Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Der Autor Michael Dillinger ist ein begnadeter Erzähler

Vielseitiger Autor: Michael Dillinger aus Zweibrücken.
Vielseitiger Autor: Michael Dillinger aus Zweibrücken.

Er gehört zu den Stillen und Bescheidenen: der Autor Michael Dillinger. Doch seine Erzählungen lassen keinen kalt – und er ist ein überall geschätzter Literaturförderer.

Der Buchtitel „Finale“ sei eine Spielerei, sagt der Mann, der sich bei seinen Erzählungen, seinen Gedichten und überhaupt stets jedes Wort genau überlegt, bevor er es schreibt. Das weiß man schon seit seinem Gedichtband „Rat an Robinson“, der vor 35 Jahren erschienen ist. Da steht sein „Herbstanfang“: „Du nimmst die Hand / von unserem Tisch / stehst auf und schlüpfst / unbeholfen / wie zum ersten Mal / in deinen dunklen Mantel / Dann gehst du / nicht mehr.“

Im Zweibrücker Rosengarten, im „Pfad der Poesie“, kann man ein anderes Gedicht von ihm lesen, auch aus diesem Buch: sein „Geständnis“. Darin beschreibt er, dass er als Kind nicht barfuß über Wiesen und glühende Kiesel gelaufen ist, um einzukaufen, sondern bequem mit dem Tretroller über asphaltierte Straßen fuhr.

Lehrer und Schüler

Als das Buch erschienen ist, hatte Dillinger schon die höheren Weihen: die Fördergabe des Pfalzpreises für Literatur. Das war 1986, da war er bereits aufgefallen mit seiner Begabung fürs Schreiben – mit Gedichten und mit den ersten Erzählungen wie „Kreuzweg“, seiner mit 72 Seiten wohl bis heute längsten Novelle, in der ein Lehrer wegen einer angeblichen Affäre mit einem Schüler in Pension geschickt wird und Jahrzehnte später eine Möglichkeit zur Rache findet.

Diese Themen und Konstellationen haben viel damit zu tun, dass Michael Dillinger bis vor elf Jahren selbst noch Lehrer war. „Ich war gerne Lehrer“, sagt er und erzählt: „Etliche Kollegen und Kolleginnen in der Schule haben gesagt: Ich würde auch gerne schreiben, aber der Beruf frisst mich einfach so auf. Soll ich aufhören und nur noch schreiben?“ Er riet ihnen, Lehrer zu bleiben. Denn um vom Schreiben leben zu können, müsse man sehr gut und sehr viel schreiben und am besten berühmt werden. Das sei nicht jedem gegeben.

Als Lehrer hat Michael Dillinger auch Schüler zum literarischen Schreiben gebracht und junge Talente gefördert wie Wolfgang Stauch, der heute vom Schreiben leben kann: als Drehbuchautor.

Man merkt, dass bei Michael Dillinger literarisch alles Hand in Hand geht: das Schreiben, das Sprechen über Literatur, auch das Publizieren von Literatur. 1981 war er Mitgründer des Zweibrücker Echo-Verlags, der anfangs eine Literaturzeitschrift herausgab, die aber nicht erfolgreich war. Der Verlag schwenkte auf Bücher um. Erst im Mai dieses Jahres wurde der Verlag beerdigt. Nicht weil es an Autoren mangeln würde, sondern weil die Zweibrücker Stammdruckerei aufgab und es Dillinger und seinem Mitverleger, dem Zweibrücker Autor und ehemaligen Richter Wolfgang Ohler (82), zu viel war, eine neue Druckerei zu suchen. So ist „Finale“ das letzte Buch des Verlages – und die Jahresgabe des Literarischen Vereins der Pfalz, denn der „Dillinger“ wird überall im Land geschätzt.

Seit fast zehn Jahren gibt er eine Buchreihe im Rhein-Mosel-Verlag heraus: „Schrittmacher“ für junge Talente. Und natürlich ist er da auch Lektor und liest die eingereichten Texte. Wobei es nicht so zugeht wie bei der Zweibrücker Autorengruppe, die er in den 90er Jahren mitgründete – was mit der Schule zu tun hatte. „Wir hatten diesen literarischen Arbeitskreis in der Schule. Dabei hat man eben Leute kennengelernt, die auch geschrieben haben.“ In der Autorengruppe lesen sowohl arrivierte als auch junge Autoren ihre neuen Texte einander vor – und müssen sich mitunter auch anhören, was da nicht so gut ist. Ziel ist dabei jeweils, die Texte durch die Kritik (noch) besser zu machen. „Im Prinzip ist es eine Art von Lektorat“, meint Dillinger. „Es ist eine gute Sache, dass man nicht so hochmütig ist und nicht davon ausgeht, dass die eigenen Texte sowieso gut sind.“

Dieses konstruktive Kritisieren sei auch beim jährlichen Autorentreffen des Literarischen Vereins der Pfalz in Lambrecht prägend. „Ich finde das Handwerkliche sehr wichtig“, sagt Dillinger. Natürlich achtete er darauf, wenn Zweibrücker Autoren ihre Anthologien im Echo-Verlag veröffentlichten.

Der erste Leser seiner Texte ist meistens seine Frau Bettina (eine frühere Lehrerin). „Und manchmal der Wolfgang.“ Gemeint ist Wolfgang Ohler, der beste Freund und literarische Duopartner seit Jahrzehnten. Die beiden besuchen sich fast täglich und treten meistens zusammen auf bei Lesungen und Buchvorstellungen. Mit „Geschichten aus dem blauen Hut“ haben sie Texte in ein gemeinsames Buch gepackt, aus dem sie immer wieder vorlesen. Da Wolfgang Ohler dabei meistens der Wortführer ist und sich Michael Dillinger eher im Hintergrund hält, wirkt Zweiterer stiller und bescheidener.

Während Ohler viel Historisches zu Zweibrücken mit persönlichen Erinnerungen schreibt, sind Dillingers Erzählungen universell. „In den Erzählungen kann ich Sachen ausprobieren, die ich vielleicht als Mensch nicht ausprobieren kann oder mich nicht traue. Da sind Sachen dabei, die in der Realität nicht passieren können. In der Geschichte ,Zehn Sekunden’ kann etwa jemand plötzlich seine Umwelt stoppen.“ Und dann verrät er, dass er doch manchmal über eigene Erlebnisse geschrieben hat – wie bei „Turnen in der Halle“ (in „Finale“ zu finden). „Diesen Sportlehrer gab es wirklich. Ich habe das Turnen in der Halle gehasst.“

Hörspiel-Erfahrungen

Schön findet Michael Dillinger seine Erfahrungen mit dem Hörspiel. Seine Erzählung „Zeilensprung“ habe er dem Saarländischen Rundfunk „ohne große Hoffnung“ geschickt – und bekam schnell eine Antwort. Zwei weitere Hörspiele wurden veröffentlicht. Dillinger faszinierte insbesondere die Sorgfalt bei der Umsetzung, etwa beim Einsprechen. Da dabei gewesen zu sein, sei „eines der tollsten Erlebnisse überhaupt“ gewesen. „Zeilensprung – ein Hörspiel für 23 Stimmen, einen Traktor und eine Registrierkasse“ kam sogar in die Endausscheidung zum Hörspielpreis „Futura“.

Gerade hat Dillinger das Libretto für ein Kindermusical fertig, sein zweites schon (nach „Betreten des Rasens verboten“). Komponist Helmut Hofmann aus Kirkel hat ihn darum gebeten, anlässlich des Kirkeler Burgjubiläums. Der Burgherr lädt im Stück Gäste zum Feiern und zur Jagd ein. Doch die Jäger schießen nichts und singen: „Wir waren auf der Jagd und haben versagt.“ Da zaubert der Burggeist ein Essen, sodass alle wieder fröhlich sind. „Da ist auch ein bisschen Quatsch dabei“, sagt Dillinger.

Info

Am Samstag, 18. Oktober, 16 Uhr, liest Michael Dillinger aus seinem Buch „Finale“ im Zweibrücker Mannlich Haus, Herzogstraße 8. Die Einführung hält Wolfgang Ohler. Der Eintritt ist frei.

Zur Person

Michael Dillinger, geboren am 11. Januar 1950 in Heidelberg, aufgewachsen in Speyer, lebt in Zweibrücken, wo er von 1978 bis 2014 Lehrer für Deutsch und Geschichte am Hofenfels-Gymnasium war. 1981: Gründung Zweibrücker Echo-Verlag (mit Wilfried Hub), Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller und im Literarischen Verein der Pfalz (1989-1998 Vorsitzender), Mitherausgeber/Lektor der Reihe „Schrittmacher“, Jurysprecher des Sickinger Mundartdichter-Wettstreits.

Bücher: „Finale“ (2025), „Zu Mondviole und Feuersalamander“ (2021), „Von Gugel bis Google“ (2011), „Geschichten aus dem blauen Hut“ (2001, mit Wolfgang Ohler), „Der Tag ist unbeschrieben“ (Hrsg./Autor, 1997), „Marthas Schlüssel“ (1993), „Rat an Robinson“ (1990), „Kreuzweg“ (1986), „Zu empfangen den Morgen lehrt mich deine Blüte“ (1986), „An die Bewohner der Sanduhr“ (1983), „Der Parkplatz vor dem Haus“ (1983). Hörspiele: „Das blaue Boot“ (1999, SR), „Marthas Schlüssel“ (1997, SR) „Zeilensprung“ (1996, SR)

Einige Bücher von Michael Dillinger.
Einige Bücher von Michael Dillinger.
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