Zweibrücken Da wird er richtig polemisch

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Wer mit Charles Egon Mischke im Zug fährt, kann einiges erleben. Dass der Typ nicht wirklich Stil hat, darauf deutet schon der (wohl kalkulierte, wenn auch hässliche) Name hin. Die männliche Hauptfigur des neuen Kriminalromans „Reflexion“ des Homburger Autors Markus Heitz wird – wie so häufig – zum selbst ernannten Ermittler und kommt eigentlich aus der Immobilienbranche.

Was erfährt man nicht so alles, wenn man mit hübschen Damen im gleichen Abteil sitzt und nonchalant auf deren sich in der Fensterscheibe spiegelndes Handy schielt? In der Hoffnung auf „irgendeinen Schweinkram“, den die Dame mit den behandschuhten Fingern tippen und/oder lesen könnte, erkennt Charles Egon Mischke einen Code. Nein, nicht Sex, sondern – scharf beobachtet – Crime spielt sich hier ab. Der Mann mit dem seltsamen Namen wittert Mord. Er sollte sich nicht täuschen. Rasant fährt nicht nur der ICE von Köln nach Leipzig, in nicht minder schnellem Tempo wird der Yuppie, der einen Mord verhindern will, selbst in das Geschehen gezogen. Er setzt das von der Mitreisenden weggeworfene prähistorische Handy wieder zusammen und tritt an ihre Stelle, um den Auftragsmord (von dem er überzeugt ist) zu verhindern. Aber da er leider kein Profi ist, bringt er schnell die Killer auf den Plan und ist dumm genug, seinen echten Namen zu verraten. Das wird seine Freundin Annika das Leben kosten. Apropos Annika: Wie auch in anderen Büchern sind die Liebsten der Helden nur wenig mehr als schmückendes Beiwerk. Sie räkeln sich in roten Dessous auf Betten, legen mit Teelichtern Spuren zum Bett und „dürfen“ (ja, das steht dort wirklich) auch einmal das Restaurant, in dem ein Sternekoch am Herd steht, aussuchen. Heitz lässt auch hier kein Klischee aus, sei es auch noch so plump. Weshalb auch? Es macht ihm offensichtlich Freude, diese billigen Gemeinplätze aneinander zu reihen. Was fehlt? Der Humor, die Ironie, der Sarkasmus, irgendetwas, das ihn davor retten würde, den ganzen Roman selbst zu einem riesig großen Klischee werden zu lassen. Leider erscheint nicht einmal ein Funke von (Selbst-)Ironie. Nicht nur, dass Annika ein billiges blondes Sexpüppchen ist, sie stirbt auch einen banalen sinnlosen Tod. Vor Charles Egon (der sich schon so auf die Horizontale mit seiner Freundin gefreut hatte) waren bereits die Killer da. Und es ist Blut geflossen, viel Blut. Annika liegt mit aufgeschlitzter Kehle da, und jetzt offenbart sich Heitz’ ganze Sensationslüsternheit: „Ihre blauen Augen waren geöffnet, die blutnassen Haare klebten auf ihrem verzerrten Gesicht und an der Innenseite des beschlagenen Plastiks.“ In diesem Stil geht es weiter, weitere Kehlen werden aufgeschlitzt, es darf geballert werden, und Charles Egon, der sich sonst nur um die teure Uhr an seinem Handgelenk sorgt, wird selbst zum Mörder. Man möchte seufzen und tut es auch. Der so brutal um die Frau gebrachte Mann sinnt auf Rache. Obwohl er selbst schuld ist an ihrem Tod, weil er sich in fremde Angelegenheiten mischen musste, jagt er nun die Killer. Jetzt verkommt die Story endgültig zum Groschenroman. Es folgen nur Aktion-Szenen und allzu platte, kurze Dialoge. Muss man dafür ein Buch lesen? Das kann man sich notfalls im Fernsehen anschauen und (wenn nötig) die Pinkelpause nutzen. Wie geht es weiter? Der Held der Geschichte wird zum ganz harten Hund, der immer tiefer in der Welt der Kriminellen versinkt. Und er wird polemisch, richtig polemisch. Die Frau, die vorher nur das Restaurant aussuchen durfte (und auch nur, wenn es ihren Gönner einmal überkam), wird durch ihren brutalen Tod zur „Frau seines Lebens“. Im fünften Kapitel fasst Charles seine eigene Geschichte zusammen, auch, weshalb er nicht zur Polizei geht: „Weil ich zuerst wissen muss, für wen die Frau meines Lebens gestorben ist.“ Charles rang mit seiner Fassung. „Und weil ich verhindern wollte, dass das eigentliche Opfer stirbt. Damit Annika nicht umsonst ihr Leben verlor.“ Wem ist zur Lektüre dieses Buch zu raten? Vielleicht Menschen, die kein Blut sehen können und es trotzdem insgeheim wollen. Man kann ja die entsprechenden Seiten überblättern. Wenn es nicht so viele wären. Oder Menschen, die nicht gerne lesen, aber dennoch sagen möchten, sie hätten kürzlich ein Buch gelesen. Weil es ja so spannend war – und sich so locker las. Lesezeichen Markus Heitz: „Reflexion“, Kriminalroman, Verlag Droemer Knaur 2016, 189 Seiten, 748 KB, 3,99 Euro.

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