Zweibrücken Das Stinktier hat Hunger
„Entlang des Weges“ nannte Flötistin Tatiana Flickinger ihr Konzert am Sonntagabend in St. Laurentius in Contwig, in dem sie nur Werke der Neuen Musik vorstellte.
„Bisher habe ich in meinen Konzerten hauptsächlich Barockmusik gespielt und höchstens ein Werk der Neuen Musik“, erzählte die Musikerin. „Dann haben mich Leute angesprochen und gesagt, dass ihnen genau dieses moderne Stück am besten gefallen hat. Deshalb bin ich jetzt das Risiko eingegangen und habe ein Programm nur mit Werken zeitgenössischer Komponisten zusammengestellt. Außerdem passt diese Musik sehr gut in diese Kirche mit ihrer spezifischen Akustik, sie kommuniziert mit dem Raum.“ Und tatsächlich entstand durch das Weiterklingen der Töne im Raum eine Zweistimmigkeit: Die Klänge fingen an, sich miteinander zu unterhalten. Dieser Effekt wurde bereits bei dem ersten Werk deutlich, „Djúper Sorgin – Tief ist die Trauer“ des isländischen Komponisten Atli Heimir Sveinsson (geboren 1938). Aus sehr melancholischen, verhangenen Klängen, die an Moll-Harmonien erinnerten, kristallisierte sich eine klagende Weise heraus, die den Charakter einer mystisch-geheimnisvollen Elegie annahm. Selbst ornamentale melodische Figuren wie Triller wirkten nicht wie Zierwerk, sondern fügten sich wie immer wieder ersterbende Schluchzer in den Trauercharakter des Werkes ein. An Rituale aus fernen Zeiten ließen auch die „Moon Dances“ des US- Komponisten Walter Mays (geboren 1941) für Altblockflöte denken. Helle schwebende Flöten mit pentatonischen Anklängen erinnerten im „Moon Dance“ der jungen Mädchen des Mandan-Volkes an indianische Musik. Wie aus einer anderen Welt kommend, schien die Melodie einem Lichtstrahl gleich über Blätterdächer zu huschen, voller reflexartiger leiser Geräusche und Reflexe. Humor prägte den „Song of the Dancing Skunk“, der wie ein lautmalerisches Fresko den Tanz des hungrigen Stinktiers nachzeichnete, das damit seine Beute in eine Falle lockte. Sogar das Klappern der zuschnappenden Zähne des Stinktiers wurde in diesem flirrenden Spiel mit gutturalen Untertönen hörbar, nach hektischer Betriebsamkeit endete das Werk im schrillen Schmerzensschrei des Todes. In „Himmelweit“ der Kanadierin Chantal Laplante entstand durch sich überlagernde Klänge und Flötenmotive, zu denen sich Vogelgezwitscher gesellte, eine malerische Collage voll mystisch-geheimnisvoller Klang-Erlebnisse, ein akustisches Happening. Programmatisch waren auch die beiden Werke des 1965 in Saarbrücken geborenen Komponisten Markus Zahnhausen. „Morgenstern – Marginalien“, in diesem Konzert uraufgeführt, griff in lautmalerischen Bewegungsabläufen Naturszenerien um Rehe, ein Mondschaf und ein „ästhetisches Wiesel“ auf; die unterschiedlichen Flöten Tatiana Flickingers hoben die klanglichen Effekte sehr differenziert hervor. Und die Frühlingsmusik „Jahreszeichen“ (1991) ließ in freier Tonalität und verhaltenen lautmalerischen Klängen einen verschlafenen Märzwald lebendig werden; unruhiges Flirren und quirlige Melodiefragmente skizzierten „Aprillige Laune“ und einen „Junicanari“. Romantisch war die „Mondnacht im Mai“ – ebenso wie die von den 40 Zuhörern herausgeklatschte Zugabe, das „Schlaflied für einen Kolibri“ auf der Altblockflöte.