Porträt
Der schreibende Hautarzt Dirk Hasselmann entführt gern auf hohe See
„Ich war schon immer ein Mensch mit Worten“, erzählt Dirk Hasselmann. In seiner Jugend schrieb er für die Schüler- und die Studentenzeitung. „Das Schreiben hat mich schon immer verfolgt.“ Da er aber ein naturwissenschaftliches Interesse hatte, schlug er den Weg zum Hautarzt ein. Der 46-Jährige, der aus Bad Dürkheim stammt und zum Studieren nach Homburg kam, ist einfach dortgeblieben. Na ja, ein paar Kilometer weiter hat es ihn dann doch verschlagen – nach Blieskastel. In Homburg hat er eine Hautarztpraxis.
Irgendwann war das Schreiben etwas, das in seinem täglichen Leben keinen Platz mehr hatte. Studium, Beruf, Familie – all dies verdrängte das Hobby. Bis vor sieben, acht Jahren. Denn: „Man sucht ja immer noch mal was anderes“, sagt er. Erst hatte er etwas aus seinem Fachgebiet geschrieben, einen Ratgeber über hellen Hautkrebs. „Dann habe ich mir gedacht: Ich will mal wissen, wie das ist, so ein kleines Büchlein zu schreiben.“ Er machte alles selbst – vom Schreiben bis zum Layout, im Selbstverlag. „Das ist dann wie ein kleines Baby. Irgendwann erblickt es das Licht der Welt“, sagt Hasselmann. Ein kleines Büchlein war ihm aber nicht genug. Er wagte sich an die Gattung Roman heran.
Schauplatz: Auf hoher See
Dirk Hasselmann schreibt keine gewöhnlichen Romane. Sein Debüt „Im Langboot“ (2019) und der Nachfolger „Die Höllenfahrt der Acheron“ (2022) spielen auf hoher See, und zwar vor rund 200 Jahren. Es geht um einen psychopathischen Kapitän, um ein Schiffsunglück und um das Leben in dieser Zeit. Das Schiff als eine Art Gefängnis – das ist es, was den Blieskasteler am Genre Seefahrerroman fasziniert. Denn früher konnte bei einem Notfall nicht mal schnell der Helikopter angerauscht kommen. „Keiner kommt weg, alle sind da gefangen“, beschreibt der Autor. Deshalb hat er seine beiden Romane auch vor 200 Jahren angesiedelt. „Das Drama ist einfach größer.“ Die Seefahrerromane mag Hasselmann auch deshalb, weil es solche Bücher heute kaum mehr gibt.
Wenn er vom rauen Meer und von tyrannischen Kapitänen schreibt, hat er gern selbst die Wellen vor Augen. Über Ostern waren er und seine Frau auf der Nordfriesischen Insel Föhr. Die Nordsee liebt er. „Da sind Sie den Kräften der Natur ausgesetzt“, fasst er zusammen. Auf die Insel Föhr kommt man nur mit der Fähre – und die fährt nur, wenn die Bedingungen okay sind. Hasselmann: „Sie haben die Naturkräfte, den Wind, Ebbe und Flut. Das macht auch demütig. Der Mensch im Spiel der Natur.“ Er findet, dass der Mensch sich oft zu ernst nimmt. „So gottähnlich: Der Mensch kann alles bauen, alles kaputtmachen.“ Auf dem Meer hingegen sei er den Kräften der Natur ausgeliefert.
Die Geburt des „Autorenfreitags“
Auf der Föhr-Reise kamen gut 30 Manuskriptseiten für Hasselmanns dritten Roman zusammen. Er wird vermutlich nächstes Jahr erscheinen und spielt in den 1980er Jahren. Das Schreiben stellte sich für den Hautarzt schnell als Ausgleich zu seiner medizinischen Arbeit heraus. „Präzision, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit“ – all das, was in seinem Beruf für ihn wichtig ist, könne sich beim Schreiben verflüchtigen. „Da kann ja wirklich alles passieren“, sagt der Blieskasteler. Wenn er am Wochenende am Computer sitzt, kann er seine Fantasie in ein Skript bannen. Auch der Freitag ist für sein Hobby reserviert. Denn vor etwa anderthalb Jahren hat er sich als Selbstständiger freitags freigenommen, wann immer es seine Arbeit erlaubt. Der „Autorenfreitag“ war geboren.
Da sitzt er fast immer ab acht Uhr morgens am Schreibtisch. „Ich bin ein Morgenschreiber“, sagt er. Dann lässt er es zu, dass er sich in seiner Fantasie und seinen Protagonisten verliert. „Solange das fließt, lasse ich das laufen. Und wenn ich das Gefühl habe, es reicht, gehe ich noch ans Überarbeiten.“
Bildhaft und atmosphärisch
Probleme im Plot „nehme ich gerne mit ins Bett“, erzählt der schreibende Dermatologe. Denn die besten Ideen kämen ihm nachts im Schlaf. Hat Dirk Hasselmann sich vor acht Jahren einfach so vor ein leeres Blatt Papier gesetzt? Nein. Online hat er sich einen Schreiblehrer gesucht und einen Kurs absolviert. Zudem nimmt er regelmäßig an Seminaren teil. Geschadet hat ihm das nicht: Seine Beschreibungen sind sehr bildhaft und atmosphärisch. Und das ist ihm auch wichtig.
Und was macht Hasselmann, wenn er nicht gerade schreibt oder seine Patienten versorgt? „Lesen oder Spielfilme gucken, das fand ich schon immer toll“, sagt er. Alles, was mit Story zu tun hat.“
Auf seiner Lesung im Januar in Homburg sagte er, er schreibe über das, wovor er sich fürchte. Was jagt ihm noch Angst ein? „Angst vor Kontrollverlust. Und der Tod. Darum geht es am Schluss immer.“