Blieskastel
Die international bekannte Sängerin mit dem Restaurant in Lautzkirchen
„Near, far, wherever you are“ – diese Zeilen, durch James Camerons Film „Titanic“ für immer verknüpft mit Céline Dions Stimme, füllen den so überhaupt nicht kitschigen Gastraum des gepflegten Asia-Restaurants „Phantasia“ in Blieskastel-Lautzkirchen voll aus: Nguyen Ngoc Ngan ist kurz aufgestanden, höflich lächelnd in einer kurzen Gesprächspause, nimmt das Mikrofon und hebt an. Mühelos, von den ganz leisen Tönen bis hin zum pathetischen Finale entert sie das Lied, ihre Lippen, ihr Gestus spiegeln wieder, wie leicht es ihr an diesem Morgen, ganz ohne Einsingen, fällt, diesen musikalischen Giganten mal eben so als Beispiel ihrer gesanglichen Bandbreite zum Besten zu geben.
Von der Oper zu Pop-Balladen
Pop-Balladen sind ihr Ding, wie sie zuvor auf Englisch erzählt hat. Deutsch lernt sie gerade, versteht es besser als sie es selbst (noch) sprechen kann. Sie ist eine Weltenbürgerin: Geboren in Ho-Chi-Minh-Stadt kam die Vietnamesin in jungen Jahren nach Frankreich, arbeitete als Koreanisch-Lehrerin, studierte in Marseille klassischen Operngesang. Aber, so erzählt die zierliche Frau zutiefst bescheiden, sie selbst fand ihren Gesang nicht gut genug für die Oper und entdeckte die Popmusik für sich, besonders Balladen. Und sie machte Karriere, sang auf internationalen Bühnen von der Schweiz über Norwegen bis nach Vietnam vor bis zu 18.000 Menschen, ist in ihrer Heimat als Sängerin längst bekannt.
Die Musik war es auch, die sie vor wenigen Jahren Phan Truong begegnen ließ. Der gebürtige Münchner mit vietnamesischen Wurzeln machte zwar sehr jung im Osten des gerade wiedervereinigten Deutschland eine Lehre in der Gastronomie, in deren Anschluss er 1994 mit nicht einmal 19 Jahren in Feldkirchen nahe seiner alten Heimatstadt München sein erstes Restaurant, später in Gauting am Starnberger See sein erstes Sushi-Restaurant eröffnete. Doch neben seiner Leidenschaft fürs qualitätvolle Kochen weit abseits des glutamat-schwangeren Asia-Imbiss-Niveaus schlägt sein Herz für die Musik: Philipp, wie er seit Kindertagen in München genannt wird, spielt begnadet Klavier, liebt das Gitarrenspiel, beherrscht Schlagzeug, komponiert und hat ganz nebenbei noch eine Ton- und Lichttechnikausbildung gemacht.
Er komponierte sich in ihr Herz
Auf dieser Schiene wurde Nguyen Ngoc Ngan auf ihn aufmerksam, bat ihn um eine Komposition und lud ihn zur Premiere nach Paris ein. Die beiden verstanden sich auf Anhieb, wurden ein Paar. Dann ging alles Schlag auf Schlag: Phan Truong wurde über Bekannte auf ein freiwerdendes Restaurant im saarpfälzischen Blieskastel aufmerksam und war Feuer und Flamme: Gemeinsam mit seiner Frau konnte hier der Traum wahr werden, ein stilvolles Asia-Restaurant zu betreiben, das zugleich Raum bieten sollte für Musik, für die Musik von Profis genauso wie von blutjungen Anfängern. 2019 starteten die beiden und erfuhren schnell regen Zuspruch für ihr Konzept, das den Gästen eben nicht nur hochwertigen, frischen Küchengenuss mit vielen Biozutaten bieten, sondern zugleich Raum der kulturellen Begegnung, des Erlebens sein sollte.
Die Gitarre, das Piano, Sound- und Lichtanlage – alles steht den Gästen auch für das eigene spontane Musizieren oder auch Poetry-Slammen bereit, eine Open-Stage im besten Sinne: Hier greifen Schüler in die Saiten, singen etablierte Musiker, hauen geistliche Kirchenorganisten in die Tasten. Und zwischendurch stellt Nguyen Ngoc Ngan das Tablett auf die Seite, singt den Gästen einen vietnamesischen Popsong oder beweist die unglaubliche Range ihres Soprans zum Beispiel mit Adele-Titeln, um dann anschließend den Gästen wieder Speisen und Getränke zu servieren.
„Der Name des Restaurants ist nicht umsonst ,Phantasia’. Da steckt mein Familienname Phan drinnen, und ich wünsche mir, dass hier Ideen und Fantasie zu Hause sind und die Menschen ihren Besuch als etwas Bereicherndes erleben“, erklärt Philipp. Der zweite Lockdown verhindert zwar, dass das Musikerpaar ihr Konzept im Augenblick konsequent lebt. Doch die beiden sind optimistisch: Zum einen haben sie großen Rückhalt bei ihrem Vermieter, Bernd Laninger, selbst Musikliebhaber und über die Maßen glücklich, dass eine solch große Stimme ihre Heimat im kleinen Städtchen Blieskastel gefunden hat. Zum anderen bestellen ihre Stammgäste Essen zum Abholen. Aber das Allerwichtigste: Sie leben ihre Musik trotzdem weiter: Philipp streamt immer mal wieder Konzerte seiner Frau aus dem Restaurant in der Saarpfalz hinaus in die Welt, wo sich immer wieder tausende Fans einklicken und seiner Frau gebannt lauschen – „Near, far, wherever you are“.
Info
Auf Youtube sind Videos verschiedener Auftritte abrufbar.