt uns tief in die Köpfe der Protagnisten blicken und wartet auf mit hoher Schreibkunst – denn seine Sätze ziehen sich wie sanfte Wellen dahin, und führen den Leser am Ende zu einem großen Ganzen, mit dem man nicht gerechnet hätte.

Viele Romane beschäftigen sich mit einem vergangenen Ereignis, dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart der Figuren hineinreichen. Wenigen gelingt dies so gut wie dem in Limbach aufgewachsenen Autor Marcus Imbsweiler. Im Sommer 2018, findet der Polizist Alwin Bungert im Wald eine Frauenleiche. Völlig verbrannt löst sie einen Aufschrei im saarländischen Dürrweiler aus, das wirklich existiert. Und dieses Ereignis verwebt der Autor scheinbar beiläufig mit dem Flugzeugunglück auf der Ramstein Air Base im Jahr 1988. Noch genau 30 Jahre danach holt die damaligen Schulfreunde Bungert, Franziska, Sascha und Andreas der zusammen erlebte Flugzeugabsturz ein. Dabei legt Imbsweiler die Spuren von 2018 bis 1988 wie Brotkrumen. Die Suche nach Antworten lässt den Leser die Situation von Hänsel und Gretel nachempfinden. Wenn man sich in die Geschichte hineinversetzt, weiß man, die Verbindung ist zu finden – aber man ist noch lange nicht am Ende der Suche angekommen. Bemerkenswert sind die Metaphern und Personifikationen, die Imbsweiler einstreut. „Die Zeit ist eine Echse“, schreibt er, als er in einem Rückblick die Schulzeit der vier Hauptfiguren thematisiert. „Träge blinzelnd liegt sie in ihrem Käfig namens Gegenwart. Ihr Wächter heißt Angst, sie nährt sich von Stille.“ In diesen Zeilen findet sich jenes Geheimnisvolle, das den Leser in der Geschichte vorantreibt. Eng verbunden damit sind die verschiedenen Innenleben der Figuren. Macht der Leser anfangs von den vier Schulfreunden von damals nur Bekanntschaft mit Alwin Bungert, der die Frauenleiche findet, treten nach und nach die übrigen Personen in die Geschichte ein. Und das im wahrsten Sinn des Wortes: denn die anderen drei – inzwischen längst weggezogen – kommen anlässlich ihres Abitreffens nach drei Jahrzehnten wieder zurück nach Dürrweiler. Diese drei Ereignisse – der Fund der Frauenleiche, das Flugzeugunglück 1988 und das Abitreffen – verbindet Imbsweiler zu einem viel größeren Ganzen, als man gedacht hat. Atmosphärisch und dennoch klar ist die Schreibweise des heute in Heidelberg lebenden Autors. Wenn Polizist Bungert der Mutter der Verbrannten im Wald die furchtbare Nachricht mitteilt, bedarf es keiner Ausschmückungen. „Der Polizist nickte. Eine Weile sprach niemand. Der Sprudel in Bungerts Glas perlte.“ Atmosphärisch, aber dennoch klar und deutlich, sodass die Bilder vor den Augen der Leser unweigerlich entstehen. Das ist eine der Stärken von Marcus Imbsweiler, die er auch schon bei seinem im Mai 2018 erschienenen Roman „Fjordmusik“ bewiesen hat. Den unterschiedlichen Szenarien angepasst wechselt er von kunstvoller zu linearer, klarer Sprache, die deshalb aber nichts von ihrer Aussagekraft einbüßt. Wie ein Chamäleon immer der jeweiligen Stimmung und den Gedanken seiner Figuren angepasst, lässt er den Leser so am Ende ihre Handlungen nachvollziehen. Und am Ende dröselt sich alles auf. Aber bei manchen Büchern ist der Weg das Ziel – anders als bei vielen Krimis läuft es nicht nur auf das bloße Ende der Geschichte hinaus. Die Figuren zu erleben, ihre Beweggründe zu erfahren und dabei auch noch etwas über das schlimme Flugzeugunglück zu lernen, das macht das Buch so besonders. Lesezeichen Marcus Imbsweiler,:„Achtundachtzig“, Kriminalroman, Conte Verlag St. Ingbert 2018, 250 Seiten, 14 Euro.

x