Handball
Bundesligist reist mit Respekt zum DHB-Pokalspiel beim SV 64 Zweibrücken
Nein, dass auch ein Zweibrücker gehörigen Anteil an der Erfolgsgeschichte des TuS Nettelstedt hat, davon hatte Emir Kurtagic keine Ahnung. „Klar, wo Zweibrücken liegt, wusste ich natürlich. Aber wir leben ja wegen Corona immer noch in einer Blase, regelrecht abgeschieden“, sagt der heutige Trainer des TuS Nettelstedt-Lübbecke, der den Verein im Juni nach drei Jahren Zugehörigkeit zur Zweiten Liga wieder zurück in die Bundesliga führte. „Wenn ich zuletzt mehr in der Stadt unterwegs gewesen wäre, hätte mich aber sicher jemand darauf angesprochen“, meint der gebürtige Jugoslawe mit deutschem Pass vor dem DHB-Pokalspiel der ersten Runde am Samstag (18 Uhr, Westpfalzhalle, ausverkauft) bei Drittligist SV 64 Zweibrücken. Die Nettelstedter hatten die Saison punktgleich mit dem HSV Hamburg beendet und so den Aufstieg klar gemacht.
Keller vor 40 Jahren der Europapokal-Held
Es ist genau 40 Jahre her, da gehörte ein gewisser Harry Keller, in Bubenhausen aufgewachsen, neben Torwart Klaus Wöller und 1978er-Weltmeister Jimmy Waltke zum TuS-Kader. Der schlug in Hin- und Rückspiel den hoch gehandelten SC Empor Rostock aus der damaligen DDR und gewann den Europapokal der Pokalsieger – bis heute mit den City-Cup-Erfolgen 1997 und 1998 die einzigen internationalen Erfolge der Nordrhein-Westfalen. Keller hatte beim SV 64 mit dem Handballspielen begonnen, war über den TuS Neunkirchen und Bundesligist OSC Rheinhausen 1977 in Nettelstedt gelandet. Im Rückspiel traf der damals vollbärtige Hüne 25 Sekunden vor dem Schlusspfiff zum entscheidenden 17:14-Endstand.
Zurück zur Gegenwart: Der Erstliga-Aufsteiger nimmt die Partie nach den Worten des TuS-Trainers ernst. „Wir wissen, was auf uns zukommt. Ich musste zwar ein bisschen mehr nachforschen als sonst, habe aber Videos des SV 64 gesehen. Wir haben uns vor allem deren Spielweise angeschaut“, sagt der 41-jährige frühere Linksaußen und später langjährige Trainer des VfL Gummersbach, der in seinen zwei Jahren beim TV Hüttenberg von 2017 bis 2019 auch den Ex-Zweibrücker Björn Zintel unter seinen Fittichen hatte. „Wir haben Respekt vor jedem Gegner und nehmen keinen auf die leichte Schulter“, sagt Kurtagic.
Erst übernachten, dann spielen
Gott sei Dank sei seine Mannschaft – bis auf einen infizierten Spieler – vergangene Saison nicht von Corona direkt betroffen gewesen. Die Pause nach einer „sehr, sehr langen Zweitliga-Saison“ bis zur Vorbereitungsphase auf die neue Erstliga-Spielzeit sei aber sehr kurz gewesen. „Das ist sehr anspruchsvoll gerade“, sagt Kurtagic – und hat auch schon erste Sorgenfalten. Spielmacher Tom Wolf riss sich Mitte August in einem Testspiel die Achillessehne und wird lange ausfallen. Bisher hat der TuS Nettelstedt-Lübbecke noch keinen Spieler nachverpflichtet. „Natürlich schauen wir rechts und links. Aber der Zeitpunkt, so kurz vor der Saison, ist extrem schwierig, um einen Ersatz zu finden, der auch wirklich zu uns passt“, erläutert Kurtagic.
Er weiß, dass seine Mannschaft als Neuling in der Bundesliga immer mit dem Stempel des potenziellen Abstiegskandidaten leben muss. Das findet er allerdings nicht weiter schlimm. „Der Unterschied zwischen der Zweiten und der Ersten Liga ist wirklich groß, aber wir gehen die große Aufgabe mutig und motiviert an“, versichert er.
Er freut sich auf das Spiel in Zweibrücken und die Zuschauer. „Wir durften ja schon am Ende der letzten Runde bei zwei Spielen wieder einige Zuschauer reinlassen. Das hat uns im Endspurt des Aufstiegsrennens vielleicht auch geholfen, einige Hemmungen abzulegen.“ Der Bundesligist überlässt in Sachen Pokal nichts dem Zufall, reist bereits am Freitag an und übernachtet in der Nähe von Zweibrücken. „Eine längere Busfahrt als die nach Zweibrücken hätten wir mit 520, 530 Kilometern ja fast nicht erwischen können. Da wollte ich schon, dass meine Spieler tags drauf erholt in die Partie gehen können“, begründet Kurtagic diese Maßnahme.