Zweibrücken
Die Frau, die Buchstaben erfindet
Die Symbole auf ihren Grafiken sind einfach. Gegenständlich. Man erkennt Buchstaben und bekannte Formen. Trotzdem weiß man oft nicht auf Anhieb, was es sein soll. Aber am Samstag und Sonntag, bei der Aktion „Offene Ateliers“ erklärt die Zweibrücker Künstlerin Hedda Wilms, was man sieht.
Das rote Etwas könnte eine Schlange sein. Aber der Kopf passt nicht dazu. Es könnte auch so etwas wie die Tischlampe aus dem Vorspann der Pixar-Animationsfilme sein. Ist es aber auch nicht. Was es ist, verrät Hedda Wilms. Aber man muss sie schon fragen. Denn die Zweibrücker Künstlerin will sich den Besuchern in ihrem Atelier nicht aufdrängen. Aber zum Nachdenken anregen will sie schon.
Das rote Schlangenwesen ist übrigens weder Tier noch Haushaltsgegenstand: Es ist der Fruchtknoten einer Pflanze. „Der war so rosa“, sagt Hedda Wilms (geboren 1941). Welche Pflanze es ist, weiß sie nicht mehr. „Es sind zu viele“, sagt die Pflanzenfreundin. Und sie verrät: „Ich sehe Pflanzen durchs Mikroskop oder durch die Lupe. Da sieht man Knoten und feine Verbindungen“. Die malt sie. Aber als einzelnes Element. Das sorgt für eine Verfremdung und macht das Pflanzenteil zu einem Zeichen.
Ihr Atelier ist weiß, es ist hell, es ist geräumig. „Früher gehörte es zur Druckerei“, sagt Wilms, zur Druckerei Wilms. Die es nicht mehr gibt. Die Künstlerin musste also nicht mühsam nach einem Raum für ihre Kunst suchen, sie wohnt nebenan.
Natur und Ruhe
Das ist ihr Zweibrücker Atelier. Seit zehn Jahren hat sie noch ein zweites, kleines, in Berlin. Die frühere Studentenwohnung ihrer Tochter am Prenzlauer Berg. „Die Kleinformate sind alle da entstanden. In Berlin mache ich morgens strenge Arbeitsstunden, mittags gehe ich ins Museum, abends ins Konzert und viel ins Kino. Hier, in Zweibrücken hat man die Natur und die Ruhe, in Berlin hat man viel Input“, erklärt sie.
„Die Wände hier sind nicht gerade“, meint Hedda Wilms, warum die gerahmten Arbeiten an der Wand in Zweibrücken nicht alle den gleichen Abstand zueinander haben. „Wollen Sie sich nicht setzen? In meinen Denkstuhl?“ Die Künstlerin lacht und zeigt auf den gemütlichen Schaukelstuhl neben dem Arbeitstisch. Da sitzt sie dann, hört Jazz und Blues (vor allem von Sängerinnen wie Etta James und Nina Simone) und denkt sich dabei neue Zeichen und Buchstaben aus.
Zellen und Zeichen
Bei den „Offenen Ateliers“ macht sie nur alle paar Jahre mit. „Das wird vom Kultusministerium gesponsert. Eine Zeit lang haben immer weniger Künstler mitgemacht, so dass die Gefahr bestand, dass das Kultusministerium es wieder einstellt. Aber ich mache nicht jedes Mal mit“.
Im Prinzip sind die „Offenen Ateliers“ eine Einzelausstellung, bei der ein Künstler alles zeigen kann, was er macht. Aktuell sind es drei Gruppen von Arbeiten, die Wilms bei den „Offenen Ateliers“ an die Wand hängt: Farbige Drucke mit Pflanzen-Elementen. Bleistiftzeichnungen von Zellen, die wie Straßen wirken (sie hat dafür durch ein Elektronenmikroskop geschaut) und Zeichnungen mit Buchstaben. Keilschrift-Elemente sind dabei, Hieroglyphen – und dann erfindet sie Zeichen, die wie Buchstaben aussehen und fügt sie in die Texte ein.
Sie sehen so echt aus, dass man nicht auf die Idee kommt, das sie erfunden sind. Die Texte sind natürlich nicht lesbar, aber schön anzusehen – und spannend. Denn die Buchstabenblätter bestehen aus Streifen, knapp einen Zentimeter breit und bis zu 30 Zentimeter lang. Das gibt dem Ganzen den Charakter eines Reliefs. „Sie sind gewebt“, erklärt die Künstlerin dem staunenden Besucher. Am Webstuhl. Wie das geht? Fragen Sie Hedda Wilms einfach. Sie wird es Ihnen verraten.
Offenes Atelier
Hedda Wilms, Zweibrücken, Kaiserstraße 53a, Samstag/Sonntag 28./29. September, 14-19 Uhr. Der Eingang zum Atelier befindet sich im Hof. Das grüne Plakat „Offene Atelier“ im Fenster des Hauses an der Straße weist den Weg.