Saarbrücken RHEINPFALZ Plus Artikel „Das ist ja keine Sprache mehr“

Ingrid Caven 2007 beim Auftritt im Berliner Flughafen Tempelhof.
Ingrid Caven 2007 beim Auftritt im Berliner Flughafen Tempelhof.

Geboren wurde sie in Saarbrücken, den Deutschen Filmpreis in Gold bekam sie nicht als Darstellerin bei ihrem Ehemann Rainer Werner Fassbinder, sondern für den Film „Looping“ des Pirmasenser Regisseurs Walter Bockmayer: Ingrid Caven.

Interviews mit der Sängerin und Schauspielerin sind rar, nun gibt es gleich ein ganzes Interview-Buch mit Ingrid Caven. Das zeigt sie von einer ganz neuen Seite.Ein Zufall ist es nicht, dass in den letzten zwei Jahren vermehrt Interview-Bücher erschienen sind. Mit Politikern wie dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer, mit Filmregisseuren wie Andreas Dresen, mit Frauen eher selten. Die langen Interviews sind eine neue Form des Porträts, ein Gegenpol zu den üblichen Kurzinterviews, die mehr oder weniger Werbung machen für ein neues Produkt, das man kaufen soll. Die mehrstündigen Interviews, oft auf mehrere Tage verteilt, wirken denn mehr wie Gespräche unter Partnern, die einander schätzen – oder Partnerinnen .

Dazu gehört das Interviewbuch mit der Sängerin und Schauspielerin Ingrid Caven (83) und der Journalistin und Romanautorin Ute Cohen (55). Womit schon gleich das Thema Gendern angesprochen wird. Mit der Entwicklung zum politisch korrekten Gendern kann die Caven nichts anfangen: „Die finde ich schrecklich. Das ist ja keine Sprache mehr, vielmehr ein Vollstopfen mit irgendwelchen Wörtern, die ihre Bedeutung verloren haben. Ein furchtbares Gebabbel, grauenhaft. Wie intelligent wir alle sind!“

Sie erfindet Bonmots

Intelligent ist die Caven, die seit den 70er Jahren, seit ihrer Trennung von Fassbinder, in Paris lebt, ohne Frage. Aber das weiß man in Deutschland nicht, weil sie nur selten hier ist. Sie erfindet Bonmots mit derselben Leichtigkeit, mit der sie komponiert.

„Erinnerung ist etwas Gesünderes als das Auslöschen von Erinnerung – als Schauspielerin ist man Prostituierte – Man kann nicht immer mit der Wahrheitskeule durch die Gegend laufen“, sind da nur einige Beispiele. Die Caven antwortet spontan, nichts liest sich geschönt. Bereitwillig erzählt sie von ihrer Vergangenheit, die zugleich die wilden Jahren in der Bundesrepublik Deutschland waren.

Kindheit in Saarbrücken prägte sie

Ihre Lockerheit und ihre Vorliebe für Frankreich führt die 1938 Geborene darauf zurück, dass sie in Saarbrücken aufwuchs: „Französische Mode und französisches Essen waren dort sehr beliebt, weil die Stadt an der Grenze liegt. Ein bisschen französische Sprache und diese Lockerheit, die da eben im Saarland, im Saarbrücken, möglich war. die habe ich dann mitgenommen nach München“.

Dort studierte sie Germanistik, Kunstgeschichte und Pädagogik und arbeitete als Lehrerin, 1968 kam sie zu Rainer Werner Fassbinders „Antitheater“. Da hatte sie schon den Stil, der sie bekannt machte: die roten Haare und die Designerkleider.

Zwei Jahre Ehe imit Rainer Werner Fassbinder

Ihr Blick auf den Filmregisseur Fassbinder, mit dem sie von 1970 bis 1972 verheiratet war, ist weder verklärt, noch wütend. Sie spricht von einer „großzügigen Liebe“. Bei der Arbeit habe er jedoch keine Achtung vor Schauspielern gehabt, meint Caven, die in ihren 20 Filmen mit Fassbinder vor allem Prostituierte spielen musste.

Als Schauspielerin sei man jedoch immer Prostituierte, während der Regisseur der Zuhälter sei. „Das sehe ich heute noch so, ich folge dem, was angesagt wird, und das mache ich. Und ich bereite anderen Vergnügen, zeige meinen Körper, meine Sexualität.“ Darin seien Fassbinder und sie einer Meinung gewesen.

Fassbinder ließ sie nie los

Noch Jahre nach der Scheidung waren sie oft zusammen unterwegs. Für ihn sei sie seine Frau geblieben, während sie meint: „Das mit ihm war ein Experiment“. Und sie erklärt warum sie sich von ihm trennte: Er versuchte sie – wie alle seine Schauspieler – zu beherrschen. Das wollte sie nicht. Aber sie blieb ihm eine „wirklich gute intime Freundin“ und seine wichtigste Gesprächspartnerin.

Drogen machen die Stimmbänder kaputt

In ihre Zeit mit Fassbinder fallen auch die Drogen. „Das gehörte damals einfach dazu“. Heroin und Haschisch lehnte Ingrid Caven als „zu passiv“ ab. Sie mochte Kokain und Champagner, wie sie bekannte, aber sie sei nicht abhängig geworden, „weil ich damit sehr schnell meine Stimmbänder kaputt gemacht hatte. Ohne nach jedem zweiten Lied Wasser zu trinken, konnte ich gar nicht mehr singen. Bis sich alles wieder beruhigt hatte, sind zwei Jahre vergangen.“ Auch über Sex mit dem homosexuellen Fassbinder spricht sie: Er wollte immer mit ihr schlafen, aber er wollte auch vielfältige Beziehungen, erklärt Caven, die im Gegensatz zu Fassbinder Beziehungen zur Transvestiten-Szene in Berlin hatte.

Zu den wilden Jahre gehörte ihre Begegnung mit Andreas Baader und Gudrun Ensslin von der Terrorgruppe Rote Armee Fraktion (RAF). Die beiden kamen in eine Probe und wollten Fassbinder entführen, hätten Zettel an die Windschutzscheibe ihres Autos geklebt. Anfangs hätte Fassbinder Angst gehabt, schließlich war es Ingrid Caven, sie sich mit einem der RAF-Leute getroffen habe. Doch als „starke Frau“ sieht sie sich bis heute nicht. Frauen seien immer in irgendwelchen Situationen eingesperrt und müssten kämpfen.

Keine Angst vorm Alter

Ihr Alter macht ihr keine Angst, sie habe keine Beziehung zum Alter. als Kind habe sie sich Falten geschminkt, inzwischen habe sie zwar zweimal Hyaluron spritzen lassen, aber am 80. Geburtstag habe sie sich geschämt, weil sie sich jung vorkam.

Das Buch ist in Kapitel unterteilt, aber die sind eher eine optische Gliederung, keine inhaltliche. Fassbinder taucht immer wieder auf– ebenso wie die Sängerin Ingrid Caven, von der man erfährt, dass sie seit der Kindheit Asthma hat, schon vor der Schulzeit Noten lesen konnte, Klavierunterricht in Saarbrücken – und bewusst keine klassische Musikkarriere wollte (wie ihre Schwester, die Opernsängerin Trudeliese Schmidt). In der Oper wäre sie nicht glücklich geworden, bekennt Ingrid Caven, sie mag etwas anderes lieber: „Der literarische Inhalt und die Verbindung zur Musik reizen mich“, sagt sie.

Sie komponiert mit dem Fuß

In der schönsten Szene des Buches erzählt sie, wie sie komponiert. Ihr fällt eine Textzeile auf Französisch ein, sie beginnt zu singen, mit dem Fuß rhythmisch zu klopfen, sie klatscht, dann kommen neue Worte.

Diese Lebendigkeit, mit der die Caven hier noch einige andere Dinge erzählt, die man vorher nichts wusste, ist eine schöne Ergänzung zu dem literarischen Roman (eine normale Biografie gibt es nicht und würde ihr und ihrem ungewöhnlichen Leben auch nicht gerecht), den der französische Schriftsteller Jean-Jacques Schuhl, ihr Lebensgefährte seit 40 Jahren, im Jahr 2000 über ihr Leben schrieb und dafür den Prix Goncourt, einen der höchsten Literaturpreise Frankreichs, bekam.

Lesezeichen

Ingrid Caven: „Chaos? Hinhören singen“, ein Gespräch mit Ute Cohen, Kampa Verlag Zürich 2021, 176 Seiten, 20 Euro.

Ingrid Caven 1978 in ihrer Wahlheimt Paris ziert das Buchcover.
Ingrid Caven 1978 in ihrer Wahlheimt Paris ziert das Buchcover.
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