Zweibrücken „Das ist ein Bild, das weinen kann“
Am Sonntag um 11 Uhr wird im Zweibrücker Stadtmuseum eine ungewöhnlichen Kunstausstellung eröffnet: „Was uns bewegt – Das Kind in der Kunst“ zeigt anhand von 72 Werken von 18 Künstlern aus sieben Ländern Darstellungen von Kindern, die nicht lieb und nett sind, sondern verstören. Kurator Jürgen Ecker, Vorsitzender des Zweibrücker Kunstvereins, der die Schau auf die Beine gestellt hat, erläutert das Konzept der Ausstellung, an der er zwei Jahre lang gearbeitet hat.
Skizziert. Wie sind Sie auf das Thema gekommen? Das Thema hat mich seit meiner Studienzeit immer wieder bewegt. Ich war interessiert, wie Künstler Kinder gestalten, wie sie die Welt des Kindes gestalten. Im Lauf der Jahres habe ich gedacht: Mein Gott, wie geht diese Gesellschaft mit den Kindern um! Wie nehmen wir Kinder überhaupt wahr? Das ist ein Thema, das mich auch jetzt beim Kuratieren geleitet hat. Da wollte ich unterschiedliche Positionen von unterschiedlichen Künstlern einfangen. Im Prinzip ist so eine Ausstellung beliebig. Sie können zeigen, was Sie wollen, denn das Thema lässt sich nicht umfassend darstellen. Genau. Die Ausstellung heißt „Was uns bewegt“. Was uns betroffen machen soll. Ich habe Zahlen im Hinterkopf. Wie verhält sich ein kultivierte Gesellschaft ihren Kindern gegenüber? Da fiel mir auf, wie viele Hochkulturen Kinder geopfert haben. Jetzt leben wir auch in einer Hochkultur. Kann es sein, dass wir hören müssen, dass etwa 10 000 Kinder in Europa jährlich verloren gehen? Und das sind nicht Kinder, die im Mittelmeer ertrinken, das sind Kinder, die hier in Europa angekommen und nicht registriert sind und irgendwo verschwunden sind. Das ist unvorstellbar. Das Besondere an der Ausstellung ist, dass es nur zwei, drei Arbeiten gibt, die in die Kategorie fallen: Ach wie süß, ach wie niedlich. Hier sind die Kinder traurig bis bedrohlich, eine heile Welt ist das nicht. Es ist absolut keine heile Welt. Es sind auch spielende Kinder dargestellt, es sind auch höchst tragische Situationen dargestellt. Wir sehen von Sabine Franke in der Ausstellung das Porträt eins Mädchens. Wir sehen nur den Kopf und denken uns nichts weiter dabei. Dann sehen wir nebenan das Mädchen in seiner ganzen Figur und diesem Kind ist ein Bein verloren gegangen. Die Künstlerin hat dieses Kind gemalt, das am Ende des Kosovo-Kriegs beim Spielen auf eine Mine getreten ist und dabei sein Bein verloren hat. Und nun sitzt es da auf dem Stühlchen mit nur einem Bein, die Augen voller Tränen. Die Künstlerin hat das ausdrucksstark umgesetzt. Das ist ein Bild, das weinen kann. Es soll die Gefühle des Betrachters anrühren, damit er daraus seine Schlüsse zieht: Es muss sich etwas ändern. Es muss sich viel ändern. Das stärkste Bild ist Kate Waters’ monumentales Gemälde „TOYS-R-US“. Ein kleiner Junge küsst seinen Vater und hält einen Pistole an seinen Hals. Wo haben Sie das Werk entdeckt? Ich kenne das Werk von Kate Waters, einer in Düsseldorf lebende Kanadierin, seit Jahrzehnten. Es war für mich ein ungeheuer beeindruckendes Bild. Wir sehen den Jungen auf dem Arm seines Vaters, wie er ganz liebevoll die eine Wange des Vaters küsst und auf der anderen Seite hantiert er an einer Pistole herum. Es ist ein rätselhaftes Bild. Der Betrachter soll sich überlegen: Ist das Bild echt? Ist es eine Spielzeugpistole? Könnte so ein Vatermörder aussehen? Geht es nicht um die Frage, ob man Kindern Spielzeugwaffen geben soll? Die Frage stellt sich überhaupt schon seit Jahrzehnten: Wie gut ist es, Kinder mit Waffen spielen zu lassen? Dann gibt es ein zweites Kind mit einer Pistole auf einem Gemälde. Ein Junge in den Slums auf den Philippinen. Das ist ein Kind aus Manila, es hält in der einen Hand eine Pistole, in der anderen einen Lutscher. Die Pistole sieht echter aus als bei Waters, aber es ist eine Spielzeugpistole. Aber wir haben auch Kinder mit Luftballons in der Ausstellung... Aber das Mädchen mit dem Luftballon sieht auch nicht glücklich aus, sondern ziemlich traurig. Da steckt so etwa wie „Bonjour Tristesse“ dahinter. Das sind Assoziationen, die auch mir kommen. Ich wäre glücklich, wenn jeder, der die Ausstellung besucht, sich danach Gedanken macht: Was können wir für die Kinder tun? Warum sind zwei anonyme idyllische Gemälde aus dem 19./20. Jahrhundert in der Ausstellung drin? Die Ausstellung beschäftigt sich mit Gegenwartskunst. Ich wollte aber zum Auftakt das 20. Jahrhundert mit ganz unterschiedlichen Positionen einblenden. Die Bilder von den zwei unbekannten Künstlern hatte ich bei der Begutachtung einer Privatsammlung kennengelernt. Ich habe die Besitzer gefragt, ob ich sie für diese Ausstellung ausleihen darf. Das eine Gemälde ist die Kopie eines unbekannten Meisters nach einem Werk, einer Teilkopie, von van Dykes „Edelmann mit seinem Kind“ im Louvre gefertigt hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das andere zeigt eine Auftragsarbeit, hervorragend in der Qualität, wo es um die Auferstehung eines Kindes geht, in ganz andächtiger Haltung. Da ist den Eltern aus dem Bürgertum ein Kind gestorben und sie haben dem Maler den Auftrag gegeben, das Kinderbild zu malen. Das passt auch ganz gut zu anderen Stücken, die ich schon im Hinterkopf hatte, als ich die Ausstellung geplant habe: „Kind“ und „Feldarbeit“ von Robert Erbelding aus Waldmohr. Die Gemälde von Erbelding sind so dunkel, so unscharf, so trist... Als ich in den 90er Jahren eine Erbelding-Biografie schrieb, sind mir seine Kinderbilder begegnet, die mich sehr berührt haben. Das eine ist eine Verherrlichung seines eigenen Kindes, das nach einem Jahr gestorben war. Das andere zeigt, dass man Kinder überall hin mitgeschleppt hat: Während die Eltern das Feld bestellt hatten, standen die Kinder am Rand des Feldes in den Furchen. Und dann gibt es noch diese Kinderbilder, bei denen es um Anteilnahme und Mitleid geht wie die Kohlezeichnung von Bernstein. Aus der Region haben wir noch Franz Juncker, der Theologe und Künstler war, der Vater des ehemaligen Homburger Kunsterziehers Hermann Theophil Juncker. Der hat eine kuriose Szene gestaltet: eine Kinderbeerdigung. Das ist ein Thema, das man höchst selten sieht. Aber wenn ich eine Ausstellung mache, bei der es um die Welt der Kinder geht, dann gehört ein solch tragisches Geschehen dazu. Interview: Andrea Dittgen Ausstellungsbesprechung: Kultur Ausstellung — Stadtmuseum Zweibrücken, 10. April bis 26. Juni. Dienstag 10-18 Uhr, Mittwoch bis Sonntag und Feiertage 14-18 Uhr, Eintritt: fünf Euro, Katalog: zehn Euro. —Werke von Rodrigo Aniag, Chrisanto Aquino, Walter Bernstein, Gabriela Cichowska, Jacques Coquillay, Andrea Denis, Robert Erbelding, Sabine Franke, Franz Juncker, Hartmut Köhl, Caroline Moxhon, Turaiphie Z. Musa, Tamara Suhr, Marie Tora, Jutta Walter, Kate Waters, zwei anonyme Maler.